NZZ Folio 07/96 - Thema: Versichert   Inhaltsverzeichnis

Küchengeographie -- Gut Kirschen essen

Von René Simmen

TAUSEND JAHRE bevor der römische Feldherr und Gourmet Lukullus 64 n. Chr. den Kirschbaum vom Schwarzen Meer nach Europa brachte, hatten bei den Pfahlbauern an den Schweizer Seen Kirschen zu den vorsommerlichen Mahlzeiten gehört. Was Lukullus brachte, war wohl eine besonders gute Sorte der Süsskirsche. Sie verdrängte mehr und mehr die einheimischen Wildlinge; die heute weltweit kultivierten Gattungen dürften mit dem lukullischen Kirschbaum insofern noch verwandt sein, als sie alle aus Kleinasien stammen.

Um die zwanzig Sorten, davon zwei Sauerkirschenarten (Weichsel und Schattenmorelle), haben in der Schweiz regionale und überregionale Bedeutung. Jede Sorte hat besondere, für den Haushalt oder die Konservenindustrie gut geeignete Eigenschaften und ihre bestimmte Erntezeit. Die vor allem in der Nordschweiz beheimatete Basler Adler zum Beispiel wird in der fünften Kirschenwoche kurz nach der Sorte Schumacher und drei Tage vor den Basler Langstielern erntereif, die Alfa, eine Züchtung der Eidgenössischen Forschungsanstalt Wädenswil, hingegen in der dritten Kirschenwoche, drei Tage nach Magda und eine Woche vor Beta.

Wenn Sie sich trotz diesen Angaben kirschenterminlich nicht zurechtfinden, müssen Sie sich nicht grämen. Kirschen gelangen angeblich immer zu früh oder zu spät gepflückt, in zu geringer oder zu üppiger Menge, durch Regen und Hagel angeschlagen zum Konsumenten. Und wenn es sie einmal vollgereift und sonnenprall gibt, sind sie ausverkauft. Das zeigt, dass die Kirsche eine eigenwillige und übrigens eine nicht gerade leicht zu erntende Frucht ist. Wohl jede ordentliche Bauernfamilie weiss von einem Onkel, Urgrossvater oder Götti zu berichten, der sich beim Kirschenpflücken oder -stehlen Bein, Arm, Rippen oder gar das Genick gebrochen hat. Dementsprechend dürften die oft hohen Preise marktgerecht sein.

Aus Kirschen lässt sich vieles zubereiten: Konfitüre, Kompott, Sirup und eine Menge von Süssspeisen wie Kuchen, Torten, Strudel, Crèmes, Puddings und Gefrorenes. Man legt sie in Essig, Branntwein und Zucker ein, verarbeitet sie zu Schnaps, Liqueur und Wein und bereitet aus ihnen auch sättigende Gerichte wie Suppen, Omeletten und die mit Brot angereicherten Chriesitotsch und Chriesiprägel.

Nur noch selten werden für alle diese Gerichte die Kirschen selbst entsteint, die Zeiten der blauen Hände, verspritzten Gesichter und nicht mehr wegzubringenden Flecken auf der Bluse sind vorbei. Heute können Kirschen bereits entsteint gekauft werden. Oder fixfertig als Konfitüre, Gelee oder Kuchenbelag. Die Konserven- und Konfitürenfabriken sind deshalb auch die grössten Kirschenverwerter. Ein grosser Teil der Kirschenernte geht ausserdem an die Spirituosenindustrie. Der Basler und der Zuger Kirsch gehören zu den weltbekannten Schnäpsen.

Am besten schmecken Kirschen jedoch au naturel und womöglich frisch vom Baum gepflückt. Man denke jedoch an die erwähnten Göttis, Urgrossväter und Onkel, und auch daran, dass nicht mit allen Leuten gut Kirschen essen ist. Diese Redensart, heisst es, sei entstanden, weil der Bischof Witigs den Markgrafen von Meissen mit vergifteten Kirschen ins Jenseits befördert habe. Folgerichtiger ist jedoch der Zusammenhang mit dem in Steinbachs Wörterbuch von 1734 erwähnten Spruch: «Es ist nicht gut mit grossen Herren Kirschen zu essen, sie spucken einem die Kerne ins Gesicht»; in einer älteren Fassung heisst es auch: « . . . sie werfen einem die Stiele ins Gesicht».

Über das Geniessen von Kirschen wäre noch einiges zu sagen. Das Schlucken der Steine ist aus angeblich gesundheitlichen Gründen verpönt, was früher auch einen praktischen Hintergrund hatte: Die Steine dienten, in einem Säcklein gesammelt und auf dem Ofen aufgewärmt, im Bett als Wärmekissen. Was also tut man heute beim Kirschenessen in guter Gesellschaft? Schlucken nicht, spucken nicht - ja was denn?


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