NZZ Folio 12/91 - Thema: Verführungen   Inhaltsverzeichnis

Das fiktive Buch -- Kein Ende der Fiktionen

Von Manfred Papst

Ob real existierende Bücher die Welt verändern, ist eine strittige Frage. Anders sieht es bei den fiktiven Büchern aus: Sie haben nachweisbar allerlei Bewegung in die Welt gebracht. Was aber sind fiktive Bücher?

Christian Schäfer-Manz, der die erste Monographie zum Thema vorlegt, definiert den Begriff folgendermassen: «Unter fiktiven Büchern verstehen wir Schriften, die nur als Gerücht existiert haben oder existieren. Sie sind mithin abzugrenzen gegen Fälschungen, die zwar etwas vorzuspiegeln versuchen, was sie nicht sind, die es jedoch als Bücher gibt.»

Was kann Menschen veranlassen, die Existenz bestimmter Bücher zu behaupten? Schäfer-Manz, Privatdozent an der Gesamthochschule Wuppertal, unterscheidet in seiner Darstellung drei Kategorien. In die Kategorie I fallen Bücher, deren Existenz behauptet wird, um einer bildungsbeflissenen Öffentlichkeit, die über alles Bescheid wissen muss, ohne dass sie alles gelesen haben kann, ein Schnippchen zu schlagen. Ein von Schäfer-Manz ausführlich abgehandeltes Beispiel für diese Kategorie bilden die Werke des japanischen Schriftstellers Haresu, deren Ankündigung die Wiener Literaturwelt Anfang der zwanziger Jahre in helle Aufregung versetzte und auch im Buchhandel für Betriebsamkeit sorgte. Es ist Egon Friedells bleibendes Verdienst, dem imaginären Exoten zu vorübergehendem Ruhm verholfen zu haben.

Dass Not nicht nur beten, sondern auch lügen lehrt, beweisen die zahlreichen Werke, die Schäfer-Manz unter der Kategorie II.1 zusammenfasst - Titel, die den Hauptzweck verfolgten (und verfolgen!) -, Verlegern Vorschüsse aus dem Kreuz zu leiern. Hier gilt es freilich zu unterscheiden zwischen Schriftstellern, die grundsätzlich willens sind, das angekündigte Werk auch zu verfassen, die es womöglich, wie Keller über den Abschluss der ersten Fassung seines «Grünen Heinrich» schreibt, «unter Tränen zuendeschmieren» - und jenen, die ohne einen Augenblick ernsthaft zu erwägen, ihr Versprechen einzulösen, eine ruhige Kugel durch den schönen Lenz schieben. Für diese Lebenskünstler kann Schäfer-Manz eine verstohlene Bewunderung, wie sie etwa Hebel gegenüber dem Zundel-Heiner und dem Zundel-Frieder hegte, nicht verleugnen. Um so verdienstvoller ist es, dass er nicht nur die leeren Versprechungen verblichener Verfasser behandelt, sondern in einer Liste von nicht weniger als 361 Einträgen auch festhält, mit welchen angekündigten Werken lebender Autoren nicht mehr zu rechnen ist. Da der Rezensent dem Buch viele Leser wünscht, hütet er sich, etwas von seinem Listenreichtum auszuplaudern.

Neben die Lügen aus materieller Not treten jene aus seelischer Bedrängnis. Unter II.2 spricht Schäfer-Manz von den fiktiven Büchern, die sich dem Umstand verdanken, dass manchen Autoren partout nichts mehr einfällt, sie sich selbst und der Welt diese Tatsache jedoch nicht einzugestehen vermögen. Von hier ist es ein kleiner Schritt zur Behauptung, man arbeite gerade an einem Opus magnum, an dem die gebildete Menschheit noch lange zu kauen haben werde. Gewöhnlich wird der Betrug erst vom Nachlassverwalter entdeckt, der mit wachsender Verzweiflung oder auch Erleichterung eine leere Schublade um die andere aufreisst. Einige dieser Fälle - Beer-Hofmann, Hammett, Capote - handelt Schäfer-Manz ausführlich ab; manche Leser werden freilich wiederum aus der beigefügten Liste den grössten Nutzen ziehen.

Den abschliessenden Teil des Buches bildet ein Kapitel über das fiktive Buch als Fluchtweg und Lebensform. Jedermann wisse, führt Schäfer-Manz aus, dass etwa Hildesheimers «Marbot» eine fiktive Figur sei und dass es keine authentischen Schriften von ihm gebe. Das habe sein Schöpfer auch bereitwillig zugegeben und mit undurchdringlichem Blick hinzugefügt, man arbeite nicht vier Jahre lang an einem Witz. Was aber sei nun geschehen? Marbots Gedanken zur Psychologie und zur Kunst seien aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr wegzudenken, seine Begegnungen mit Schopenhauer und Leopardi in ihren Folgen noch gar nicht abzusehen. Es zeige sich, dass der Satz «Nüt on Ursach», mit dem Sebastian Brant sein «Narrenschiff» beschliesst, durchaus der Überprüfung bedürfe.

Besonders zu erwähnen ist, dass Schäfer-Manz im Anhang seines Werks die erste verlässliche Bibliographie zum fiktivem Schrifttum vorlegt. Vollständigkeit wird niemand von ihr erwarten. Der Band enthält indes am Ende einige leere, mit «Errata und Addena» überschriebene Seiten.

Christian Schäfer-Manz: Das fiktive Buch. Theorie - Geschichte - Wirkung. Verlag Mohr und Ruprecht, Tübingen 1991.


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