NZZ Folio 03/99 - Thema: Frischer Fisch   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Füchse der Grossstadt

Von Herbert Cerutti

IN DER NACHT vom 28. auf den 29. Dezember 1995 erhielt der Zürcher Zoo räuberischen Besuch. Am Morgen fehlten eine Streifengans, ein Weissnackenkranich, zwei Nilgänse und eine Silbermöwe. Einige der Opfer fand man im Schnee verbuddelt. Über den Täter herrschte Unklarheit - bis man Fuchsspuren entdeckte. Eine aufgestellte Falle blieb in der folgenden Nacht leer. Dafür fehlte eine wertvolle Magellangans. Am nächsten Abend erlegte der Wildhüter schliesslich eine Fuchsfähe. Trotz sorgfältiger Kontrolle liess sich am Schutzzaun rund um das Zoogelände kein Leck finden. Just in den gleichen Tagen drang in London ein Fuchs über einen gefrorenen Weiher in den Park des Buckingham-Palastes ein und räumte sämtliche sieben Flamingos der Königin ab. Dass Füchse in der Stadt auch für Homo sapiens Unbill bedeuten können, zeigt eine Polizeimeldung vom 6. Oktober 1997: In Zürich rannte ein Fuchs frühmorgens in ein Motorrad. Der Fahrer stürzte und musste mit Rippenbrüchen ins Spital gebracht werden.

Solche Meldungen mögen kurios erscheinen. Sie sind jedoch wildbiologisch hochinteressant: Die Füchse haben die Stadt erobert. Heute leben auf Zürcher Stadtgebiet um die 400 Füchse, mit stellenweise bis zu 20 Tieren pro Quadratkilometer, das Zehnfache der Bestandesdichte auf dem Land. Aus Berlin, Paris und Kopenhagen werden ähnliche Fuchshäufigkeiten gemeldet. Zeigten sich in Zürich Füchse vermehrt ab etwa 1985, wurden sie in den Städten Bern und Basel nach wie vor nur vereinzelt beobachtet. Bereits traditionelle Fuchsreviere aber sind englische Städte wie London, Bristol und Oxford, wo grössere Tierpopulationen seit dem Zweiten Weltkrieg existieren.

Am Zürichberg weiss mittlerweile fast schon jeder Hausbesitzer über gelegentlichen Fuchsbesuch zu berichten. Ein Grundeigentümer darf laut kantonalem Jagdgesetz störende Füchse mit einer Kastenfalle fangen oder im Umkreis von 100 Metern vom Haus erschiessen. In der Stadt Zürich verbietet die Polizeiverordnung allerdings den Einsatz von Schusswaffen. Holt der Fuchs ein Huhn oder verursacht er anderen Schaden, ist für gewöhnlich der Jagdpächter haftbar. In Wildschongebieten wie der Stadt Zürich muss die Gemeinde zahlen.

Für empfindliche Seelen, denen während der Ranzzeit in den Wintermonaten das Gebell der verliebten Rüden auf die Nerven geht, hat die Stadt ein Fuchstelefon (01/450 68 08) eingerichtet. Die Zoologin Sandra Gloor, die sich im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Stadtökologie und Wildforschung speziell mit den Stadtfüchsen beschäftigt, teilt unter der genannten Nummer Ratsuchenden mit, was gegen Fuchsprobleme unternommen werden kann.

Auf dem Hauskompost sollten weder Fleischabfälle noch Gekochtes deponiert werden. Zur Abschreckung empfiehlt die Fachfrau alte Hausmittel wie das Deponieren von Hundehaaren und petrolgetränkten Lappen, die in Mauerlücken oder direkt in den mutmasslichen Fuchsbau gestopft werden. Vor allem aber rät Sandra Gloor zu Geduld. Denn die Fuchsmütter sind besonders aktiv, wenn sie im Frühjahr für ihre Jungen Futter beschaffen müssen. Auch sorgen die lieben Kleinen bis in den Sommer hinein mit ihrem ausgelassenen Spiel für Betrieb. Im Spätsommer und Herbst kommt jedoch die Zeit, da die Jungfüchse wegziehen und etliche Kilometer von der Kinderstube entfernt ein eigenes Revier und einen Geschlechtspartner suchen. Selbst in günstigen Zeiten wird die Zahl der Füchse nicht beliebig steigen: Von den im Frühjahr pro Paar produzierten vier bis sechs Jungen wird weniger als die Hälfte ein Jahr alt.

Im Garten eines Kollegen in Wetzikon hörte der Fuchsspuk ebenso plötzlich auf, wie er begonnen hatte. Eines Frühlingsabends war eine Fähe mit einer Schar Jungen über den Rasen spaziert. Während der folgenden Monate okkupierte die Bande ungeniert den Garten und deponierte ihren Kot im sorgsam gepflegten Privatgrün. Die Sorge des Hausherrn galt vor allem dieser Verunreinigung, weil er befürchtete, sein ebenfalls im Gras spielendes Menschenkind könnte sich mit dem Fuchsbandwurm anstecken. Ende August blieb die Fuchsfamilie von einem Tag auf den andern weg.

Worum handelt es sich beim Fuchsbandwurm? Beim Verzehr von Feldmäusen gelangen Echinococcus-multiocularis-Larven in den Fuchsdarm, wo sie zum Bandwurm heranwachsen. Von den fast 6000 Füchsen im Kanton Zürich ist jeder Dritte davon befallen. Diese Tiere scheiden mit dem Kot laufend Wurmeier aus, die sich in feuchter Umgebung monatelang halten und sogar den Winter überstehen. Die Eier werden von den Feldmäusen, dem Zwischenwirt, mit der Nahrung aufgenommen, und es entwickeln sich neu Larven im Mausdarm.

Gefährlich wird der Parasit dadurch, dass die Larven über den Blutstrom in die Leber gelangen und sich in tumorähnlichen Zysten vermehren. Auch der Mensch kann zum Zwischenwirt werden, falls Wurmeier in seinen Mund gelangen - zuweilen mit tödlichen Folgen. In der Schweiz erkranken pro Jahr 6 bis 10 Personen an alveolärer Echinokokkose, der Folge einer Infektion mit dem Fuchsbandwurm. Die eher geringe Zahl hat sich glücklicherweise in den letzten 20 Jahren kaum verändert, obwohl sich der Fuchsbestand im selben Zeitraum vervierfachte.

Seit zwei Jahren in der Schweiz völlig verschwunden ist die vorwiegend ebenfalls durch Füchse verbreitete Tollwut. Gab es in den siebziger Jahren noch jährlich über 1000 Tollwutfälle, gelang dank millionenfach in der Landschaft ausgelegten Ködern mit Schluckimpfstoff ein hoffentlich dauerhafter Sieg über die gefährliche Infektionskrankheit.

Das Phänomen «Stadtfuchs» ist Ausdruck ureigenster Fuchsnatur. Das hübsche Pelztier hat zu Recht den Nimbus eines listigen und schlauen Wesens. Mit seinem hervorragenden Geruchssinn und dem präzisen Gehör vermag es seine Beute selbst in völliger Dunkelheit zu finden - sogar blinde Füchse überleben problemlos in freier Natur. Die stärkste Waffe des Fuchses ist aber seine enorme Anpassungsfähigkeit. Auf dem Land lebt er vor allem von Mäusen, die er für die Aufzucht der Welpen gleich bündelweise in den Bau trägt. Sind Mäuse rar, verlegt sich der Jäger auf Regenwürmer, holt sich bodenbrütende Vögel und kleine Säuger oder frisst sogar Beeren und Steinobst. Und falls das Gatter nachts offen bleibt, bedient er sich umgehend im Hühnerstall.

Die kulinarische Vielseitigkeit (und Gründlichkeit) hat dem Fuchs den Hass der Bauern und Jäger eingetragen, die ihm noch bis in unser Jahrhundert rücksichtslos nachstellten, etwa mit strychninhaltigen Ködern oder indem sie ihn im Bau mit schwelenden Petrollappen erstickten. Die Grausamkeit kannte keine Grenzen: Die Fuchsangel, ein im hochhängenden Köder verstecktes Angeleisen, liess das Tier wie ein Fisch an der Angel zappeln; der Fuchsbohrer durchspiesste das im Bau versteckte Tier und holte es nach der Art und Weise eines Korkenziehers aus dem Engnis. Mittlerweile werden in der Schweiz die Füchse wenigstens waidmännisch erlegt, zurzeit 40 000 pro Jahr. Auch hat mancher Bauer begriffen, dass der Nutzen des Fuchses als Mäusejäger den gelegentlichen Hühnerraub bei weitem kompensiert.

In der Stadt gibt es eher wenig Mäuse, dafür in den Hausgärten und hinter den Restaurants Abfall in Hülle und Fülle. Magenuntersuchungen an 571 Londoner Füchsen haben bei 49 Prozent der Tiere Pouletreste und andere Fleischabfälle zu Tage gebracht. Je etwa 10 Prozent hatten Brot, Kartoffelschalen oder Trockenfrüchte im Bauch; bei einem Fuchs fand man die Reste eines chinesischen Essens. Auch bezüglich des Lebensraumes machte man an Londoner Füchsen erstaunliche Entdeckungen. Von 97 in der Grossstadt lokalisierten Fuchshöhlen lagen 36 unter Gartenhäuschen und 29 in Böschungen entlang von Gärten oder Eisenbahnlinien. Einige der Fähen zogen ihre Jungen versteckt unter den Bodenbrettern bewohnter Häuser auf, wobei sie nicht selten Hunde- oder Katzentürchen benutzten.

Die Zürcher Stadtfüchse sind zurzeit Thema einer wildbiologischen Studie. Man geht etwa der Frage nach, ob Stadtfüchse lediglich aus übervölkerten Landrevieren einwandern oder eher einen eigenen Ökotyp bilden. Es ist denkbar, dass sich vor einiger Zeit ein besonders neugieriger und mutiger Fuchstyp herausbildete, der selbst in unmittelbarer Nachbarschaft zu Menschen, Haushunden und Verkehr sein Leben führen kann.

Ein erster Genvergleich von Zürcher Stadtfüchsen mit Kollegen aus der ländlichen Umgebung deutet in der Tat auf geringe genetische Durchmischung und somit auf einen eigenständigen Schlag von füchsischen Städtern hin. Möglicherweise sind die heutigen Stadtfüchse sogar eine alteingesessene urbane Stammgesellschaft, die durch die moderne Nahrungsmittelverschwendung lediglich vermehrt ans Licht gekommen ist. Laut historischen Berichten soll es in den Schanzen und Kasematten des alten Zürich nämlich schon immer Füchse gegeben haben.


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