NZZ Folio 11/94 - Thema: China   Inhaltsverzeichnis

Bauten -- Die Apotheose des Alltäglichen

Von Roman Hollenstein

DIE STRENGEN KUBEN eines grünlichblauen Bürohauses am Picassoplatz in Basel werfen die Frage auf, ob gute Architektur kokettieren und verführen soll. Von sensationellem Nervenkitzel oder gefälliger Unterhaltung, die seit den achtziger Jahren entschieden zum Erfolg der zeitgenössischen Baukunst beigetragen haben, hält jedenfalls der 1950 geborene Roger Diener wenig. Ihn und seine Partner vom Basler Architekturbüro Diener & Diener interessieren vielmehr Rationalität und Klarheit. Im wechselseitigen Gespräch entwickeln sie ihre von einsehbarer Regelhaftigkeit geprägten Bauten. Diese konzeptuelle Entwurfsmethode führt dazu, dass ihren Häusern das spektakulär Konstruierte ebenso fehlt wie das vordergründig Künstlerische.

Als unromantische, auf jeden expressiven Gestus verzichtende Stellungnahme für das Gewöhnliche versteht sich das wie mit dem Skalpell aus dem Raum geschnittene Verwaltungsgebäude der Basler Versicherungen. In seiner Sachlichkeit und seinem nüchternen Realismus mag dieses zwischen 1989 und 1994 erbaute Haus provokativ erscheinen. Dabei versucht es sich diskret in den urbanen Kontext einzuordnen mit seinen Anklängen an banale, aus Fertigelementen errichtete Bürohäuser der sechziger Jahre und an traditionelle Steinbauten. Als Exponent einer neuen Einfachheit, die nach dem Wesentlichen in der Architektur forscht, zeigt es postmodernen Fassadenspielereien, dekonstruktivistischen Verrenkungen und architekturfremden Theorien die kalte Schulter. In seiner Rückbesinnung auf die Tektonik des Gebauten erweist es sich als Teil einer aktuellen Debatte.

Die morphologische Gestalt des in die Tiefe gestaffelten Gebäudes, das aus je einer sechs- und einer achtgeschossigen, von einem Quertrakt durchdrungenen Scheibe besteht, beruft sich auf eine Schinkel und Mies van der Rohe verpflichtete «Verbildlichung der Konstruktion». Die Mauern und Decken der inneren Betonstruktur werden auf den selbsttragenden Fassaden veranschaulicht durch den Wechsel von Marmorplatten aus grünlichem Andeer-Granit, tief eingelassenen Fenstern und umlaufenden Gurtgesimsen. Dieses tektonische, sich auf das Mauerwerk des Kunstmuseums beziehende Wandsystem umhüllt wie eine plastische Aussenhaut das kubische Gebäude und verschweisst es zu einem Monolithen. Schmale Brüstungen über den abschliessenden Kranzgesimsen betonen das Klassizistische dieser ausgewogenen Architektur. Gleichzeitig fühlt man sich an die Minimal Art erinnert: besonders im kleinen, vom Pavillon, von den beiden Gebäudescheiben und dem Quertrakt gebildeten Hof, wo die architektonische Schichtung - ganz ähnlich wie beim Lagerhaus von Herzog & de Meuron in Laufen - zum dominierenden Thema wird.

Ausgehend von der «Wirklichkeit der Baustelle», befragen Roger Diener und sein Team ganz systematisch die Grundelemente ihrer Architektur: von Bauprogramm, Konstruktion und Form über Raum und Ort bis hin zum Material. Dieses Ausloten innerhalb eines abgesteckten Feldes lässt sich vergleichen mit der Malweise Robert Rymans. Wie seine weissen Gemälde sind auch Dieners minimale Bauten umgeben von einer geheimnisvollen Aura. Doch ist nicht Kunst das Anliegen dieses Teams, sondern die mit einer Reduktion der Mittel einhergehende Verfeinerung der Architektursprache.

Aus Bildern von Sironi glaubt man diese kantige Architektur zu kennen, deren Schönheit in der Apotheose des Alltäglichen begründet liegt. Am Picassoplatz erschafft sie einen Stadtraum, wie ihn sich wohl die von der Pittura metafisica beseelten Baukünstler des Novecento und des Razionalismo ähnlich ausgedacht hätten. Wie bei der durch Gio Pontis Bauten erweiterten Strassenecke an der Mailänder Via Moscova handelte es sich zuvor auch hier im Grunde nur um eine Kreuzung, bestimmt durch Bürobauten der Nachkriegsjahrzehnte sowie durch die Rückseiten von Börse und Museum. Auf diese städtebauliche Konstellation fanden die Architekten eine präzise Antwort, die sich niederschlug in der Verteilung der Volumen, der Anordnung der Aussenhöfe und in der Platzform.

Der allseitig ins Stadtgefüge eingebundene Solitär basiert auf einem streng orthogonalen Grundriss, der gleichermassen an Gropius' Dessauer Bauhaus wie an El Lissitzkys konstruktivistische Entwürfe erinnert. Er ist das Resultat der Auseinandersetzung mit den architektonischen Gegebenheiten und den stadträumlichen Dimensionen. Exakt schliesst die Stirnfront der niedrigeren Gebäudescheibe, die sich auf das kubisch komponierte Kunstmuseum bezieht, mit einer leichten Schrägstellung den Platz. Dadurch wird der Bau zum ruhenden Pol, zur Integrationsfigur, die dem Chaos der Stadt entgegenwirkt, statt dieses, wie heute oft der Fall, modisch zu thematisieren.

Das aus dem Grundriss ebenso wie aus den Ansichten hervorgehende, in sich schlüssige Gefüge bestimmt auch das Innere des Gebäudes. Dieses betritt man nicht, wie zu erwarten, am Picassoplatz, sondern durch einen Pavillon, der wie die benachbarte First Church of Christ Scientist von Otto Rudolf Salvisberg leicht zurückversetzt ist. Salvisbergs moderate Ausformung der Moderne klingt nach in der bronzegerahmten Eingangstüre und dem Bandfenster des wohlproportionierten Pavillons. Vornehm zurückhaltend geben sich auch der Empfangsraum, die Halle und der Bürobereich, dessen helle, angenehm konventionelle Arbeitsräume erschlossen werden von einem zentralen Korridorsystem, das gleichsam den Gebäudegrundriss nach innen projiziert. Hier manifestiert sich noch einmal das Kontinuierliche, Durchdachte dieser vordergründig so einfachen Architektur. Es spricht aus dem Detail, der ganzen Baufigur, aber auch aus der Art, wie diese sich in das komplexe Gewebe der Stadt integriert.


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