NZZ Folio 04/96 - Thema: Eherne Ehe   Inhaltsverzeichnis

Bauten -- Ein südliches Dorf im Grunewald

Von Roman Hollenstein

DIE JÜDISCHE KULTUR Berlins, die Deutschland einst so reich befruchtete, feiert ihre Renaissance: In neuem Glanz erstrahlen die Fassade der Synagoge an der Oranienburger Strasse sowie das Mossehaus von Erich Mendelsohn. Gespannt fiebert zudem die Architektenwelt der Vollendung von Daniel Libeskinds Jüdischem Museum entgegen. In dessen Schatten entstand fast unbemerkt am Rand des Grunewalds das erste jüdische Schulhaus in Berlin seit der Shoa: die Heinz-Galinski-Schule von Zvi Hecker - eine Tagesschule für 350 Schüler mit Aula, Bibliothek, Turnhalle und Speisesaal.

Der auf den ersten Blick geheimnisvoll chaotische Entwurf, das Resultat eines 1990/91 durchgeführten Wettbewerbs, verdichtet sich zu einem Spiralnebel oder - so Hecker - zu einer geometrisch umgesetzten Sonnenblume. Laut wurde an der Durchführbarkeit dieses «wilden Projekts» gezweifelt, als handelte es sich um das Hirngespinst eines jugendlichen Träumers. Dabei ringt der 1931 in Krakau geborene Israeli erfolgreich und mit letzter Konsequenz um die Vermählung von Kunst, Natur und Architektur, das beweisen seine Werke vom Rathaus in Bat Yam über das Polyedergebirge der Siedlung von Ramot bis zum Palmach-Museum in Tel Aviv.

Nähert man sich der Schule, so ahnt man nicht, welch expressiv-dynamischer Bau sich hinter dem modernistisch anmutenden Pförtnerhaus verbirgt. Hier weht der Geist von Bruno Tauts kristallinen Welten, von Frank Lloyd Wrights Taliesin West, von Schwitters Merzbau. Er relativiert organisch die strenge Geometrie, die Heckers Kunst einst prägte, und sorgt dafür, dass diese sich nicht einfach in Stilschubladen einordnen lässt.

Die von der Sonnenblume abgeleitete Zentrifugalkomposition, schon lange Heckers Lieblingsthema, taucht bereits im Spiral-Apartmenthaus von Ramat Gan auf, einem irritierenden Werk aus Beton, Blech, Spiegelglas und Stein, das von der Freundschaft des Architekten zum Iglubauer Mario Merz zeugt. «Drehen sich die Häuser um dich, oder drehst du dich um sie?» Dieser Satz von Merz kommt einem in den Sinn, wenn man den Pausenplatz betritt, um den die fünf geschweiften Gebäudekeile wirbeln. Zwischen diesen Körpern öffnen sich zum Auge des Taifuns hin enge Gassenschluchten und versteckte Höfe.

Die Schule erweist sich als ein labyrinthisches Konglomerat von Häusern und Funktionen. Doch wer den Baukomplex von der Erschliessungsstrasse im Osten her als eine Abfolge braun verputzter Berliner Brandmauern oder vom Freilufttheater auf der waldigen Südseite her als dichte Komposition erlebt hat, für den lösen sich die Dissonanzen auf in einer Symphonie geometrischer Formen. Das anfängliche Chaos wird zu einem in sich logischen Ganzen, in dem die halb abgesenkte Turnhalle ihren ebenso präzisen Platz hat, wie die als dreieckige Berge zum Himmel weisenden Treppenhäuser, der Mensa- und der Aulatrakt oder die Schulgebäude ihn haben.

Glaubt man dieses südlich anmutende Dorf erfasst zu haben, dessen skulpturaler Dreiklang von Silber, Weiss und Grau um Le Corbusiers Traum vom Mittelmeer weiss, so macht sich im Innern gleich wieder Verwirrung breit. Von dem östlich des Pausenplatzes sich öffnenden Foyer gelangt man linkerhand durch ein Gebäude hindurch in die als Emporensynagoge nutzbare Aula, die wohl eine leise Ehrerweisung an Scharouns Philharmonie sein will. Nach rechts hingegen erreicht man den durch ein abgesenktes Oberlicht akzentuierten Speisesaal mit den beiden Koscherküchen. Die Schulzimmer befinden sich vorab in den beiden Obergeschossen. Hier bewegt man sich durch die aussen blechverkleideten Schlangen von einem Haus zum andern. In den Korridoren und Treppenhäusern mit ihren kargen, von Kinderkritzeleien belebten Betonwänden und dem vereinzelt roh belassenen Ziegelwerk wird Heckers Nähe zur Arte povera erneut spürbar, während die unvermittelten Ausblicke mitunter an die Maschinenwelten von Léger erinnern.

Trotz all den Kurven, Winkeln und Verschachtelungen ist Heckers Schule kein dekonstruktivistisches Konstrukt. Vielmehr geht es bei diesem gebauten Laokoon im Würgegriff von silbergrauen Schlangen um das Spiel mit Wahrnehmungen: Lässt man sich darauf ein, so entpuppt sich das Schulhaus als das Meisterwerk eines kosmopolitischen Alchimisten, der mit unterschiedlichen Mitteln Bauexperimente zu formulieren weiss. Dabei ist ihm die Perfektion der Details weit weniger wichtig, als Licht und Raum, Klarheit und Mystik es sind - und der Versuch, für Kinder ein Refugium zu gestalten.


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