NZZ Folio 10/01 - Thema: Alles Design?   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Ins Fass

Von Ursula von Arx

Wirklich bewusst wohnt nur, wer in Hotels und aus dem Koffer lebt. Denn eine Wohnung hat es in sich, schnell zur Gewohnheit zu werden. Man braucht schon Fremde und deren sekundenlanges Schock- oder Begeisterungszeichen im Gesicht, um zu wissen, wo man eigentlich lebt.

Auch Mitbewohner können helfen. Möbel und andere Einrichtungsdinger sind wie Duftmarken, mit denen man sein Gebiet markiert. Da gab es zum Beispiel die Kämpfe, die C. mit S. ausfocht wegen einer Madonnenfigur, die alle Stunden aus der Höhle kam und dazu ein Ave Maria sang. S. hatte die Madonna zusammen mit Heiligenbildern aus Lourdes und vielen Lichtgirlanden in der gemeinsamen Küche installiert. C. mochte sie nicht. S. wiederum mochte die Markierstrategie von C. nicht: überall seinen Müll liegen zu lassen. Vorher waren sie Kumpanen gewesen, zwei Rüden beim Abstecken ihres Reviers. Nach drei harten Monaten unter demselben Dach trennten sie sich. Zusammen wohnen hat schon ganz andere Pärchen auseinandergebracht.

Im unteren Stock desselben Hauses wohnten P. und Ch., und ihre Wohngemeinschaft funktionierte wunderbar. Sie waren beide dem Charme des Unperfekten verfallen. Der Wasserhahn tropfte, und musste mal nachts einer auf die Toilette, brauchte er Kerze und Zündhölzchen. Es wäre kein Problem gewesen, die Sicherung auszuwechseln, aber P. und Ch. hatten beide Günther Anders gelesen, der davon sprach, wie Menschen anfangen, sich schlecht und minderwertig zu fühlen und sich zu schämen angesichts der immer perfekter werdenden Dinge um sie herum.

P. verdient jetzt viel Geld, trägt Anzüge, spielt Tennis und sagt von sich: Wohnen ist mein Leben. Er hat 140 Quadratmeter für sich allein, die von wenigen, aber ausgesuchten Objekten bespielt werden. Es gibt nichts, was die Wirkung seiner hohen, hellen Räume konkurrenzieren würde. Die Küche ist gross und hat alles und mehr. Aber P. kocht selten. Gäste empfängt er mit Champagner, den Rest überlässt er einem Catering-Service. Wer immer in diese Wohnung kommt, macht Ah! Dann rühmt P. den Minimalismus seines Innenarchitekten und nennt ihn perfekt.

Zu Unrecht: Die perfekteste Wohnung der Welt ist immer noch das Fass von Diogenes.


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