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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Sportmärchen - Die schnelle Müllerstochter
© Markus Roost
Von Richard Reich
Es war einmal eine Müllerin, die war arm, aber sie hatte eine schnellfüssige Tochter. Nun traf es sich, dass sie mit dem König ins Gespräch kam, und um nicht gar so armselig vor ihm dazustehen, sprach sie: «Ich habe eine Tochter, die läuft so schnell, dass die Zeit zu Gold gerinnt.» Der König antwortete: «Das ist eine Kunst, die mir gefällt. Bring mir deine Tochter, dass ich sie auf die Probe stelle!» Als nun die Müllerstochter zu ihm gebracht ward, führte sie der König auf eine alte Aschenbahn, die hinter dem Schlosse lag. Dann sprach er: «Lauf los, Mädchen, und sieh zu, dass dir Tag und Nacht zu Gold gedeihen! Morgen früh komme ich wieder, und wenn es dann auf dieser Aschenbahn nicht glänzt und glitzert, musst du sterben!»
Da weinte die Müllerstochter bitterlich. Wohl konnte sie schnell laufen, doch hatte sie keine Ahnung, wie man Zeit zu Gold macht. Plötzlich raschelte es im Gebüsch, und ein Männchen stand vor ihr: «Was gibst du mir, Jungfer Müllerin, wenn ich dir helfe?» – «Was kann ich dir schon geben?» schluchzte das Mädchen, «ich bin arm wie eine Kirchenmaus.» – «Versprich mir», wisperte das Männchen, «wenn du Königin wirst, dein erstes Kind!» Das Mädchen dachte: «Wie sollte ich je Königin werden?», und so versprach sie dem Wicht, was er wollte. Das Männchen aber zauberte ein Fläschchen aus dem Wams und sprach: «Diesen Zaubertrank nimm, und du wirst so schnell rennen, dass die Sekunden als Goldtaler vom Himmel tropfen!»
Bei Sonnenaufgang kam der König, und als er das viele Gold erblickte, ward sein Herz noch viel gieriger. Er dachte: «Wenns auch bloss eine Müllerstochter ist, eine bessere Partie finde ich nimmer!» So wurde die Müllerstochter Königin, und übers Jahr brachte sie ein Kind zur Welt, das fast so schnell krabbelte, wie seine Mutter rennen konnte. Längst dachte sie nicht mehr an das Männchen, da trat es eines Nachts in ihr Gemach und sprach: «Nun gib mir, was du versprochen hast!» Die Königin erschrak und bot dem Männchen alle Reichtümer an, dieses aber lachte nur und sprach: «Noch drei Tage gebe ich dir Zeit. Wenn du mir bis dahin den Namen des Trankes nennst, der dir zu deinem Glück verhalf, sollst du dein Kind behalten.»
Da besann sich die Königin die ganze Nacht auf alle Getränke, die sie jemals genossen hatte, und als das Männchen wiederkam, sagte sie alle Sorten der Reihe nach her: «Zitronensaft? Himbeersaft? Orangina?» Aber bei jedem der Namen sprach das Männlein: «Nein, so heisst es nicht.» Nun schickte die Königin Boten übers Land, die sollten erkunden, was die Leute so tranken, und als das Männchen am andern Tag wiederkam, sagte sie ihm die seltsamsten Namen: «Ist es Eierlikör? Oder Brennnesseltee? Nennt man es Weisse Lady? Blutige Marie? Oder Grüne Fee?» Aber das Männchen antwortete immer: «So heisst es nicht.»
Nun wollte die Königin schier verzweifeln, denn schon ging der dritte Tag zur Neige. Um Mitternacht jedoch kam ein Bote herbeigerannt und keuchte: «Wie ich dort drüben um die Waldecke kam, sah ich ein Feuer, um das ein Männchen hüpfte. Dazu schwenkte es ein Fläschchen und schrie: «Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind! Ach, wie gut, dass niemand weiss, dass du klares Wasser heisst!»
Jetzt fiel der Königin aber ein Stein vom Herzen! Als das Männchen am Morgen hereintrat und höhnte: «Nun, Frau Königin, müsst Ihr mir sagen, wie mein Zaubertrank heisst!», fragte sie scheinheilig: «Ist es Milchkaffee?» – «Nein.» – «Ovomaltine?» – «Nein.» – «Oder heisst Euer Trank etwa klares Wasser?»
Da kreischte das Männchen auf und brüllte: «Du hast zwar recht, Weib, und darfst daher dein Kind behalten. Doch morgen schon musst du ins Gefängnis, denn jeder Mensch, der den Namen dieses Zaubertranks ausspricht, ist vor Gott und der Welt verloren!»
PS: «The Clear» heisst der Deckname des anabolen Steroids THG, mit dem sich viele Sportler systematisch dopen, darunter Marion Jones, Olympiasiegerin und Mutter zweier Kinder. Als die Läuferin den Missbrauch unter massivem Druck zugab, wurde sie (wegen Meineids) zu einer Haftstrafe von 6 Monaten verurteilt, die sie am 7. März 2008 antrat.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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