NZZ Folio 09/06 - Thema: Privatisierung   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Die Farbe Blau

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Bienen haben eine Vorliebe für Blüten, und bei manchen Blumen trifft diese Zuneigung auf Gegenliebe. Da Bienen nur ultraviolett, blau und grün sehen, erscheinen Leute mit Sonnencrème auf der Haut in ihren Augen schwarz verschmiert. Die blauste aller blauen Blumen, der Lavendel, verzichtet ganz darauf, mit anderen Farben weniger fleissige Insekten anzulocken, und taucht stattdessen ganze Landstriche der Haute Provence in Apis-mellifera-Blau.

Meiner heutigen Faulheit zum Trotz muss ich in einem früheren Leben eine Arbeitsbiene gewesen sein, denn ich liebe sowohl den Duft wie die Farbe des Lavendels. Und ich schwöre, dass ich den Geruch von Lavendel (und das elektrische Summen der Bienen) selbst dann noch als intensiv blau empfinden würde, wenn er Hibiskusblüten entströmte.

Mein anglophiler Grossvater bestand zeit seines Lebens auf Yardley’s English Lavender: nicht übel, aber auch nicht wahrhaft bedeutend. Ich folgte in seinen Fussstapfen, bis ich auf Carons Pour un Homme stiess, dem ich bis vor kurzem treu ergeben blieb. Doch dann merkte ich, dass ich etwas weniger Komplexes, weniger Vanillegelbes brauche (Pour un homme gibt es passenderweise in Grün) – einen wirklich schlichten Lavendelduft.

Das ist schwerer, als Sie denken. Aus aller Welt kommen hervorragende wasserdampfdestillierte Lavendelöle, doch den Lavendel mit der richtigen Menge an anderen Substanzen zu ergänzen und ein Parfum daraus zu machen, ist heikel. Lavendel ist ein unkooperativer Duft, auf halbem Weg zwischen Kopf und Herz. Er verflüchtigt sich nicht in Sekunden wie Zitrus, aber nach dem Frühstück hat er sich aus dem Staub gemacht. Es fruchtet nichts, ihn mit holzigen oder krautigen Noten zu verlängern: falsche Farbe.

Das Geheimnis eines grossen Lavendeldufts ist seine Fixierung, jener rätselhafte Prozess, durch den schwere Moleküle die leichten, flüchtigeren länger anhaften lassen. Nachdem ich ein Dutzend Lavendelparfums ausprobiert habe, die entweder zu Lila oder zu Grau verblassen, habe ich nun endlich das wahre Blau entdeckt. Es kommt von Caldey Island in Wales und wird von den auf der Insel lebenden Mönchen vertrieben. Ihr Lavendel mündet in einen wunderbar ruhigen und moschusartigen Fond. Der Duft wurde von dem freischaffenden flämischen Parfumeur Hugo Collumbien komponiert, der inzwischen 89 Jahre alt ist.

Ich rief ihn an, um das Geheimnis zu lüften, und er erklärte mir, er verwende nur die besten Öle aus Sault in der Vaucluse. Ich raffte all meinen Mut zusammen und fragte nach, was er als Fixierung verwende. Es ist das legendäre Moschusmolekül Exaltolid, das heute synthetisch hergestellt wird, aber zuerst in der Bisamratte entdeckt wurde. Was die Bienen wohl davon halten?



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