NZZ Folio 10/04 - Thema: Studenten   Inhaltsverzeichnis

Der abgebrochene Student

Wie ein biographischer Knick mit der Zeit in einem ganz andern Licht erscheint.

Von Jürg Ramspeck

Zahlreiche typische Werdegänge sind in der Arbeitswelt auszumachen, wobei derjenige des abgebrochenen Studenten keinen anerkannten eigenen Status geniesst. Der abgebrochene Student ist grundsätzlich ein gescheiterter Akademiker und wird deshalb von der Gesellschaft als das wahrgenommen, was nach seinem Scheitern von ihm übrigblieb. Wurde er beispielsweise Schlosser, zählt nicht, dass er fünfeinhalb Semester Philosophie studiert hat. Er wird Schlossern gleichgesetzt, die lediglich Realschulbildung haben. Es sei denn, er sei Schlossereibesitzer und habe nur so lange Philosophie studiert, bis ihm sein Vater die Schlosserei vermachte.

So gesehen geht der abgebrochene Student in der öffentlichen Wahrnehmung als solcher an sich unter. Im Allgemeinen ist ihm das aber viel lieber, als vorgerechnet zu bekommen, wie viel er den Staat für nichts gekostet hat.

Es treten jedoch auch Situationen ein, in denen er gesprächsweise nicht ohne Genugtuung auf sein abgebrochenes Studium zurückgreift – besonders im Umgang mit durchgedienten Akademikern, sofern er diese inzwischen sozial überflügelt hat. Im Rückblick gewinnt dann der Abbruch seines Studiums die Qualität einer Entscheidung, die zu treffen der diplomierte oder doktorierte Hochschulabsolvent leider nicht weitsichtig genug war.

Aber auch über die Frage der Einstufung des abgebrochenen Studenten im Volkskörper hinaus bilden resultatlos abgesessene Perioden an höheren Lehranstalten ein betrachtenswertes Phänomen. Mir selbst, der ich ein abgebrochener Student bin, sind die zwei Semester, während deren ich dem Studium der Geschichte mit Schwerpunkt Altertum oblag, wichtig. Nur noch eine blasseste Erinnerung an den Stoff habend, der mir von den Professoren entfaltet wurde, würde ich unter der Folter das Eingeständnis machen, dass ich mich zutiefst als Historiker empfinde.

Allein durch die Tatsache, dass ich ein Jahr lang an der Historischen Fakultät immatrikuliert war, zeige ich mir lebenslang auf, ein Wesen freien Willens zu sein. Obwohl im Grunde Historiker – rede ich mir ein –, habe ich mich nicht von der Bequemlichkeit leiten las sen, mich wie meine Kommilitonen zum Geschichtslehrer hochzu sitzen, mich gleichsam linear vom Primar- über den Mittel- und Hochschüler zum Schulmeister fortzupflanzen. Sondern habe mir die wunderbare Illusion verschafft, der Eigenschöpfer meines Lebenslaufes geworden zu sein.

Selbstverständlich ist es eine Illusion. In Wirklichkeit haben mich natürlich reine Zufälle mildtätig aus dem Studium hinausbefördert. Als Student zeichnete ich mich schon im Proseminar als kommender Versager ab. Vorlesungen, die vor 11 Uhr stattfanden, konnten nicht mit meinem Erscheinen rechnen, da ich die akademische Freiheit eng als das Recht auslegte, Langschläfer zu sein. Die einzige Semesterarbeit, die ich zustande brachte, war ein – immerhin eigenhändig verübter – geistiger Diebstahl. Aus Vorlesungen, die um 14 Uhr begannen, schlich ich mich nach 40 Minuten diskret hinaus, weil die Kinos der Stadt um 15 Uhr starteten.

In meinem Fall ging also dem abgebrochenen Studenten ein artreiner Bummelstudent voran und der Geschichtswissenschaft nicht das halbe Prozent eines Theodor Mommsen verloren. Aber das hindert den abgebrochenen Studenten keineswegs daran, seine abgebrochene Übung im Nachhinein zu verklären und sie irgendwie viel günstiger in sein Selbstbild einzuordnen.

Man ist unter Akademikern kein jäh aufzuscheuchender Hase. Niemand macht einem weis, an der Universität finde die Pubertät ihren Abschluss. So abgebrochen kann man gar nicht sein, keine den akademischen Betrieb geistreich erläuternden Anekdoten auf Lager zu haben. Ist man auch nicht Doktor geworden – die Vorstellung, wie man es geworden wäre, unter welchen sich glorreich ersparten Entbehrungen auch immer, bleibt unabstreifbar.

Dem abgebrochenen Studenten steht es deshalb zu, seinen biographischen Knick als interessante Wendung in seiner Vita interpretatorisch nachzubessern. Er bringt in die Gesellschaft diesen oder jenen Brocken aufgeschnappten Spezialwissens ein, ohne den befähigteren Kollegen den knappen Platz im Hörsaal bis zu seinem möglichen Ergrauen weggesessen zu haben. Er wird gebraucht. Im Abbruch seines Studiums erweist sich die Hochschule als eine Institution, die nicht Abgänger produziert, sondern aus dem Material durch Ausscheidung Eliten formt.

Und notfalls ist er für den, den kein Ruf des Schicksals aus den Zwängen der Propädeutika und Examina befreit, auch noch als abschreckendes Beispiel zu verwenden.

Jürg Ramspeck, langjähriger «Weltwoche»-Chefredaktor und heute «Blick»-Kolumnist, lebt in Zürich.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.