NZZ Folio 01/00 - Thema: Jobs!   Inhaltsverzeichnis

Was treiben diese Leute?

Stellenanzeigen im Browser-Test.

Von Manfred Papst

Wochenendausflüge liegen mir nicht. Zu viele Umstände, zuviel Bewegung. Ohnehin kann ich die Autobahnraststätten, Skiparadiese und Badeplauschwelten nicht auseinanderhalten. Überall sehe ich mich Schlange stehen, einmal mit, einmal ohne Tablett. Meine Vorstellung von einem gelungenen Wochenende sieht anders aus: auf der Couch liegen, Kaffee trinken, alte Platten hören - und Stelleninserate lesen. Andere Leute streifen durch die Warenhäuser und probieren stundenlang Kleider an, ohne sich für ein Stück zu entscheiden. Ich dagegen male mir aus, wunder was aus meinem stillen Leben werden könnte, wenn ich auf all die schönen Stellenangebote reagieren würde. Einen Beruf ergreifen! Zupacken, als finge man mit blosser Hand eine Forelle! Schon sehe ich mich beschwingt durch die Chefetage schreiten, geschniegelt und gebügelt; ich blicke den Personalchef so fest an, dass er auf weitere Fragen verzichtet, nenne eine Zahl, vor der mir selber fast schwindlig wird, unterschreibe mit links den Vertrag und zeige mit rechts zum Himmel, um anzudeuten, wohin die Börsendaten des Unternehmens nun sausen werden.

Träume! In Wirklichkeit ist alles anders gelaufen. Mein Beruf hat mich ergriffen, nicht ich ihn; ich habe nicht einmal gross gezappelt. Inzwischen haben wir uns aneinander gewöhnt; es braucht Nachsicht auf beiden Seiten, klare Vereinbarungen auch. Eine lautet: Ich schenke dem Beruf meine besten Jahre, dafür darf ich am Wochenende Stellenanzeigen lesen, soviel ich will.

Ein Blätterer und Schmökerer bin ich, auf englisch: ein Browser. Und unter allen Texten waren mir schon immer die am liebsten, die ich nur halb verstand. Sie liessen Platz für eigene Gedanken und andere Missverständnisse. So habe ich mir mit mancherlei Tand, fremdem und eigenem, mein Oberstübchen vollgestellt. Es gleicht einem Trödelladen, in dem jedes Ding seine Geschichte erzählt, ob man nun gerade zuhören will oder nicht, und jeden Tag kommt mehr hinzu, nicht zuletzt aus alten und neuen Zeitungsinseraten. Ein Corporate Treasurer samt Assistant wäre wohl nötig, um die kuriosen Schätze zu sichten, von denen etliche aus der guten alten Zeit der Küfer, Sattler und Henker stammen: als alles noch einfach und anschaulich war und man sich nicht fragen musste, was ein Regulatory Affairs Associate oder ein Revenue Risk Analyst denn so treiben.

Heute dagegen muss man schon froh sein, wenn man ausserhalb des Freilichtmuseums Ballenberg auf etwas so Urchiges wie einen Product Manager oder System Engineer trifft. Bei Titeln wie «SAP R/3 - Top Consultants SD, MM, PP und PP-PI» kann ich nicht einmal raten, beim QS-Verantwortlichen immerhin sinnieren, ob er für Quarkspeisen, Quatschsendungen oder Quantensprünge zuständig ist. Der Brand Manager lässt mich an einen Feuerwehrhauptmann denken, der Länder-Controller an einen Gewaltherrscher; der Executive Search Assistant hilft vielleicht, einen neuen Bundesrat zu suchen. Was aber ist ein Leisure Manager: ein Ferientechniker oder einfach ein Lebenskünstler? Was ein «Leiter Instandhaltung Fleischwaren» tut, will ich gar nicht so genau wissen. Beim Inserat «00-Entwickler» freue ich mich über die dezente, fast verschämte Ausdrucksweise. Andererseits wundere ich mich, dass es da noch etwas zu entwickeln gibt. Doch das Inserat verspricht ausdrücklich «challenging work for successful people», übrigens in Wollerau.

Leider werden nirgends mehr Bücherexperten gesucht; da hätte ich mir mit meinen 15 Semestern Germanistik durchaus Chancen ausgerechnet. Dann halt Kühldeckenverkaufsprofi! Was ein Heizdeckenverkaufsprofi ist, weiss ich von den Kaffeefahrten meiner Tante. Und im Sommer braucht man eben Kühldecken. Gerade unsere Senioren. Aber die überlegen immer so lange. Dann vielleicht doch lieber Customer Care Project Manager. Hat wahrscheinlich mit Fundbüro oder Päcklidienst zu tun. Noch besser ist das Angebot von UPAQ: Die suchen «Individuals». Ein Individuum bin ich, das kann ich beweisen. «Ambitious, motivated»: aber immer! Motiviert wäre ich unentwegt, egal für was. Zum Beispiel als «Lichtberater im Aussendienst». Ich stelle mir vor: Vorn der Chauffeur, daneben ich, hinten der Boss, und ich sage ganz souverän: Aufblenden, abblenden, oder auch schon mal: gleich kommt der Gubristtunnel. Mit meiner positiven Einstellung bin ich sicher auch ein Wunschkandidat für IRIS (Integrated Risk Management), die ganz einfach «Mitmacher» sucht: Senior Consultants, Junior Consultants, DBMS Consultants. Dürrenmatt hätte seine Freude gehabt.

Mit der Zeit werde ich es leid, so über die Inserate zu huschen; ich giesse Kaffee nach, drehe die Platte um und einige mich mit mir auf das weitere Vorgehen. Textinterpretation ist angesagt, Beruf um Beruf von A bis Z will aus sich selbst verstanden werden, schliesslich habe ich noch Emil Staiger gehört, «begreifen, was uns ergreift». Ich gehe alphabetisch vor. Stellen für Abteilungsleiter gibt es wie Sand am Meer; das kann also nichts Besonderes sein. Abwart werden ist offenbar schwieriger; da ist nur gerade eine Stelle frei. Würde mir gefallen: den Kindern die falsch abgestellten Velos und vergessenen Mützen wegschliessen und sie dann ein bisschen zappeln lassen. Wird angekreuzt! Was aber ist ein Account Director, und was unterscheidet ihn vom Account Manager, von den Chief Accountants und Corporate Accountants, vor allem aber von den Key Account Managers sonder Zahl, mit oder ohne Senior bzw. Junior davor, dazu noch vom Senior Account Executive, der im Beziehungsmarketing eingesetzt werden soll, wo man doch eher die Juniors vermuten würde? Im Vergleich mit den Accountants sind die Abteilungsleiter geradezu eine bedrohte Spezies. Was tun diese Leute den ganzen Tag?

Account bedeutet nach Wörterbuch Rechnung, Berechnung, Abrechnung, Konto, Rechenschaft, Bericht, Darstellung, Geltung, kann also alles heissen. Aber so schnell gebe ich nicht auf. Drei Angebote aus der Flut der Inserate sehe ich mir näher an. Gesucht wird ein Account Manager, der es mit hochwertigen organischen Zwischenprodukten im Bereich der Spezialitätenchemie zu tun hat, ein Junior Key Account Manager für Biskuits und Süsswaren, ein ausgewachsener Key Account Manager für Softdrinks. Auf die letzten beiden Beispiele bin ich verfallen, weil ich mir unter ihnen mehr vorstellen kann als unter der Implementierung von erfolgversprechenden Customer-Loyalty-, Incentive- oder Cross-Sel- ling-Programmen. Frage: Sagen mir die Branchenangaben, was ein Account Manager tut? Antwort: nein.

Nächster Versuch: Der Account Manager soll in Dottikon einrücken, der Junior Key Account Manager in Trimbach, der Key Account Manager in Rothrist. Mit Hilfe von Twixtel und vernetztem Denken ist es mir ein leichtes, auf Namen wie Ems-Chemie, Wernli oder Rivella zu kommen. Doch ich kann mich nicht lange an meiner Entdeckung freuen, weil mir einfällt, dass die Firmenlogos ja gross und schwungvoll im Inserat stehen. Schön blöd! So oder so weiss ich nun aber, wo ich vorsprechen müsste; nur leider immer noch nicht, was von mir erwartet wird. Ich lese also weiter. Als Account Manager in der Ems-Chemie muss ich flexibel, selbständig und verantwortungsvoll sein, kommunikativ und belastbar; als Key Account Manager bei Rivella initiativ, begeisterungsfähig und gewohnt, Aufgaben konzeptionell, analytisch und teamorientiert anzupacken. Genau die gleichen Eigenschaften erwartet man von mir bei Wernli. Teamorientiert passt mir, ehrlich gesagt, nicht so recht, weil ich die Kekse lieber alleine esse und auch das Rivella nicht unbedingt mit anderen aus einer Flasche trinken möchte; analytische Fähigkeiten (schmecken die Kekse?), konzeptionelle Stärken (reichen sie für alle?) und Belastbarkeit (wer nimmt den letzten?) traue ich mir dagegen schon zu. Also vertiefe ich mich weiter ins Keks-Account-Inserat.

«Erstens brauchst Du einen wachen, lebendigen Geist» usw. Die Duzerei werde ich als erstes abstellen, wenn ich den Job kriege; ausserdem fehlt die Quellenangabe. Ein Germanist war da nicht am Werk! Jetzt aber kein Vorgeplänkel mehr, sondern endlich zur Sache. Was tue ich als Junior Key Account Manager? Antwort: «Sie unterstützen das Key Account Management für eine unserer bedeutendsten Kundengruppen in allen Belangen der Kundenbetreuung. Zusammen mit dem Key Account Manager sind Sie verantwortlich für die langfristige Entwicklung des Key Accounts.»

Sehr hilfreich, danke! Ich liebe ja Tautologien. Schon bin ich wieder einen Schritt weiter: Es geht a) um Kekse und b) um Kunden. Ich kann die Kekse zum Kunden bringen oder den Kunden zum Keks, ganz wie gewünscht. Frage nur: Reicht diese Erkenntnis, um ein Bewerbungsgespräch zu bestehen, zumal eines, in dem ich davon ablenken muss, dass ich nicht 23 - 27 Jahre alt bin, dass ich nie Junior Product Manager war und dass ich mich weder zum Marketingplaner noch zum Verkaufskoordinator weitergebildet habe? Schwer zu sagen. Immerhin kann ich bei den Sprachkenntnissen punkten. D/F/E werden erwartet. Kein Problem! «Drei Männer im Schnee», «Les trois Mousquetaires», «Three Men in a Boat»: kenne ich alles, kommt immer gut an!

Sicherheitshalber probiere ich schon ein paar Sätze aus, die mir an meinem ersten Arbeitstag helfen könnten: «Ich bin Ihr neuer Junior Key Account Manager, wenn Sie mir schon einmal den Schlüssel und die Kundenliste geben wollen, den Rest erledige ich dann selber.» Oder vielleicht besser so: «Bringen Sie mir doch bitte eine Schachtel Kekse von jeder Sorte in mein Büro, damit ich die langfristige Entwicklung des Key Accounts an die Hand nehmen kann.» Insgeheim glaube ich jedoch, dass auch bei Wernli (und bei Rivella und bei der Ems-Chemie, ja: in der ganzen Wirtschaftswunderwelt) gar niemand weiss, was ein Junior Key Account Manager ist, dass aber keiner sich etwas davon verspricht, das zuzugeben. Sie so wenig wie ich. Wir sitzen eben alle im gleichen Boot, wie der Galeerenaufseher sagte.

Manfred Papst ist Programmleiter des NZZ Buchverlags.


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