NZZ Folio 11/06 - Thema: Shopping   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Leben im Laden

© Heinz Unger
Wohnzimmerecke oder Showroom? Hier ersetzen Preisschilder Erinnerungen. Linktext
Exhibitionistischer Innendekorateur oder Wohnstylistin mit Zweitwohnung?
Wen ein Psychologe und eine Innenarchitektin anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Von Gudrun Sachse

Der Psychologe

Ja, tatsächlich: Wer wohnt denn da? Gar niemand, möchte man behaupten. Obwohl fast alles mit feinen Stücken ausgestattet, nein, vielmehr zur Schau gestellt ist, eine Art Mustermesse des elitären Massengeschmacks. Da und dort sogar noch mit Preisetiketten versehen. Fast ein bisschen Globus im Tschiboformat. Einzig die Siamkatze macht es etwas lebendig, und ihr ganz kommunes Körbchen bricht die Kälte des ganz auf das optisch Coole drapierten Warensortiments.

Mag sein, dass dann und wann auch jemand hier übernachtet – ein Innendekorateur vielleicht oder eine Wohnstylistin. Zuerst aber müssten die artigen Sekttabletts und die netten Blumen vom Bett geräumt werden. Dahinter soll dann die romantisch-laszive Fotowand für geeignete Stimmung sorgen. Ist doch was anderes als so ein Kitschbild mit röhrendem Hirsch. Dieser hat sich inzwischen zur Skulptur gewandelt, ganz ähnlich dem abgeschnittenen Hinterteil von E.T oder eines Froschs, das sich auf dem Esszimmertisch niedergelassen hat.

Ob es wohl auch inspirierend ist, von der Sitzgruppe auf den Backofen zu schauen? Aber vielleicht ist dies ein kaschierter Fernseher … Lifestyle ist hier angesagt, dekorative Originalität, Design bis hin zur Seife. Lampen, Vasen, Behälter und Statuetten drängen uns ihre sogenannte Geschmackssicherheit auf und versprechen Einzigartigkeit.

Man darf annehmen, dass die Besitzer dieser Wohnung – oder ist es ein Showroom? – noch anderswo leben, dort aber wird man sie besser erspüren, würdigen und erkennen können. Denn jedes Zuhause hat zum Glück auch eine Stimmung, die weder käuflich noch rein exhibitionistisch ist. Dort wandeln sie, hier aber handeln sie. Berthold Rothschild


Die Innenarchitektin

Ein echtes Loft, umfunktionierter Gewerberaum mit grosszügigen Flächen, hohen Decken und grossen Fenstern, kurz: der Lifestyletraum der 1980er Jahre pur.

Der Raum ist an sich neutral, jede Nutzung ist möglich, gegessen wird mobil, zum Beispiel im Schlafzimmer oder auf einer Polstergruppe in der Küche. Hier wird auf die Hierarchie in der Raumordnung verzichtet, keineswegs aber auf die Dramaturgie: Vor dem Hintergrund des veredelten Industriebaus werden mit Teppichen, Vorhängen, Farbe oder raumfüllenden Wandbildern bewusst Bereiche geschaffen und Orte unterschiedlicher Intimität inszeniert. Diese sorgfältig aufgebauten Wohnszenen mit ihren hellen und zarten Farben, den optisch und haptisch ansprechenden Oberflächen, Federn, Fell und Flusenteppich verbreiten eine luftige Stimmung.

Das Talent der Bewohner bringt hier mit Geschick Einzelstücke zusammen, die nicht auf den ersten Blick zusammengehören. Ein zum Sofa umfunktioniertes altes Kinderbett mischt sich unter die Designklassiker und die puristischen Formen zeitgenössischer Normmöbel.

Die Vereinheitlichung basiert auf der Kombination von sinnlichen Texturen und dem konsequenten Farbkonzept, in das sich auch die Katze elegant einfügt. Die so locker und zufällig wirkende Komposition ist in Wirklichkeit kontrolliert und bis ins Detail gestylt.

Das Loft wurde ursprünglich aus dem Ateliergedanken heraus geboren; es sollte Wohn- und Arbeitsräume in ein und demselben Objekt integrieren. Auch hier scheinen die Bewohner ihre Gabe zum Beruf gemacht zu haben: Sie verkaufen in ihrer Wohnung den Traum, den sie leben, und die dafür unerlässlichen Accessoires. Jasmin Grego


Auflösung

Sandra und Hanspeter Jutz, Psychologen

«Von meinem Mann und den beiden Katzen würde ich mich nie freiwillig trennen, alles andere hier ist zu kaufen und kann weg. Natürlich gibt es immer wieder Einzelstücke, zu denen wir eine engere Beziehung haben, da fällt es etwas schwerer loszulassen. Wir schreiben diese Sachen einfach etwas teurer an und hoffen, dass sie nicht sofort gekauft werden. Nach und nach senken wir dann den Preis.

Wir haben unsere Möbel auch schon auf den Flohmarkt gebracht. Das frühe Aufstehen war allerdings mühsam. Dann lasen wir in einer Zeitschrift etwas über eine Berlinerin, die Möbel und Accessoires in einem Teil ihrer Wohnung verkaufte, um sich die Ladenmiete zu sparen und gleichzeitig ihre Einrichtung immer wieder verändern zu können. Das gefiel uns, und wir haben Teile der Idee hier in Zürich umgesetzt.

Wir kaufen Möbel und Wohnzubehör, lassen auch Produkte von befreundeten Handwerkern herstellen und fertigen zunehmend mehr selber an. Wir leben und arbeiten damit – testen sie sozusagen auf ihren Wohnwert – und verkaufen sie dann weiter, damit wir wieder Platz für Neues haben.

Wir leben in unserem eigenen Laden. Eigentlich ist das ja kein typischer Laden. Wir öffnen auf Anfrage und organisieren zweimal jährlich einen Verkaufsapéro, jeweils Ende November und im April. Dazu laden wir Bekannte ein und ihre Bekannten. Für uns ist das kein Eindringen in die Privatsphäre. Wir zeigen auch nichts wirklich Privates, nicht einmal Parfumflacons stehen im Bad. Manchen Gästen ist es anfangs etwas peinlich – dann fragen sie, ob es wirklich in Ordnung sei, wenn sie etwa diesen Kerzenständer kaufen würden. Natürlich ist es das.

In der Nacht vor dem Verkaufstag schlafe ich immer schlecht, da ich befürchte, dass keiner kommt. Vorgekommen ist das seit drei Jahren aber zum Glück noch nie. Hanspeter und ich bereiten Häppchen zu und reichen Getränke. Bezahlt wird bar oder auf Rechnung. Auf Wunsch packen wir das Eingekaufte auch als Geschenk ein.

Ob wir Angst vor Erinnerungen haben? Vor Besitz? Nein, wir konzentrieren uns nur lieber darauf, was uns wirklich wichtig ist, nämlich Personen und Beziehungen. Wir sammeln keine Kinderzeichnungen, hängen keine Ansichtskarten an die Wand. Wir mögen nicht, wenn sich Dinge ansammeln. Für uns ist es angenehm, die Übersicht zu behalten. In einem Schrankfach liegen einige wenige Fotos aus unserer Jugend und ein altes Tagebuch. Das ist so ziemlich alles, und für uns ist das ausreichend. Hanspeter und ich brauchen auch keine Fotos, um uns an unsere Ferien zu erinnern. Die Bilder und Stimmungen sind in unserem Kopf. Wir kaufen keine Souvenirs. Wenn wir Objekte aus den Ferien mitbringen, sind es Stücke, die wir weiterverkaufen.

Wir verändern uns laufend. Es wird nie eine Einrichtung geben, von der wir sagen werden: Das ist es jetzt, so bleibt es für den Rest unseres Lebens. Es gibt auch keinen Grund, weshalb wir unsere Möblierung nicht regelmässig ändern sollten. Kleider wechseln auch je nach Saison, und die eigene Garderobe wird immer wieder durch neue Stücke ergänzt.

Die treibende Kraft für diese Wohnform bin ich. Von meinen Eltern habe ich die Lust am Einrichten und Gestalten jedenfalls nicht. Sie haben ihre Möbel fürs ganze Leben gekauft. Für unsere Familien war die Art, wie wir wohnen und leben, zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Wenn wir bei Freunden eingeladen sind, kommt uns ab und zu ein Gegenstand bekannt vor. Ach ja, sagen wir dann, der stand lange neben unserem Bett. Unser Bett verkaufen wir übrigens nicht. Nicht aus sentimentalen Gründen, sondern weil es von Ikea ist. Wir verbringen viel Zeit im Bett, wir arbeiten, lesen und essen darin – und schauen natürlich von dort aus fern. Aus dem Bett lässt sich das Leben recht gut organisieren. Zudem behält man den Überblick über die 145 Quadratmeter.

Wenn wir gemeinsam zu Hause sind, geniessen wir es, dass uns keine Türen trennen. Anstrengend ist einzig, dass in einem Loft Unordnung und Chaos ständig im Sichtfeld bleiben. Meldet sich jemand an, um vorbeizukommen und eventuell etwas zu kaufen, muss rasch aufgeräumt sein. Gehenlassen können wir uns nicht. Nein, das ist kein Nachteil. Wir haben dadurch einen viel entspannteren Alltag.»




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