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Sportlexikon -- Albert fährt zum Regenbogen

Von Richard Reich

Querfeldein: vor allem in Mitteleuropa betriebene Radsportart (aussterbend). Saison: Winterhalbjahr (Höhepunkt: Weltmeisterschaften im Februar). Parcours: Rundkurs in Feld, Wald und Wiesen (bzw. Dreck, Schlamm und Schnee). Technik: fahren, laufen (mit geschultertem Rad), hüpfen (über künstliche Hindernisse), steigen (Treppen), stürzen (häufig). Dauer: eine Stunde. Wichtige Regel: Die dreckstrotzenden Rennräder dürfen an zwei Materialposten gewechselt werden.

GLEICHZEITIG mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat auch Albert aufgehört. Vielleicht spürte er, dass 1989 in Europa so einiges zu Ende ging. Jedenfalls hatte sich die Idee des Querfeldeinfahrens auf dem Rennrad, wie die Idee grenzübergreifender Ideologien, überlebt. Albert stieg vom Sattel und wurde Reiseleiter: «Veloferien mit Albert Zweifel» auf Mallorca, mehr als 20 Wochen pro Jahr.

Albert Zweifel ist die Verkörperung des schweizerischen Radquersportes. Der Rotschopf aus Rüti wurde zwar erst mit 24 Jahren Berufsfahrer, gewann ab 1973 dann aber so ziemlich jedes Radquer, das ihm in die Quere kam, ob in Dagmersellen, Ebmatingen, Wetzikon oder im Ausland.

Allein im Winter 75/76, als Heinrich Hemmi in Innsbruck zum ersten Mal Riesenslalom-Olympiasieger und Rudolf Gnägi in Bern zum zweiten Mal Bundespräsident wurde, siegte Albert landauf, landab nicht weniger als an 28 Orten, wurde in Hannover Weltmeister – und erhöhte sofort sein Trainingspensum. Während das übrige Jungvolk damals in Kaiseraugst demonstrierte, fuhr Albert stundenlang hinter einem Motorrad her. Mit diesem Trick, der bald Nachahmer fand, konnte der gelernte Autospengler künstlich Kadenz und Tempo erhöhen, getreu seinem Rezept: Zwanzig Prozent ist Talent, der Rest Durchhalten.

Das Querfahren war immer ein harter Sport, winterliches Kontrastprogramm zur zentral geheizten Bürgerlichkeit. Erfunden wurde die Disziplin zur Zeit der Belle Epoque in Frankreich von Velofanatikern, die in der kalten Saison trotz den vereisten Strassen Rennen fahren wollten – also wich man auf die Wiese aus. Ergo war das Radquer seit je auf dem Dorf zu Hause, in der Schweiz eben in Dagmersellen, Ebmatingen, Wetzikon…

Dort wurde das jährliche Quer zum Volksfest. Nach dem Kirchgang marschierte die Einwohnerschaft geschlossen in die freie Wildbahn, um bei Wurst und Kuchen knüppelharte Radrennen gleich im Dutzend zu erleben: zuerst die Anfänger, dann Junioren, Frauen, Veteranen, schliesslich als Höhepunkt die Profis.

Albert gewann über 300 Rennen und durfte sich fünfmal das Regenbogentrikot des Weltmeisters überstreifen, zuletzt 1986. Mittlerweile waren die Welt und der Querfeldeinsport allerdings andere geworden. Dagmersellen, Ebmatingen und Wetzikon waren nicht länger Dörfer, sondern Agglomeration; Wiesen wurden zu Einkaufszentren, Obstgärten zu Wohnstrassen; die fiesen Schräghänge, auf denen Alberts Fahrkunst manches Rennen entschieden hatte, wurden zu Wohnsiedlungen terrassiert. So sahen sich die lehmgebräunten Männer auf ihren triefenden Rädern zusehends domestiziert, was sich auch bei ihren Sponsoren niederschlug: War Albert die ersten Profi-jahre noch für Sempione-Salami gefahren, so trat er bald für Möbel-Märki oder Möbel-Ferrari und schliesslich für Bleiker-Teppiche an.

Als 1989 die Sowjetunion zerfiel, waren also auch Albert und der Radquersport fertig miteinander: Am 5. Februar fand in Rüti ein Albert-Zweifel-Abschiedsrennen statt. Und ein paar Wochen später gewann der Vierzigjährige zum Abgewöhnen noch eine allerletzte Weltmeisterschaft. Es war der erste, noch inoffizielle Titelkampf in jener Disziplin, die Alberts traditionsreichem Quersport noch den Rest geben und das Cross-Country-Radfahren in den Sommer wie auch sonst in völlig neue Sphären verlegen sollte: Mountainbike.


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