NZZ Folio 10/06 - Thema: TV-Serien   Inhaltsverzeichnis

Das sollten Sie sich anschauen

© The Kingdom/Trust Film Sales
Lars von Triers Krankenhausserie: <Geister>. Linktext
Das Serienangebot im Fernsehen ist unüberschaubar geworden. Wir geben Empfehlungen, wofür es sich noch lohnt, Fernsehgebühren zu zahlen oder eine DVD zu kaufen.
«Northern Exposure»: Ausgerechnet Alaska
Die Wintersonnenwende naht – der Tag, an dem die Sonne nicht aufgehen wird. Die Winterdepression der Bewohner von Cicely, einer Kleinstadt in Alaska, wird immer schlimmer. Im Moment grösster Trübsal ruft Radiomoderator Chris die Bevölkerung auf der staubigen Hauptstrasse zusammen. Mürrisch stapft Joel Fleischman auf den dunklen Platz, der nörgelnde Arzt aus New York; verdrossen naht Maggie O’Connell, die wagemutige Pilotin. Als alle versammelt sind, hält Chris eine kurze Rede, die von Goethes Sterbeworten handelt: «Mehr Licht!» Mit grosser Geste legt der Moderator einen Schalter um. Urplötzlich erstrahlt die ganze Strasse im Glanz von Tausenden Steh-, Büro- und Wandlampen, die Chris von überall her zusammengetragen hat. Ein buntes Lichtermeer. Cicely strahlt! Solche Glücksmomente sind es, die die US-Serie «Northern Exposure» («Ausgerechnet Alaska!») zu meiner Lieblingsserie machen. Von 1990 bis 1995 wurde die melancholische Saga produziert; 110 Folgen liefen über die Bildschirme. Und ich wünschte, es wären mindestens doppelt so viele gewesen.
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Professorin Michaela Krützen, Hochschule für Fernsehen und Film München

«Geister»: Dänischer Abschaum
Mein altersschwacher VHS-Recorder wäre längst im Brockenhaus gelandet, lägen da nicht noch die ausgeleierten «Geister»-Kassetten herum. Mit seiner Krankenhausserie «Geister» (Originaltitel «Riget», das Reich) von 1994 und 1997 hat der zum Kultregisseur avancierte Däne Lars von Trier ausgerechnet am TV perfektioniert, was später zum cineastischen «Dogma» hochstilisiert wurde. Die aus der Hand gedrehten Nahaufnahmen ohne aufwendiges Licht und ein sprunghafter Schnitt ziehen den Zuschauer ans Geschehen heran, genauer: ins königliche Reichskrankenhaus von Kopenhagen. Da ist etwa der Pathologe, der seinen Studenten Ethik doziert, sich selber aber im Namen der Forschung von Logenbrüdern eine krebszerfressene Leber implantieren lässt. Oder der Stationsarzt, der im Keller abgelaufene Medikamente zu Kokain aufbereitet. Grandios ist die Figur des heimwehkranken schwedischen Oberarztes, der sich nächtens vom Krankenhausdach seine abgrundtiefe Verachtung vom Leib schreit: «Dänischer Abschaum!» Während die Belegschaft im Archiv mit der Vertuschung von Kunstfehlern beschäftigt ist, gehen die Patienten auf Geisterjagd – unter kundiger Führung einer rührigen älteren Hobby-Spiritistin, die sich als notorische Simulantin bis in die neurochirurgische Abteilung vorarbeitet, wo sie die ruhelose Seele eines schändlich getöteten Mädchens ortet. Der Liftschacht weint, die Wände bluten, wenn sich bei Lars von Trier ein böser Geist als Fötus materialisiert. Dänischer Abschaum? Von wegen!
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Martin Senti, Inlandredaktor der NZZ

«Fame»: Medizin gegen Selbstzweifel
Natürlich mochte ich die Tanzlehrerin Mrs. Lydia Grant und die coole Coca, auch den schüchternen Bruno und den schönen Leroy. Mein Liebling aber war Doris. Doris war ein bisschen zu klein, ein bisschen zu dick und ein bisschen zu empfindlich. Sie hatte auch ein bisschen zu lockige Haare, und sicher hatte sie auch eine zu grosse Nase, aber das ist vielleicht eine Nachkonstruktion. Ich war ihre Freundin, ich wollte ihr immer zurufen: «Ich bin so wie du! Es gibt viele, die nicht reinpassen, so sehr sie es auch versuchen, die immer ein wenig zu laut lachen und in den unpassendsten Momenten Gläser umstossen.» Doris aber hörte nicht auf mich, sie wollte sich anpassen, war ständig auf Diät – einmal fiel sie sogar in Ohnmacht vor Hunger! Das gute an «Fame» ist, dass das Gute am Ende gewinnt. Doris war eine von den Guten. Sie war unbeholfen, aber sie war gut. Sie war grosszügig. Und als die Serie vorüber war, wusste man: Doris will auf der grossen Bühne stehen. Es wird ihr gelingen. So wie es mir gelingen wird. Vielleicht einfach nicht in diesem Leben.
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Anna Tarschys, Regisseurin am Stadttheater Göteborg


«Men behaving badly»: Männerstudien
Das ist ein Juwel für die Freunde wildlebender Tiere und für die Anthropologin in jeder Frau: «Men behaving badly» versteht sich als Fortsetzung von Bernhard Grzimeks Serie «Serengeti darf nicht sterben» mit anderen Mitteln – mit zwei Männchen der Gattung Homo sapiens, Gary und Tony. Sie sind nicht mehr ganz jung und haben auf der freien Wildbahn Konkurrenz in jeder Hinsicht, die gattungsspezifisch relevant ist – und für Zuschauer bedeutsam: beim Fressen und beim Sex. Doch die Natur ist nicht nur grausam, sondern auch wunderbar: Nächtelang kann ich Gary und Tony an ihrem Wasserloch beobachten (der Pub «The Crown»), stumm warten sie dort auf Beute. Weibchen werden mit prä-sprachlichen Urlauten begrüsst; das Resultat ist zumeist ernüchternd, doch begründet: Das Verhaltensvokabular von Gary und Tony befindet sich auf der Baumhöhe der Bonobos. Wenn sich die beiden in ihre Junggesellenhöhle zurückziehen, ist der Kühlschrank ihr Weidegrund und der Fernseher das Feuer, um das sie sich versammeln. Die beiden englischen Enddreissiger gehören auf die rote Liste der bedrohten Arten. Mit dem «Ein»-Knopf an meinem Fernseher haben sie jeden Montag meine Solidarität.
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Daniele Muscionico, Kulturkorrespondentin der NZZ


«Gilmore Girls»: Die Serie meiner Frau
Ich fand meine Frau mit schimmernden Augen. Zwei Folgen lang konnte ich mir nicht erklären, was sie an den Gilmore Girls fand. Jetzt beginnt die sechste Staffel, und 45 Minuten die Woche ziehe auch ich um nach Stars Hollow, Connecticut. Mord und Totschlag zur Prime Time entspannen vorzüglich, aber wie im Leben zählen auch im TV letztlich die Dialoge. Die Gilmore Girls laufen auf der immerwährenden Tonspur des Generationenkonflikts und verlieren dabei gut 30 Prozent mehr Worte als die Konkurrenz. Trotzdem hat die Lieblingsserie meiner Frau Platz für den sarkastischen, stoppelbärtigen Luke. Der hätte auch in wortkarge Italowestern gepasst, schenkt aber seit dem Jahr 2000 als gezähmter Mann Kaffee aus, kriegt Lorelai und kriegt sie nicht. Lorelai, das ist jene alleinerziehende Mutter, der man kaum anmerkt, dass sie im Mittelpunkt einer der grössten Projektionsflächen des westlichen Fernsehens steht. Sie zitiert sich zusammen mit ihrer altklugen Tochter nicht nur durch die jüngere Geschichte der Massenkultur, sie bildet mit ihren steinreichen Grosseltern auch eine kleine Welt, in der das grosse Amerika seine Probe hält: Liberales Laissez-faire und mitfühlender Konservativismus ringen um die Vorherrschaft. Die sorgsam austarierte Schubkraft dreier Generationen, zweier Weltanschauungen und einmaliger Lebensabschnitts-Launen verursacht Vibrationen wie ein guter Popsong. Da ist auch der Zuschauer eingeladen, sich zu fragen, wo er steht und wer er ist. Bei mir ist das klar: Ich bin Luke.
(«Gilmore Girls» läuft dienstags um 20.15 Uhr auf Vox)
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Franz Zauner, Leiter Online der «Wiener Zeitung»


«24»: Keine Folge verpasst
Kiefer Sutherland alias Jack Bauer muss nicht nur Politiker vor Attentaten schützen und unzählige Verschwörungen aufdecken. Er muss als Einsatzleiter einer Anti-Terror-Einheit der CIA auch dafür sorgen, dass ich keine Folge der ersten Staffel von «24» verpasse. Das hat vor ihm nur noch David Lynch mit der Serie «Twin Peaks» geschafft. Bei Krimiserien, von «Derrick» bis zu «CSI», ist jede Folge eine abgeschlossene Geschichte. «24» erzählt eine Geschichte über 24 Folgen. Die Einheit von Zeit, Ort und Handlung haben die Autoren Joel Surnow und Robert Cochran perfekt umgesetzt: «24» zeichnet die Ereignisse eines Tages nach, jede Filmminute entspricht einer Minute in Echtzeit. Die Handlungsstränge sind lückenlos logisch miteinander verwoben. Dank Splitscreen-Technik können wir mehrere Handlungen gleichzeitig verfolgen. Langsamkeit ist verboten. Jack Bauer isst nicht, schläft nicht und trinkt nur selten. Was zählt, sind Tempo und Spannung. Viele Szenen sind mit der Handkamera gefilmt. Die Bilder wirken nicht geschniegelt – man glaubt, mit dabei zu sein. Immer wieder wird die Uhr eingeblendet, die Zeit läuft.
(«24» läuft ab dem 27. November montags um 22.45 Uhr auf SF 2)
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Ingrid Deltenre, Direktorin des Schweizer Fernsehens

«Lost»: Die Hölle sind die anderen
«Lost» hatte mich genau ab der fünften Minute, mit der Explosion des Triebwerks. Das liegt am Strand und dreht sich auch ohne das Flugzeug, zu dem es eigentlich gehört, dröhnend weiter. Dann kommt ein Mann der Riesenmaschine zu nahe. Wie beiläufig wird er in sie hineingesaugt, das Triebwerk birst mit einem lauten Knall – und seitdem lebe auch ich auf dieser geheimnisvollen Tropeninsel, zusammen mit rund fünfzig Überlebenden des Flugs «Oceanic 815», jedenfalls von Zeit zu Zeit. Wir kämpfen gegen Wildschweine, Eisbären und Monster, versuchen die Realität von unseren Wahnvorstellungen zu unterscheiden und beschäftigen uns mit Zahlencodes, Philosophie und Elektromagnetismus. Mein Ziel ist es, herauszufinden, was wirklich vor sich geht. Anfangs dachte ich, die Insel sei so etwas wie ein Purgatorium, die «überlebenden» Passagiere führten hier eine Zwischenexistenz, bis sie ihre Lebenswirrnisse aufgearbeitet hätten. Doch die These wurde von «Lost»-Schöpfer J. J. Abrams persönlich dementiert. So einen Deutungswahn hat es seit «Twin Peaks» nicht mehr gegeben. Und das Online-Lexikon «Lostpedia» hilft durch einen Wust von Serienfakten. Im Lexikon steht allerdings nicht, weshalb wir hier in China den DVD-Händlern die «Lost»-Boxen gleich nach dem illegalen Brennen aus den Händen reissen. Ein Grund mag sein, dass wir Expatriates uns in der Serie wiedererkennen. Wie Jack, Kate oder Sayid hat uns der Zufall in ein fremdes Land verschlagen, wie auf der Insel gehören zu unserer «Community» Menschen aus allen Teilen der Welt, wie dort ist unsere lingua franca Englisch. Und ausserhalb unserer Arbeitsplätze, Kondominien und Kneipen leben sie: «die anderen», die eigentlichen Besitzer des Landes. Da hätten wir schon mal einen Schlüssel für den Erfolg der Serie: Sie ist auch eine Parabel auf das Leben in der globalisierten Welt. Ich aber liebe sie wegen der Szene mit dem Triebwerk.
(«Lost» läuft montags um 21.30 Uhr auf SF 2)
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Christian Y. Schmidt, freier Journalist, Peking

«Malcolm mittendrin»: Nur die Pointen
Die meisten Menschen, die Fernsehen sehen, haben vorher schon mal Fernsehen gesehen. Sie wissen, was kommt. Sie können über weite Strecken einer Serie zuverlässig vorhersagen, was als nächstes passiert. Man könnte alles weglassen, was etwa eine «Derrick»-Folge ausmacht: das Vorfahren, Aussteigen, Zum-Haus-Gehen, Klingeln, Warten, Türaufmachen, «Dürfen wir reinkommen?». Man könnte auf all das verzichten und nur noch das Unerwartete zeigen, das Überraschende, das Bewegende, das andere: die Pointe. So funktioniert «Malcolm mittendrin», und es ist sensationell, wie viel Handlung sich in 22 Minuten unterbringen lässt, wenn man alles, was der erfahrene Fernsehzuschauer sich denken kann, durch einen Schnitt und ein Wisch-Geräusch ersetzt. Manchmal erzählt die Serie vier Handlungsstränge nebeneinander oder traut sich Experimente zu wie jenes, eine Geschichte parallel in zwei Versionen zu zeigen. Und trotzdem bleibt noch Zeit, die Figuren bei allem bitterbösen Humor mit Wärme zu zeichnen und den Geschichten gelegentlich sogar eine moralische Ebene zu geben. Malcolm ist der dritte von fünf Söhnen, hochbegabt, was sich keiner erklären kann – bei der Familie: Die Mutter ist neurotisch, der Vater ein Schlappschwanz, sie sind als Familie ungefähr so dysfunktional, asozial und normal wie die «Simpsons». Und haben im Gegensatz zu denen sogar eine sehr anständige deutsche Synchronisation, die viel vom Sprachwitz des Originals rettet und den phantastischen amerikanischen Schauspielern gerecht wird.
(«Malcolm mittendrin» läuft werktags um 14.25 und 17 Uhr auf SF 2)
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Stefan Niggemeier, freier Journalist, Berlin

«Monk»: Triumph des Schwächeren
Eigentlich reicht mir fast schon der Vorspann. Da sieht man einen Mann seltsame Dinge tun: Er tippt jede Parkuhr an, die er passiert; er geht über einen Plattenweg und vermeidet sorgfältig, den Fuss auf eine Fuge zu setzen; er übergiesst seine Zahnbürste gründlich mit kochendem Wasser; und dazu singt Randy Newman einen Song über den Wahnsinn des Alltags: «It’s a jungle out there.» Für Adrian Monk ist der Dschungel da draussen bedrohlicher als für die meisten von uns. Ausser seinem Ordnungswahn und seiner panischen Angst vor Bakterien plagen ihn alle erdenklichen Phobien und Neurosen. Das macht ihn zum komischsten, aber auch zum besten Detektiv von San Francisco. Monks Kombinationsgabe entzündet sich an dem, was niemandem auffällt. Das Offensichtliche, das die Polizei in die Irre führt, nimmt er gar nicht wahr, wenn er am Tatort steht, den Kopf schräg hält und langsam, mit angewinkelten Armen, die Hände vor seinem Körper hin und her bewegt. Fasziniert sehen wir und seine ehemaligen Kollegen ihm dabei zu. Ohne ihn würden der bärbeissige Stottelmeyer und sein auf abstruse Theorien spezialisierter Assistent Disher keinen Fall lösen. Nur ein Verbrechen vermag Monk nicht aufzuklären: den Mord an seiner Frau Trudy. Die Trauer über den Verlust wird ihn bis zur letzten Episode nicht verlassen. So wenig, wie er das letzte Geschenk, das er von Trudy erhielt, je auspacken wird; Jahr für Jahr legt er es wieder unter den Weihnachtsbaum. Monk, der liebenswerte Narr am Rande des Nervenzusammenbruchs, ist der schwächste Bewohner des Dschungels. Aber er bezwingt jedes der zähnefletschenden Raubtiere, die darin ihr Unwesen treiben.
(«Monk» läuft dienstags um 22.15 Uhr auf RTL)
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Daniel Weber, Redaktionsleiter NZZ Folio

«The King of Queens»: Mann, Frau, Problem
«King of Queens» läuft schon seit acht Jahren auf versteckten Plätzen im Fernsehen, und so wie es aussieht, läuft die Serie demnächst aus. Sie hat noch immer keinen Emmy, die Lacher werden immer noch vom Band gespielt, und im Grunde sind immer nur ein Mann, eine Frau und ein Problem zu sehen. Und genau deshalb ist diese Serie etwas für mich: Sie ist so herrlich einfach. Ein Mann und eine Frau haben ein Reihenhaus im netten Stadtteil Queens. Er arbeitet, sie arbeitet. Er steht gut im Futter, sie zieht sich gut an. Er liebt sie, sie liebt ihn, und verheiratet sind sie auch. Aber sie haben noch immer kein Baby, und genau das ist das Problem. Denn stattdessen haben sie einen Schwiegervater, der im Keller haust und bei ihnen im Bett schlafen darf, wenn er einen bösen Film gesehen hat. Es ist zwar alles da, um den kleinen Traum vom kleinen Familienglück in einem kleinen Haus zu leben. Aber das «Baby» ist zu alt. Und aus dieser Sackgasse gibt es keinen Ausweg. Also scheitern Doug und Carrie immer wieder auf komische Weise. Auch die Nebenfiguren, die Freunde und Kollegen und Verwandten von Doug und Carrie, spielen auf derselben Klaviatur denselben Sound der Unvollkommenheit. Irgendein Handicap haben alle: Entweder sie sind zu schwarz, zu schwul, zu feige, zu dick oder zu klein, sie alle wollen das schöne Leben eines guten Konsumenten leben – und scheitern doch an ihrer Individualität. Das macht diese Figuren so subversiv wie liebenswert und diese so einfach gestrickte, schlaue Serie zu einem raren Genuss.
(«The King of Queens» läuft montags bis freitags um 18.45 Uhr auf Kabel 1)
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Offizieller «The King of Queens»-Fanclub der Schweiz.
Marcus Hertneck, Drehbuchautor, Berlin


«Verbotene Liebe»: Da geht noch was!
Manchmal braucht man im Leben einen Hirnleerfeger vom Feinsten. Zum Beispiel wenn man sich tagelang mit der Einwanderung der Hugenotten ins Herzogtum Lauenburg beschäftigt. An einem solchen Tag, während meiner Examensvorbereitung im Sommer 1997, entdeckte ich um 17.55 Uhr meine Schwäche für einfache Dialoge und komprimierte Lebensweisheiten. Ausserdem mochte ich die damalige Hauptdarstellerin Valerie Niehaus. Die liebte damals alias Julia ihren nach der Geburt weggegebenen Zwillingsbruder Jan. In diesem Stil wurde bis heute tadellos verboten weitergeliebt: der Sohn mit der zweiten Frau des Vaters, die verkappte Lesbe mit der Schwester ihres Pro-forma-Ehemannes, der Graf mit der Küchenhilfe. Ab und zu tauchen neue Gesichter in Form von C-Promis auf, oder ganze Familienzweige werden kurzerhand komplett ausgetauscht. Aber all das tut dem Flow der Serie keinen Abbruch. Elisabeth Brandner, verheiratet: «Das Leben ist etwas Wunderbares – man sollte jeden Tag geniessen.» Graf Lahnstein, verwitwet: «Schön wäre es, das sähen alle so wie Sie.» Ich seh’s schon kommen: da geht noch was!
(«Verbotene Liebe» läuft werktags um 17.55 Uhr auf ARD)
«Verbotene Liebe» auf DVD bestellen
Nikola Haaks, Ressortleiterin Dossier «Brigitte», Hamburg

«Eastenders»: London von unten
Meine Woche wird strukturiert durch die «East Enders», die wohnen bei mir um die Ecke und benehmen sich auch so. Theoretisch. Praktisch ist der Albert Square, um den viermal die Woche (und wiederholt am Sonntag) Working Class Community zelebriert wird, zwar inspiriert vom Fassett Square in Dalston, aber er ist Fake wie auch der Pub, in dem diese Bewohner des Londoner East End trinken: nachgebaut in den BBC-Studios ausserhalb Londons. Die Serie wurde 1985 lanciert. Seither hat sich das East End mächtig verändert. Erst kamen die Künstler, dann die sonstwie Kreativen, dann die Bankangestellten. Die Bengalen waren schon da. Ebenso die hässlichen Nachkriegsbauten, weil das East End im Krieg zerbombt worden war. Sie alle kommen in der Soap nicht vor – auch nicht Muslime, die immerhin 36 Prozent der Bevölkerung im Ostlondoner Borough Tower Hamlets ausmachen. Es gab einmal einen Versuch mit einer asiatisch-britischen Familie, die hatten so langweilige Sätze zu reden, dass sie wieder auszogen. Warum schaue ich mir das trotzdem an? Man widmet sich ja nicht einer Soap, um zu sehen, wofür man eigentlich nur die Haustüre zu öffnen brauchte. Diese hier tut so, als sässe sie genau da – und bringt mich gleichzeitig weit genug weg von hier. Immerhin habe ich Cockney verstehen gelernt.
«Eastenders» auf DVD bestellen
Lilo Weber, freie Journalistin, London


«The A-Team»: Das waren noch Zeiten
Als Fernsehkind der ersten Generation könnte ich von «Fury» schwärmen. Meine intensivste Serienerinnerung aber ist das «A-Team», 1990 am Samstagnachmittag auf RTL. Diese schlichte Neigung hat eher mit der frühen Lektüre von Karl May und «Tintin» zu tun als mit anderen Fernsehserien. Vier Ex-Vietnamkämpfer führen mit automatischen Waffen, Dynamit und viel Ironie arme Menschen aus der Not und jede der 98 Folgen zu einem Happy End. Es ist sehr beruhigend, mitzuerleben, wie das Gute siegt. Okay, es wiederholt sich alles ein bisschen. Es ist eben eine Serie. Mit Drehbuchautor Marcus Hertneck habe ich einmal versucht, eine deutsche Variante des «A-Teams» zu konstruieren: vier Kämpfer (3 Männer, 1 Frau) in Berlin. Was in der stereotypisierten US-Studiolandschaft glaubwürdig war, hat in der viel präziser benennbaren Berliner Landschaft nicht funktioniert. «Zu märchenhaft», kriegten wir zu hören. Träumen wir also weiter vom Sieg des Guten.
(«A-Team» läuft samstags um 18 Uhr auf RTL 2)
«A-Team» auf DVD bestellen
Martin Hennig, Autor und Drehbuch-Consultant, Zürich

«Six Feet Under»: Wo der Tod hingehört
Als ich die Serie entdeckte, war der Tod drauf und dran, meinen Freundeskreis zu verkleinern. Umso befreiender war «Six Feet Under» in dieser Zeit. Kaum ertönte die Titelmusik der Serie, war der Tod wieder dort, wo er hingehört: im Fernsehen. Jede Folge beginnt mit einem Todesfall. Einmal fällt die Lunchbox eines Arbeiters vom Baugerüst und erschlägt einen Passanten. Ein andermal springt ein Partygast auf LSD aus dem Fenster. Danach beginnt die Geschichte der Fishers, einer Bestattungsunternehmerfamilie, die jene begräbt, die am Anfang umkommen. Die Episoden aus ihrem Alltag sind so skurril, so lachhaft und so traurig, dass sie unserem Leben entlehnt sein könnten. Es sind Blicke in bekannte Abgründe, ohne Zynismus erzählt und ohne Sentimentalität. In der ersten Folge kommt das Familienoberhaupt bei einem Unfall ums Leben. Die Frau des Opfers ruft ihren ältesten Sohn an und sagt: «Es gab einen Unfall. Der neue Wagen hat einen Totalschaden. Dein Vater ist tot. Dein Vater ist tot, und mein Schmorbraten liegt am Boden.» «Six Feet Under» hat eine wichtige Botschaft: Das einzig Überraschende am Leben ist der Tod.
(«Six Feet Under» läuft Freitagnacht um 1.30 Uhr auf SF 2)
«Six Feet Under» auf DVD bestellen
Christof Moser, Inlandredaktor bei «Facts»

«The West Wing»: Schaltzentrale der Macht
Es soll in den USA nicht wenige geben, die sich ihn als Präsidenten wünschen: Demokrat Josiah Bartlet aus New Hampshire, Nobelpreisträger für Wirtschaft, ein liberaler Katholik mit einem starken Charakter und einem exzentrischen Sinn für Humor. «The West Wing» heisst die Fernsehserie, die den Amerikanern diesen Präsidenten und sein Team von Analytikern, Beratern und Redenschreibern auf brillante Weise präsentiert. Die ganze Welt wird aus dem Westflügel des Weissen Hauses heraus gesehen. Inklusive internationaler Krisen und Presseenthüllungen, politischer Ränkespiele und Wahlkämpfe, Druck von Militär und Geheimdienst und natürlich Dauerstreit mit dem republikanisch dominierten Kongress. Die Dialoge sind gestochen scharf und ausgesprochen witzig, das Ensemble spielt grossartig, die Folgen der sieben Staffeln bleiben spannend, erhellend und anspruchsvoll bis zuletzt. Selbstverständlich würde Amerika niemals einen so liberalen Präsidenten wählen, schon gar nicht jetzt. Dafür wird einem auf mitreissende Art vorgeführt, wie die politische Mechanik funktioniert, wie man sich ihrer bedient und wo man ihr ausgeliefert bleibt. Letzteres passiert auch einem US-Präsidenten öfter, als man es erwartet hätte.
«The West Wing» auf DVD bestellen
Jean-Martin Büttner, Redaktor beim «Tages-Anzeiger»

«Dream On»: Da freut sich Freud
Diese Serie entstand nur, weil die Produktionsfirma Universal einen Weg suchte, mit ihrem Archiv voller alter Schwarzweissfilme Geld zu machen. Regisseur John Landis produzierte darauf die Comedy-Serie «Dream on», die nicht übermässig originelle Geschichte um den unglücklich geschiedenen Martin Tupper auf Frauensuche. Das Originelle daran: Wenn Tupper in eine heikle Situation gerät oder besonders entzückt ist, werden seine Gefühle und Gedanken in Form von Ausschnitten aus alten Serien eingeblendet. Sobald Tupper eine schöne Frau sieht, wird eine Kanone aus einem alten Western abgefeuert, und wenn er gesteht, dass er nicht wählen geht, kommt Ronald Reagan aus dem Archiv ins Bild. Der Humor von «Dream on» spielt sich unter der Gürtellinie ab. Fast jede Episode dreht sich um Sex. Kritiker hielten die Geschichten um Martin Tuppers Frauenbekanntschaften denn auch für sexistisch. Sicher ist, dass Sigmund Freud seine Freude an den Sex-Metaphern aus «Dream on» gehabt hätte: Wenn Mann und Frau in nicht jugendfreier Weise zusammentreffen, wird ein Fahnenmast aufgestellt, fährt ein Zug in einen Tunnel, wird Butter gestossen und Champagner aufgemacht – alles in Schwarzweiss.
«Dream On» auf DVD bestellen
Reto U. Schneider, stv. Redaktionsleiter NZZ Folio

«Postman Pat»: Das Beste für Ihr Kind
Drei Jahre diente mein Büro zugeich als TV-Raum für die Kinder. Der Hauptvorteil dieses Arrangements lag darin, dass ich immer wieder Fetzen aus dem Kinder-TV aufschnappen konnte. Meine Lieblingssendung war «Postman Pat» – eine Puppenanimation, die in einer aus Buntpapier zusammengebastelten, nur wenig idealisierten britischen Landschaft spielt. In diesen Geschichten passiert nichts, was der Rede wert wäre. Ja der Witz der Sendung besteht darin, dass das Spektrum möglicher Ereignisse auf Mezzoforte heruntergefahren wurde. Der Pöstler in seinem Lieferwagen bringt die Post zu den Leuten, die sich in ihrem zweidimensionalen Leben eingerichtet haben. Alle sind auf rätselhafte Weise glücklich, aber Glück ist ohnehin meist rätselhaft. Das Titellied erklärt, warum: «Postman Pat. Postman Pat. Postman Pat und seine schwarzweisse Katz. Alle Vögel singen, der Tag kann neu beginnen. Pat fühlt sich als ein glücklicher Mann.» Meine Kinder waren von «Postman Pat» nicht übermässig begeistert. Sie sehnten sich mehr nach einem Leben voller Action und Abenteuer. Aber sie liessen mich ein Weilchen mitsingen, warfen mir einen Blick zu, der so viel sagte wie «Lass den Alten seinen Spass haben», und zappten dann weiter.
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Luca Turin, Forschungsleiter Flexitral Inc., London

«The Office»: Im Büro mit Foucault
«Was bedeutet die Arbeit den Arbeitenden?» fragte Michel Foucault. Man sitzt die Stunden ab und wartet auf den Lohn. Doch die Philosophie des «Homo oeconomicus» predigt etwas anderes: Arbeit soll zum Lebensinhalt, der Mensch zum Unternehmer seiner selbst werden. Statt Spass während der Arbeit ist Spass an der Arbeit gefragt. Die Steigerung der Performance wird in einer globalisierten Welt zum Imperativ – und verträgt sich nicht mit Exzessen im Pub. Die BBC-Serie «The Office» seziert den Arbeitsalltag im tristen Grossraumbüro: Zwei Denkweisen prallen aufeinander. Abteilungsleiter David Brent möchte vor allem eines sein: beliebter Platzhirsch. Die New Economy lebt dagegen nach dem Gebot einer ständigen Optimierung. Was ist, ist nicht gut genug: es muss besser werden. Die in der Chefetage stattfindende erkenntnistheoretische Verschiebung versteht Brent nicht. Obwohl sie mit demselben Managementvokabular ausgestattet sind, herrscht zwischen den beiden Parteien keine Kommunikation, sondern Rauschen. «The Office» zeigt: Der herrschende Diskurs bestimmt, wer auf dem Chefsessel sitzt.
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Tara Hill, freie Journalistin, Basel


Leserbriefe:

Zu Das sollten Sie sich anschauen - NZZ-Folio TV-Serien (10/06)

Ich habe bei den Empfehlungen zwar einiges vermisst, das in meiner TV-Serien-Biographie eine wichtige Rolle gespielt hat, Krimis vor allem: Die Strassen von San Francisco, Der Kommissar, Quincey und vor allem der unvergleichliche Kottan ermittelt. Aber den Artikel habe ich dennoch mit Gewinn gelesen, und einige der erwähnten Serien haben mich neugierig gemacht. Ich werde sie mir auf DVD beschaffen.
Thomas Werner, München



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