DER ROUTINEMÄSSIGE BLICK auf Handgelenk und Schuhe ist verschwunden. Westliche Ausländer in Moskau werden nicht länger auf Grund von äusserlichen Attributen, erworben in den von Markenartikeln überquellenden Konsumparadiesen, identifiziert und bewundert. Fremde Zungen und Pässe taugen nicht mehr als Sesam öffne dich! für Restaurants, die angeblich voll besetzt sind und vor denen die Moskauer umsonst ausharren, bloss um zu erleben, wie eine lärmende, gut gekleidete Ausländergruppe eingelassen wird, und dabei einen Blick auf die festlich gedeckten Tische zu erhaschen.
Mesalliancen wie jene zwischen westlichen Monteuren, die als Aussendienstmitarbeiter im internationalen Flughafen Scheremetjewo ein neues Kontrollsystem einrichteten, und jungen Moskauer Frauen aus Familien mit traditionell solidem Bildungshintergrund, die ihnen als Übersetzerinnen zugeteilt wurden, gehören der Vergangenheit an. Der Asymmetrie von einst - hier harte Währung und weltweite Freizügigkeit, dort äusserste Beschränkung von Konsum- und Bewegungsfreiheit trotz kosmopolitischer Bildung und Sprachkenntnissen - hat das Ende der Kommandowirtschaft den Garaus gemacht. Um die weite Welt zu sehen und zu erfahren, bedarf es nicht mehr der Eheschliessung mit dem erstbesten und so raren Ausländer.
Westler, die zu Zeiten der Stagnation manche Privilegien wie den Zugang zu Spezialgeschäften oder die Vorzugsbehandlung bei der Aeroflot mit der sowjetischen Nomenklatura ebenso automatisch wie widerspruchslos teilten, sehen sich regelrecht zurückgestuft. Heute bestimmt das Ticket und nicht mehr das kapitalistische Herkunftsland darüber, wer in der ersten Klasse sitzt. Die neuen Reichen Russlands zeigen nicht nur in Luzern und St. Moritz, dass ihrer Kaufkraft und Verschwendungssucht keine Grenzen gesetzt sind. In Moskau wird nicht weniger geprotzt. Und Lokale wie das Casino Tschechow und andere Spielhöllen werden von hier ansässigen Ausländern tunlichst gemieden.
Dass traditionsreiche Namen scham- und geschmacklos für Einrichtungen der neuen Art verwendet werden, gehört zum neuen russischen Selbstbewusstsein. Der kulturbeflissene Ausländer, der erfreut feststellt, dass an der zur schicken Geschäftsstrasse gewandelten Twerskaja - der früheren Gorki-Strasse - nicht nur McDonald's und westliche Modeschöpfer und Kosmetikhersteller ihre Filialen eingerichtet haben, sondern auch ein nach dem grossen Theatermann Stanislawski benannter Club, wird frustriert. Nicht etwa ein Treffpunkt der Intelligenzia erwartet ihn, sondern eine auf Jugendstil getrimmte Bar, in deren mit seichter Musik berieseltes Inneres nur zugelassen wird, wer den elektronischen Waffendetektor passiert. Als gelte es, ein Flugzeug zu besteigen. Wo die Reichen sich vor ihren Mit-Reichen schützen, bleiben Ausländer besser fern. Aber auch wo um hohe Summen gespielt wird, findet man sie nicht. Dass an einem Abend im Casino des «Metropol» 800 000 Dollar die Hand gewechselt haben sollen, verrät der Portier den Fremden stolz. Dass Russland den Westen auch punkto Geldwäscherei überrundet haben könnten, ahnt er vielleicht nicht. Vielleicht aber meint sein Stolz solche Hochleistung mit.
Nun gibt es in der Zehn-Millionen-Kapitale, die nach der Lethargie im offiziellen Ein-Klassen-System (das nur von einer erwählten Schicht und ohne Einblick der Öffentlichkeit umgangen wurde) eben dabei ist, sich wieder eine soziale Schichtung zu geben, nicht nur die Neureichen. Ein grosser Teil der Intellektuellen hat sich vom Nach-Perestroika-Schock erholt. Zahlreiche private Colleges wurden inzwischen gegründet, auch schlecht bezahlte Professoren reisen auf Einladung ins Ausland, und mit Gutachtertätigkeit werden die Einkommen aufgebessert. Die Auflagen der Qualitätszeitschriften sind zwar arg gesunken, seit das Papier teuer und die Leser rarer geworden sind. Doch besitzen Mitarbeiter heute Aktien und Selbstbewusstsein, pflegen Austausch und Kooperation mit Kollegen auf der ganzen Welt. Ihr Bild vom Westler bedurfte keiner wesentlichen Korrektur, an Wissen mangelte es ihnen nie, freilich deuten sie es heute nüchterner. Die Verständigung über Probleme, die in Ost und West ähnlich virulent sind - die Sklerose der Gesellschaft, das rasche Vergessen der jüngsten Vergangenheit und ihrer Diskussionskultur -, belegt den Fall der Grenzen. Wie die Intelligenzia sich im neu herausbildenden Sozialgefüge positioniert, ist - nicht anders als im Westen - eine bange Frage, so akut wie die prekäre Lage des Mittelstandes.
Während eine Mittelschicht noch kaum zu entdecken ist und selbst Ärzte und Lehrer fast ausnahmslos am Existenzminimum leben, ist die Unterschicht numerisch noch immer am stärksten. Dass sie alten Zeiten nachweint - ohne deren Rückkehr freilich konsequent zu wollen - , ist kein Geheimnis. In ihren Köpfen spukt die von extremen Nationalisten geschürte Vorstellung, Russland sei an den Westen verkauft worden. Das Gerücht, die russischen Computerspezialisten seien gezielt eingekauft worden, damit Russland rückständig bleibe - eine Art Morgenthau-Legende -, kursiert selbst unter Gebildeten.
Dass Fremde hier nicht nur gefürchtet werden, sondern dass ihnen mitunter mit offener Feindseligkeit begegnet wird, ist die Folge solcher Indoktrination. Die Westler, im Kommunismus Unantastbare, erfahren keine Schonung mehr. Wird jemand Opfer eines Entreissdiebstahls oder eines schlimmeren Verbrechens, quittiert die Polizei dies höchstens mit der Bemerkung: Was spaziert der in Moskau herum? Früher hätte ein solcher Vorfall bei den Ermittlungsbehörden Alarmstufe eins ausgelöst, hätten den Tätern drakonische Strafen gedroht, galten doch Verbrechen als TschePe (aussergewöhnliche Vorfälle), sobald Ausländer aus den Kapstrany, den kapitalistischen Ländern, involviert waren.
Systematisch schikaniert fühlen sich manche der niedergelassenen Ausländer seitens der Behörden. Der Italiener, der seine seit Jahren bestehende Handelsfirma mit einer neuen Generation von Computern ausrüstete, beklagt sich darüber, dass er die Ware am Zoll nur auslösen konnte, indem er den doppelten Wert als Einfuhrgebühr entrichtete. Die englische Korrespondentin wird über Monate von immer neuen Stellen aufgeboten, die Mängel an ihrem Auto identifizieren zu lassen. Eine Flut von stets neuen Verordnungen und Vorschriften lädt die Beamten dazu ein, die Ausländer zu schröpfen. Wer nicht schmiert, durchläuft eine ganze Odyssee. War man noch vor kurzem mit einer gelben Autonummer, wie sie die Ausländer haben, gegen Polizeibussen gefeit, so hat sich das Blatt gewendet: Da neuerdings Einheimische eher unbehelligt bleiben, legen sich die Ausländer jetzt weisse Schilder zu - der Handel damit floriert bereits. Dass westliche Firmen Lebensmittel, Zigaretten und Medikamente mit abgelaufener Verkaufsfrist in Moskau absetzen können, ist Vergangenheit. Heute wird Produkteinformation - auf russisch - verlangt. Die Käufer, ausgerüstet mit der Mostcard, die der Eurocard den Rang abläuft, sind bewusster geworden. Anstelle der Gedanken- und Bewegungsfreiheit, für die man noch vor kurzem unter Risiken und mit westlicher Hilfe kämpfte, ist der Konsumentenschutz zum Menschenrecht par excellence avanciert.
Während die Europäer an Prestige eingebüsst haben, stehen westliche Konsumgüter und Dienstleistungen weiterhin hoch im Kurs. Der «jewropeiski remont», die europäische Renovation, ist der Traum jedes frischgebackenen Wohnungsbesitzers. Die russische Machart gilt als minderwertig. Geschäfte mit Sanitäreinrichtungen, Türen, Jalousien, Sicherheitsschlössern und Bodenbelägen florieren an den besten Adressen. Vorbei sind die Zeiten, als man sich dank einer glücklichen Fügung eine hellgrüne WC-Schüssel tschechischer Herkunft ergatterte, um sie jahrelang in der Wohnung zu lagern, bis das ebenso zufällige Auftauchen eines Anschlussrohrs die Montage erlaubte. Heute lockt alle die Aussicht, sich hygienisch und praktisch einzurichten. Und für viele ist sie Motivation genug, jede sich bietende Arbeit anzunehmen, um sich den Komfort zu leisten. «Europa» ist zum Markenzeichen geworden, während Europa als Kontinent seine Magnetwirkung verloren hat. Für das Geschäft und das Geschäften hinreisen ist gut und recht. Aber weshalb umziehen, wo doch Moskau zu den spannendsten Städten der Welt gehört? So denken nicht nur nationalistische Patrioten, so denkt der Grossteil der gut ausgebildeten Jugend. Das erfuhr etwa der Lokalmanager eines prestigeträchtigen multinationalen Konzerns, als er eine Kaderstelle mit einer Nachwuchskraft zu besetzen hatte. Seine Frage, ob es für den Kandidaten oder die Kandidatin attraktiv wäre, einige Jahre am Schweizer Hauptsitz zu arbeiten, wurde durchweg mit einem spontanen Nein beantwortet. Manche machen es wie die Kunstkritikerin, die zwar nach Rom geheiratet hat, aber unter der Bedingung, den grössten Teil des Jahres in Moskau zu leben, um ihre Fotogalerie zu managen.
Vor kurzem hat die Zeitung «Kommersant Daily» eine Hitparade der Weltstädte nach Kulturangeboten publiziert; dabei rangieren London, Paris oder Rom weit hinter Moskau. New York kann gerade noch mithalten. Dass Moskaus Kulturelite ihren während Jahrzehnten gehätschelten Minderwertigkeitskomplex dem Ausland gegenüber rasch ablegt, verwundert nicht. Gleichzeitig hat auch der neue Geldadel begriffen, dass Kultur ein Statussymbol ist. So kommt man denn im Bolschoi mitunter auch in die Nachbarschaft von goldbehangenen Männern zu sitzen, die ihren aufgedonnerten Begleiterinnen einen schweren Arm um die Schulter legen, während des Applauses über das Sotowy, das Handy, Gespräche führen und die Ballett-Variationen mit heftigen Bravorufen ständig unterbrechen, als ginge es um Zirkusnummern.
Waren Konsumgüter russischer Herkunft in den ersten Übergangsjahren fast völlig aus dem Angebot verschwunden und bedeutete Reklame zunächst ausschliesslich westliche Schriftzüge auf grellen Plakaten und Leuchtkörpern, so besinnt sich Moskau jetzt auf eine Tradition der zwanziger Jahre: Mit Wortwitz und oft gereimt - wie damals von der Agentur Rosta, für die Köpfe wie Rodtschenko und Majakowski arbeiteten -, werden einheimische Fabrikate und Dienstleistungen angepriesen. Als Otwjetny udar (Gegenschlag) lässt ein Werber eine Packung der russischen Zigarette Java über die Skyline New Yorks fliegen; ein anderer zeigt eine Aeroflot-Maschine als fliegenden Elefanten und kommentiert «Ljegok na podjom», «Leicht im Abheben», was gleichzeitig initiative Leute charakterisiert.
Einen eigenen Ton schlagen auch die Spots des Senders Radio Rossija an: Geräuschkulissen aus dem Alltag, Gesprächsfetzen, in unterschiedlichsten Milieus aufgeschnappt, werden kommentiert mit der stolzen Formel «Rossija, eto my» (Russland, das sind wir). Sie lädt ein zur Bündelung aller Gruppen und Lebenswelten dieser disparaten Bevölkerung unter einem neuen, nicht unproblematischen Wir-Gefühl.
Regula Heusser-Markun ist Redaktorin der NZZ.