NZZ Folio 09/02 - Thema: Märkte   Inhaltsverzeichnis

Any players out there?

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Der Markt der Märkte: Ein Handelstag an der New Yorker Börse im Sommer 2002.

Von Jens Korte und Heike Buchter

Der Mann im dunkelgrauen Anzug trägt eine pinkfarbene Krawatte mit Meerjungfrauen. Er fragt nach Mitspielern: «Any players out there?» Der Angesprochene, der lässig an seinem Marktstand, dem «trading post», lehnt, beugt sich leicht vor, um einen besseren Blick auf einen der Monitoren werfen zu können. «Nobody’s home», gibt er zurück. Freitagmorgen, 9:47 a. m., Eastern Standard Time. Der Tag an der New York Stock Exchange hat vor 17 Minuten und 36 Sekunden begonnen. Er hat nur sechseinhalb Stunden, und er beginnt und endet mit dem Läuten einer Glocke.

Der im Dunkelgrauen hat einen Auftrag. Er ist Broker, und ein Grosskunde hat heute Morgen angerufen. Er will eine hohe Stückzahl an PBG-Aktien kaufen, Anteile an der Pepsi Bottling Group, der Abfüllsparte des zweitgrössten Brausebrauers der USA. Wie viele er insgesamt benötigt und wie viel Geld er dafür zur Verfügung hat, gibt der Dunkelgraue nicht preis. Würde er das volle Volumen der Order bekanntgeben, könnte er sich selbst den Preis verderben. Er muss versuchen, für die vorgegebene Summe so viele Aktien wie möglich zu bekommen. Denn er wird pro Aktie bezahlt, nicht pro Auftrag, wie die Broker früher. Nun versucht er, zunächst mit kleineren Tranchen Verkäufer zu ködern.

Er bleibt in der Nähe des «post», an dem die PBG-Aktie gehandelt wird. Verantwortlich für den Handel ist der Specialist, den der Broker gerade nach Verkäufern gefragt hat. Der Specialist bringt Anbieter und Nachfrager zusammen. Er erhält eine Kommission, kann aber auch selbst als Verkäufer oder Käufer einspringen - auf eigenes Risiko. Sein Assistent, eingezwängt im «post», ist im Halbdunkel des Käfigs aus Monitoren, Displays und Keyboards kaum zu sehen. Unablässig tippt er auf seine Tastatur. Er bestätigt die Trades, die abgeschlossenen Transaktionen. Der Grossteil der Order kommt per Computer herein. Nur noch 5 Prozent der Aufträge werden auf dem Parkett abgewickelt. Die entsprechen aber immer noch 35 Prozent des Handelsvolumens. Das heisst, die grossen Fische ziehen nach wie vor den hölzernen Trading Floor dem elektronischen vor.

Einer beobachtet das Geschehen am Stand genau. Doch weder placiert der junge Mann Order, noch nimmt er sie entgegen, er ist weder Specialist noch Broker. Er ist Informant. Sein Auftraggeber ist eine der Wall-Street-Investmentbanken. Doch er arbeitet nicht für deren Handelsabteilung, sondern für die Firmenkundenabteilung. Zum Service, den die Banken grossen Unternehmen bieten, gehört auch die Information über die Marktlage der Aktie. Und so hört sich der Informant vor Ort um. Er versucht herauszufinden, wer verkauft und warum. Welche Gerüchte womöglich den Kurs der Aktie belasten. Wie die Stimmung gegenüber dem Unternehmen auf dem Parkett ist. Das ist ein Vorteil der NYSE, den der Computerhandel nicht bietet.

Von oben, von der Member’s Gallery aus, wirken die «posts» mit den Trauben von Monitoren, die an ihren Dächern hängen, und den dicken Röhren, in denen die Kabel verlaufen, wie futuristische Marktbuden aus dem Cyberzeitalter. Darum herum drängen sich die Börsianer - stets mit Jackett und Krawatte. Turnschuhe oder Jeans sind undenkbar. Die wenigen Frauen müssen auf Sandalen und kurze Röcke verzichten, Jackett-Zwang gilt auch für sie. In hellblauen Jacken sind die Runner, die Botenjungen, zwischen den Brokern unterwegs, grüne Oberteile sind der Handelsaufsicht vorbehalten. Manche tragen rote, grüne oder pinkfarbene Jacken. Früher, als der Handel auf Zuruf stattfand, signalisierten sie, wer zu welchem Handelshaus gehörte. Heute sind sie eine praktische Berufskleidung.

Am Rand liegen die Ställe der Händler, die «booths». Dort gehen die Aufträge an die Broker ein, dort hängen ein paar Familienfotos, steht die Papptasse mit dem kalt gewordenen Kaffee. Die meisten Ställe sind längst Dépendancen der Investmentbanken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley, Merrill Lynch, Credit Suisse First Boston. Einige Händler sind noch unabhängig. Der sogenannte Zweidollar-Broker führt Aufträge für andere Exchange-Mitglieder aus gegen eine Gebühr, die früher zwei Dollar pro 100 Aktien betrug. Aber auch an der Wall Street verschwinden die Kleinen oder werden geschluckt. Von einst fünfzig Specialists’ Firms, den Marktmachern, sind heute nur noch fünf übrig.

Die Skandale um Enron, Worldcom und Tyco wirken nach. «Schlecht fürs Geschäft, wenn die Kunden in Handschellen abgeführt werden», sagt der Specialist, der an seinem «post» die Aktien eines Unternehmens betreut, zu dessen Hauptkunden Enron und Worldcom gehört haben. Mit der Nachfrage der insolventen Konzerne ist auch die Nachfrage nach der Aktie des Lieferanten gesunken.

Trotz der Krise werden an der NYSE täglich im Schnitt Aktien im Wert von fast 43 Milliarden Dollar gehandelt. In Frankfurt beträgt das Volumen durchschnittlich fünf Milliarden Dollar, an der Swiss Exchange drei Milliarden. In nur sechs Handelstagen wird an der Wall Street so viel umgesetzt, wie die Schweiz mit einem Bruttoinlandprodukt von 260 Milliarden Dollar im Jahr erwirtschaftet. Dabei wechseln rund 1,4 Milliarden Aktien den Besitzer. Der Wert aller Aktien der 2800 Gesellschaften, die an der NYSE gelistet sind, entspricht der unvorstellbaren Summe von über 15 Billionen Dollar.

Mehr als 3000 Angestellte der Börse haben die Aufgabe, den reibungslosen Ablauf des Handels sicherzustellen. Die Börse erhält dafür eine Kommission pro Deal. Für das Recht, auf dem Parkett zu handeln, muss ebenfalls bezahlt werden. Dazu müssen die Brokerfirmen oder Specialists einen «seat» erwerben. Ein solcher Sitz kostet derzeit über zwei Millionen Dollar - abhängig von Angebot und Nachfrage. Neben Technikern, Verwaltungsmitarbeitern, Sekretärinnen und PR-Beauftragten beschäftigt die NYSE 500 eigene Anwälte. Sie prüfen die Trades und spüren einzelnen Deals nach. Die Marktteilnehmer müssen sich weltweit darauf verlassen können, dass alles mit rechten Dingen zugeht.

Es gibt eine Cafeteria, die aussieht wie ein englischer Club, mit Jagdtrophäen an den Wänden und einem Gemälde, auf dem ein Bulle einen Bären besiegt. Es gibt einen Barbier, der montags geschlossen hat, und verborgen in einem der Kellerräume wartet ein Schneider kettenrauchend auf Kundschaft. Der Italiener ist schon so lange hier, er kann sich selbst nicht mehr genau erinnern, seit wann er den Specialists die Anzüge repariert.

Es riecht nach Kaffee, Pizza und Testosteron. Lunchtime auf dem Parkett. Die Gruppe am «post» schaut hoch auf einen Bildschirm an der Hallenwand. Dort werden die Resultate der laufenden Baseballsaison eingespielt. «No season for the Mets», stellt einer resignierend fest. Der Club aus Queens liegt im fünften Inning bereits 6:3 gegen die Expos zurück. Ein Broker mit einer Krawatte, auf der kleine Bullen und Bärchen zu sehen sind, klopft ihm kräftig auf die Schulter. Sport ist hier ein wichtiges Thema, ein Thema, über das man unbefangen reden kann. Denn beim Geschäft heisst es vorsichtig sein. «Nimm alle Informationen, die du kriegen kannst, und rücke so wenig raus wie möglich», fasst es ein erfahrener Händler zusammen. Denn jeder noch so kleine Wissensvorsprung zählt - in Dollar, nicht selten in Millionen Dollar.

Der Händler gehört zu einer Familie, die seit fünf Generationen auf dem Parkett steht. Sein Sohn und seine Tochter arbeiten ebenfalls im Betrieb. Im 19. Jahrhundert gab es viele Hilfsjobs - Botengänge, einfache Verwaltungstätigkeiten - an der Börse. Hier fanden viele Einwanderer aus Irland und Italien Beschäftigung. Und arbeiteten sich hoch.

Bis auf neun Tage im Jahr sind Werktage Handelstage an der NYSE. Wegen extremen Schneefalls fiel der Handel an einem kalten Februartag 1969 aus. 1977 legte der Stromausfall, der «Blackout» in New York, auch die Börse lahm. Und am 11. September 2001 kam kein Handel zustande. Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center blieb die NYSE bis zum Montag, dem 17. September, geschlossen. Das waren vier Handelstage. Zur Wiedereröffnung waren fast alle Marktteilnehmer erschienen.

Die Börse wappnet sich. Kein Bombenterror, nicht einmal ein Atomschlag soll nochmals den Handel zum Erliegen bringen. Die Achillesferse sind die Leitungen, die das Gebäude an der Ecke Wall Street / Broad Street versorgen. Das Herz, die Datenverarbeitungszentren, befindet sich ausserhalb - eines in Lower Manhattan, eines in Brooklyn. Jetzt soll weit weg ein zweiter sicherer Trading Floor entstehen. Vielleicht in einer der Satellitenstädte im Grossraum der Metropole.

Im Telefonnetz der NYSE können 30 Millionen Gespräche gleichzeitig geführt, pro Sekunde 3000 Informationen ausgetauscht werden. Es dauert gerade 20 Sekunden, bis ein Handel vom System komplett verarbeitet wird.

Kurz nach 15 Uhr dreht der Markt. Der Dow-Jones-Index klettert nach einem satten Verlust von über 150 Punkten wieder ins Plus. «Das haben wir gestern schon so gesehen», sagt ein Händler. Schnäppchenjäger? Leerverkäufer, die sich Aktien leihen und auf fallende Kurse spekulieren? Achselzucken. Blicke suchen die Monitoren. Gibt es politische Neuigkeiten? Jetzt gilt es, letzte Order werden placiert. Soll man zuschlagen, einsteigen, mitbieten? Oder Kursgewinne mitnehmen, schnell noch abstossen? Ein schneller Check per Telefon mit dem Mutterhaus oder direkt mit dem Auftraggeber. Der Meerjungfrauenschlips tippt etwas ins Orderbuch. Hat er den Auftrag erfüllt? An seinem Gesicht lässt sich nichts ablesen. Etwas Anspannung vielleicht.

Es ist der schlimmste Bärenmarkt seit 1973. Um mehr als sieben Billionen Dollar sank der Wert der US-Aktien seit Anfang des Jahres 2000, als die Spekulationsblase platzte. Der S & P-Index, der den breiten Markt abdeckt, sackte um 45 Prozent ab. Nervenzermürbend für die Männer und Frauen auf dem Parkett wirken sich nicht nur die Talfahrten aus, sondern auch die Ausschläge nach oben. Oft innerhalb weniger Stunden. Am 24. Juli schoss der Dow Jones um 570 Punkte nach oben - der zweithöchste Anstieg innerhalb eines Handelstages in der Geschichte der Wall Street.

Heute bedient ein Händler die Schlussglocke. Er geht in Pension, das Ende dieses Handelstages ist auch das Ende seines Berufslebens. «Der Dow Jones schliesst mit 8745 Punkten. Ein Gewinn von 33 Zählern. Der S & P bleibt mit 908 Punkten fast unverändert», lächelt die Börsenreporterin von CNBC in die Kamera. Zehn Minuten nach 16 Uhr sind kaum noch Menschen in der Halle. Putzmänner schieben Karren mit Mülleimern über das Parkett, sammeln Sandwichschachteln ein und fegen die Auftragszettel zusammen, die in der Hektik achtlos auf den Boden geflattert sind. Milliarden Dollar sind bewegt worden, über Monitoren geflackert, auf elektronische Konten geflossen. Auf dem Parkett bleibt ein weiss-blau-pinkfarbener Berg Papier zurück.

Jens Korte und Heike Buchter arbeiten als Börsenkorrespondenten für Presse und Fernsehen in New York.

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