NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

Mit offenen Augen ins Unglück

Im Anno Santo erwartet Rom eine Pilgerflut.

Von Bernadette Conrad

DIE BUSSE DER LINIE 64 durchqueren die italienische Kapitale auf einer ihrer Hauptachsen, vom Bahnhof Termini bis zum Petersdom. Sie sind nicht wegzudenken aus dem Verkehr und eigentlich immer unterwegs und stets vollgestopft, selbst an diesem kalten Februarmorgen. «Jeden Tag dieselbe Katastrophe», klagt eine Römerin. «Sitzen will man ja gar nicht mehr, aber wenigstens atmen. Und dann muss man noch ständig aufpassen, dass man nicht beklaut oder begrapscht wird. Wenn ich zur Arbeit komme, bin ich erledigt.»

Rom erstickt im Verkehr. 600 000 Pendler strömen täglich mit ihrem Privatwagen in die Innenstadt; das Angebot des öffentlichen Verkehrs ist mit 48 Tram- und 35 U-Bahn-Kilometern geradezu lächerlich. Die Strassen sind meist heillos verstopft, und im kommenden Jahr dürfte alles noch viel schlimmer werden, denn die römisch-katholische Kirche feiert dann gleich ein doppeltes Jubiläum: 2000 Jahre Christentum und die Wiederkehr des alle 25 Jahre stattfindenden Heiligen Jahres. Seit Jahren bereits ruft der Papst in aller Welt zu einem Besuch der Heiligen Stadt im Anno Santo auf. Zwischen 20 und 30 Millionen Menschen dürften dem Ruf des Pontifex Folge leisten; ein Besucherstrom, wie ihn selbst Rom wohl noch nie gesehen hat.

DIE TRADITION DES HEILIGEN JAHRES geht auf das Alte Testament zurück. In dreien der mosaischen Bücher wird beschrieben, was es damit auf sich hat: In diesem Jahr soll der Erdboden zur Ruhe kommen und unbebaut bleiben, Sklaven müssen freigelassen und mittellose Schuldner entlastet werden. Das Jubeljahr soll auch daran erinnern, dass alles Land Gott gehört und nicht von Menschen besessen werden kann, genausowenig, wie die von Gott befreiten Juden Diener irdischer Herren sein konnten. Ursprünglich hat das Heilige Jahr also einen sozialen und spirituellen Sinn. Die Menschen sollen von ihren äusseren Zwängen befreit werden, um in sich zu gehen und sich geistig erneuern zu können.

Von der Kirche tatsächlich institutionalisiert wurde das Heilige Jahr aber erst im Jahr 1300 von Papst Bonifaz VIII. Seinem Aufruf folgten so viele Gläubige, dass Clemens VI. beschloss, das nächste Heilige Jahr bereits 1350 abzuhalten statt, wie ursprünglich geplant, erst an der Jahrhundertwende. Weitere 125 Jahre später, 1475, wurde es dann erstmalig in 25jährigem Abstand gefeiert: jeder Generation ihr Anno Santo. Im 19. und 20. Jahrhundert schliesslich kamen noch weitere Heilige Jahre dazu, so 1833 und 1933 das Jubiläum des Todes Jesu. Für Papst Johannes Paul II. wird das nun kommende Heilige Jahr das zweite seiner Amtszeit sein - und gleichzeitig ihr Höhepunkt, wie er 1994 im apostolischen Brief «Tertium Millennium Adveniente» angekündigt hat. Wenn er in der Weihnachtsnacht dieses Jahres die seit 25 Jahren zugemauerte Heilige Pforte aufsperrt, wird ein über zwölf Monate nicht abreissender Reigen an Festen und Sonderanlässen eröffnet. Vom Tag der Familie über den Tag der Gefangenen, vom Marathon durch Rom am Neujahrstag 2000 bis zum Fest der modernen Märtyrer will der «Kalender des Heiligen Jahres» allen etwas bieten.

DIE LUFT im Bus ist stickig, die Stimmung geladen. Langsam schleicht das Gefährt den Corso Vittorio Emanuele II hinunter, Verkehr und die unzähligen Baustellen lassen nicht viel mehr als Schrittempo zu. 700 Baustellen gibt es derzeit in der Stadt, darunter viele Vorhaben, die das Verkehrschaos lindern sollen. Aber schon jetzt ist absehbar, dass gerade die wichtigsten Arbeiten bis zum grossen Jahreswechsel nicht vollendet sein werden, weder der Ausbau des Bahnhofs Tiburtina noch die Vergrösserung des Hafens Civitavecchia und des Flughafens Fiumicino, noch der innerstädtische Autotunnel Principe Amedeo. Rom sei nicht in einem Tag erbaut worden, also dürfe man sich auch beim Umbau Zeit lassen, erklären die Verantwortlichen der Stadtregierung, wenn man sie auf den schleppenden Gang der Dinge anspricht. Und wer danach fragt, wie man denn den zusätzlichen Besucherstrom zu bewältigen gedenke, den verweist man auf die spezielle Organisation, die für das Giubileo ins Leben gerufen worden ist: die Agenzia per il Giubileo, in der seit vier Jahren rund 60 Personen über der Vorbereitung des Jahrtausendanlasses brüten.

Fast drei Milliarden Franken hat der italienische Staat der Stadt Rom und der Region Latium im Hinblick auf das Grossereignis zugesprochen. 45 Prozent dieser Summe verschlingt allein der Posten «Transport», die neue Buslinie, die kleine Ausweitung der Untergrundbahn, Vergrösserungen der Bahnhöfe und die Extrafahrdienste im Heiligen Jahr. Je 15 Prozent entfallen auf den Unterhalt und die Pflege des kulturellen Erbes. Unter der von Mussolini gezogenen, zentralen Via dei Fori Imperiali beispielsweise wurden etliche Altertümer freigelegt. An der Via Flaminia ist das neue Auditorio errichtet worden, eine von Renzo Piano errichtete Musikhalle, die allerdings zu grossen Teilen von VW finanziert wurde. Die Zuwendungen privater Sponsoren belaufen sich laut Auskunft der Agenzia auf weitere drei Milliarden.

Je 10 Prozent der öffentlichen Mittel betreffen schliesslich touristische und städtische Dienstleistungen wie Unterkünfte und neue Signalisierungen, weitere 5 Prozent verschlingt die Informationsarbeit. Schon jetzt wird überall in der Stadt in kleinen grünen Infohäuschen über den Stand der Bauarbeiten orientiert. Schautafeln malen den zukünftigen Glanz der Kapitale aus und bitten um Verständnis für alle Unbill auf dem Weg dorthin. Und über allem steht ein Logo, das verdeutlichen soll, dass hier Geschichte und Gegenwart, kirchliche und weltliche Grösse in schöner Harmonie vereint sind: Vor der Silhouette der Peterskuppel zeigt es die stillende Wölfin mit Romulus und Remus, umgeben von einer Art Lichterkette, deren Leuchtkraft jeglichen Rest von Verstaubtheit überstrahlen soll.

IM VATIKAN SELBST gibt man sich zuversichtlich, dass der Massenandrang bewältigt werden kann. In der Stadt und in der näheren Umgebung hat das Zentralkomitee Grande Giubileo bis jetzt 60 000 Betten organisiert, und es verspricht, in einem Radius von zwei Fahrstunden um die Stadt weitere Unterkunftsmöglichkeiten aufzuspüren. Für die Transporte indessen ist die Stadt zuständig. Sie ist es, die mit dem Pilgerstrom letztlich fertig werden muss. Zwei Millionen Besucher werden sich zu den Höhepunkten des Jahres gleichzeitig in der Stadt aufhalten. Ein schier unendlicher Pulk von Autobussen wird die Besucher nach Rom karren. Nur einige wenige werden mit einer Spezialbewilligung in den Vatikan fahren können, wo auf dem Monte Gianicolo ein gewaltiger neuer Parkplatz angelegt worden ist. Der Grossteil dagegen wird nicht weiter kommen als bis auf einen der ausserstädtischen Parkplätze an der Umfahrungsstrasse der Hauptstadt. Für den Transfer in die Stadt sollen dann acht zusätzliche Buslinien sorgen, die die wichtigsten Pilgerstätten zum doppelten Preis der öffentlichen Verkehrsmittel anfahren.

Soweit die Theorie. Für die erwarteten 26 000 Touristenbusse sind jedoch erst 2000 Parkplätze fertiggestellt. Und natürlich weiss auch keiner, wo die zusätzlich erwarteten Privatfahrzeuge der italienischen Besucher abgestellt werden sollen. Viele der getroffenen Massnahmen sind deshalb, wie Kritiker meinen, lediglich Augenwischerei. «Wir rennen mit offenen Augen ins Unglück», meint Alberto Ronchey, ehemaliger Direktor der Tageszeitung «Stampa», der in einem kürzlich erschienenen Buch das kommende Desaster ausmalt. Es sind vor allem drei Hauptvorwürfe, mit denen sich die Verantwortlichen des Giubileo konfrontiert sehen: Warum wurde nicht versucht, das Jubiläum räumlich zu dezentralisieren oder zeitlich zu strecken, statt die Infrastruktur der Stadt heillos zu überlasten? Warum wurde mit den Grossprojekten nicht rechtzeitig begonnen? Und warum wurde mit dem Grossparkplatz Gianicolo ein neuer innerstädtischer Anziehungspunkt geschaffen, statt langfristig und im Hinblick auf die alltäglichen Bedürfnisse der Stadt zu planen und den öffentlichen Verkehr auszubauen?

JETZT ÜBERQUERT DER BUS DEN TIBER, fährt einer Tunnelöffnung entgegen, die er aber links liegen lassen muss, und steuert statt dessen durch eine Gasse Richtung Vatikan. Der Autotunnel Principe Amedeo, eines der Hauptprojekte zur Verkehrsentlastung, wird zur Jahrtausendwende noch nicht fertiggestellt sein: Zwei übereinandergelegte Röhren sollen jeweils dreispurig stadteinwärts und stadtauswärts führen. Der Tunnel soll die Automassen vorbei an der für die Autos gesperrten Via della Conciliazione in den Vatikan schleusen. Aber vor den Brückenauffahrten werden sich weiterhin die Automassen stauen.

Alle Wege führen nach Rom, doch in Rom selbst werden alle Wege noch verstopfter sein. Und wie, fragt man sich, wird sich dabei der typische Pilger fühlen, derjenige, der laut Statistik mit Geld nicht gerade um sich wirft, in einer Pilgerherberge nächtigt und der Stadt nicht zu grossen Einnahmen verhilft? Immerhin steht im Vatikan für jeden Besucher ein Pilger-Package bereit, ein Rucksack, dessen wichtigstes Utensil ein «Pilgerstadtplan» ist, der durch das geistliche Rom führt und jene alten Pilgerwege zu neuem Leben erwecken soll, die für das Giubileo restauriert und ausgeschildert worden sind: den Weg zwischen den Hauptkirchen San Pietro, San Giovanni, Santa Maria Maggiore und San Paolo; einen Weg um die Katakomben; einen anderen vom Lateranpalast zum Kolosseum. Für rund 40 Franken ist ausserdem eine «Pilgerkarte» zu haben, mit der man Bahn und Bus bezahlen, telefonieren, eine Grundversicherung abschliessen sowie medizinische Leistungen entgelten kann.

Fast die Hälfte aller Pilger wird allein in den Monaten April bis Juni erwartet. Ganz im Zeichen der Jugend steht dann der Sommer. Der Weltjugendtag, der die letzten Male in Paris und Manila zwischen zwei und vier Millionen Jugendliche versammelte, wird am 19. und 20. August 2000 auf dem im Süden der Stadt gelegenen Gelände Tor Vergata abgehalten. Auch die Stadt hat jetzt grünes Licht gegeben - obwohl tatsächlich nur Platz für 1,2 Millionen Besucher ist.

ENDLICH BIEGT DER BUS in die Via della Conciliazione, die auf den Petersplatz führt, und der Blick wird frei auf einen vollständig eingerüsteten Petersdom. Die Strasse einschliesslich der Zone bis zur Engelsburg wird im Jubeljahr für den Verkehr gesperrt sein. Rund 200 000 Besucher fassen Petersplatz und Conciliazione: letztere von Papst Pius XII. zum Jubiläum von 1950 in der heutigen Form ausgebaut. An der Piazza Leonina ist der Bus an seinem vorläufigen Endpunkt angekommen, entlässt verschwitzte und erschöpfte Fahrgäste und nimmt neue, frische auf, um mit ihnen wieder zurück in Richtung Termini zu ächzen. Und dies an einem kalten Februartag ausserhalb der Touristensaison, zehn Monate vor dem grossen Jahr.

Bernadette Conrad ist freie Journalistin; sie lebt in Romanshorn.


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