DRAUSSEN HUSTEN DIE LEUTE, drinnen tüfteln die Hacker. Nebelzeit ist Infektionszeit: Asiatische Grippestämme suchen nach Schleimhäuten, geheimnisvolle Programme nach wehrlosen Festplatten.
In der Theorie sind alle Viren gleich: Monologisierende Störenfriede, die stur um die Weltherrschaft kämpfen. In der Praxis gerät das Immunsystem schnell in eine Zwickmühle. Gefühle der Freude, Lust und Wonne helfen dem Körper durch den Winter, für den Geist vor dem Bildschirm sind sie pures Gift. Er braucht Argwohn, Misstrauen und Paranoia, damit seine Alarmglocken schrillen.
Die Computerei bietet Introvertierten mit Tagesfreizeit eine der letzten Gelegenheiten, dem Weltzusammenhang ein grosses, hässliches Loch zu hauen. Deshalb ist elektronischer Vandalismus eine Trendsportart. Selbst das Lesen zählt wieder zu den gefährlichen Abenteuern. Seit sich Text und Technik dank maliziösen Makros zu schlechten Nachrichten verbinden, qualifiziert allein schon das Öffnen eines simplen Microsoft-Word-Dokuments für die Teilnahme an einer Epidemie.
Die Sicherheitsarchitektur weit verbreiteter Programme ist derart emmentalerhaft, dass ein gepflegter Disput über die wahre Natur der Datenverarbeitung unvermeidlich ist. Gibt es Datensicherheit auf Erden? Wenn ja, wieviel? Vereinigungen wie der «Chaos Computer Club» oder «The Cult of the Dead Cow» widmen sich mit Inbrunst diesen Fragen, hacken wirklich fleissig ein Heiligtum nach dem anderen und erzählen anschliessend auf der Pressekonferenz, wie es geht. Das ist eine Begeisterung, die man in den grossen Konzernzentralen vermisst.
Sicherheit bleibt Privatsache, wie einst im Wilden Westen. Wer schneller löscht, gewinnt. Also den Virenscanner gut durchladen und einmal pro Woche frische Munition aus dem Netz holen. Freundlich angetragene E-Mails mit interessanten Attachments auf keinen Fall nett finden, sondern sofort mit einem aufklärerischen Brief zurückschicken. Aufkeimende Ekstase beim Finden von Gratisprogrammen stets unterdrücken, zur Sicherheit das Diskettenlaufwerk ausbauen. Regelmässig alle Daten klonen und in Tresore auslagern. Dem Wachsamen können Computerviren nichts anhaben. Aber er wird Grippe kriegen.