WIR LEBEN in einer Welt der «Grössten» und «Schnellsten». Was in der Werbung längst seinen Platz hat, macht sich mittlerweile überall breit. So zelebriert das «Guinness-Buch der Rekorde» Jahr für Jahr den Hang des Menschen nach Superlativen. Mag die höchste Drehleiter der Welt (Rettungshöhe 62 m) noch sinnvoll sein, erscheint der Rekord im Krankenbett-Dauerschieben (136 km in 24 Std. 30 Min.) doch eher überflüssig.
Übertreibungen machen sich auch dort breit, wo wir Sachlichkeit statt Prahlerei erwarten: in den Zeitungen. Am 29. Januar 1986 musste die Welt vom schrecklichen Ende der Raumfähre «Challenger» erfahren. Die Katastrophe gab der Schweizer Boulevardzeitung nicht nur deftige Kost, sondern auch Gelegenheit zur Kollegenschelte. Unter dem Titel «TV DRS schaltete zu langsam» war zu lesen, dass der Tagesschau in der Ausgabe von 17 Uhr 55 «nur ein Telefongespräch mit dem Korrespondenten in New York gelang», während «sogar Moskau blitzschnell schaltete und bereits 35 Minuten nach der Explosion über die Nachrichtenagentur Tass die Nachricht in jeden Winkel des Imperiums verbreitete». In der gleichen Zeitung stand als Zeitpunkt für die Explosion 17 Uhr 39 (Schweizer Zeit). Was nach Adam Riese das «langsame TV DRS» bereits 16 Minuten nach der Katastrophe schalten liess - also in weniger als der halben Zeit der «blitzschnellen Tass». Journalistische Rechenschwäche oder Manipulation?
Zum Gespött machte sich jener Journalist, der vor lauter Hitparadengewohnheit nicht merkte, dass eine Rangliste eine Negativliste war. So präsentiert am 15. August 1995 «Der Zürcher Oberländer» die alljährliche Untersuchung der Aufenthaltskosten in hundert Städten der USA. Nach anfänglich sachlicher Darstellung («New York bleibt teuerste Stadt der USA») geht es seltsam weiter: Das mit 136 Dollar pro Tag jetzt kostengünstigste Las Vegas ist für den Journalisten «auf den letzten Platz abgerutscht». Und die «markanteste Verbesserung in den Top ten gelang Chicago, das von Rang sechs auf die dritte Position vorrückte». Was wohl nur jenen Reisenden freuen kann, der bisher sein Geld in Chicago partout nicht loswurde.