NZZ Folio 01/00 - Thema: Jobs!   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Zum Leiden bereit?

Von Ursula von Arx

ERHARD LORETAN, 1959 in Bulle geboren, ist der berühmteste Bergsteiger der Schweiz. Er ist der dritte Mensch auf dieser Erde, der alle vierzehn Achttausender bezwungen hat. Dabei ist er konsequent bei einem «leichten Alpinstil» geblieben - wenig feste Lager, keine Medikamente, schnelle Besteigungen ohne viel Gepäck, manchmal ist er vier Tage ohne Schlaf unterwegs. Für dieses Jahr ist eine grosse Expedition im Himalaja geplant. «Die Berge sind mein Leben», sagt Loretan.

Erhard Loretan, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.

Ich war ein Zappelphilipp. Ruhig zu sein fiel mir sehr schwer. Am liebsten kletterte ich auf Bäumen herum, man nannte mich deswegen auch Äffchen. In der Schule war ich faul.

Wie sind Sie zu den Bergen gekommen?

Ich hatte sie immer vor Augen und einen Wochenendkletterer als Nachbarn. Mein Traumberuf mit sieben war Bergführer. Alles, was mit Bergen zu tun hat, zog mich unwiderstehlich an. Das war so von allem Anfang an. Mein Leben war vorbestimmt.

Und, wie war es das erste Mal?

Mein erster Berg war der Dent de Broc, 1829 Meter hoch. Die Nacht davor hatte ich kein Auge zugetan, ich war ganz zittrig vor Aufregung. Mein Nachbar kletterte voraus, sein Kollege war hinten, ich in der Mitte. Ich war glücklich, denn ich war in meinem Element angekommen. Das Virus hatte mich. Da war ich elf.

Heute sind Sie 40 und haben noch nicht genug, im Gegenteil, Sie werden immer extremer. Was suchen Sie?

Die zwei, drei Sekunden auf dem Gipfel haben für mich keinen Preis. Es ist das Paradies.

Aber vorher? Sie kennen viele, die nicht mehr zurückgekommen sind.

 Das ist jedesmal sehr traurig, doch es gehört zu den Spielregeln. Ich bin da Fatalist geworden. Auch die Strasse fordert viele Tote. Ich habe Respekt vor den Bergen, und dieser Respekt ist meine Lebensversicherung. Ich spiele nicht mit dem Leben, aber ich liebe es, mich voll zu konzentrieren, und die Gefahr zwingt mich dazu. Mich selbst zu übertreffen, zu machen, was noch niemand machte, das reizt mich sehr.

Wie bereiten Sie sich auf eine Tour vor?

Ich weiss haargenau, es wird kalt, ich werde Hunger haben, Angst, wenig Schlaf, jede Bewegung wird irgendwann unendliche Mühe kosten, überall Schmerz. 90 Prozent ist leiden. Ich muss damit einverstanden sein. Das Wichtigste: Wer in Panik gerät, ist tot. Eine unpassierbare Stelle etwa, die zu umgehen zwei Tage kostet: Was macht man da? Auf solch schwierige Situationen versuche ich mich mental vorzubereiten. Manchmal zwei, drei Jahre bevor eine Tour stattfindet, ist sie schon auf diese Art in meinem Kopf.

Wie bereiten Sie sich logistisch vor?

Das ist Routine. Für eine Expedition ist man vielleicht zwei Monate aus der Welt. Da muss man sich ernähren. Ovo-Sport eignet sich, zum Trinken nehmen wir Sirup mit etwas Schnaps, das neutralisiert den grässlichen Geschmack des Schneewassers. Ferner muss man eine Bewilligung einholen.

Ist das schwierig?

Wer heute den Mount Everest besteigen will, zahlt 100 000 Franken. Das wurde erst in den letzten Jahren so teuer, mit den kommerziellen Expeditionen. Da nehmen Leute teil, die ganz viel Geld haben und etwas erleben wollen. Die machen das fürs Poesiealbum, aber eigentlich haben sie keine Beziehung zu den Bergen. Sie machen die Berge zum Disneyland, und Leute mit wirklich guten Projekten, aber wenig Geld haben keine Chance mehr. Es ist eine Schande. Denn ein Achttausender mit oder ohne Sauerstoff, da ist eine ganze Welt dazwischen.

Auf 8000 Metern Höhe ist der Sauerstoffgehalt der Luft nur noch ein Drittel dessen, was wir gewohnt sind. Was passiert da mit einem?

Jeder einzelne Schritt fällt dreimal schwerer. Das Blut wird dicker, die Zirkulation langsamer, die Erfrierungsgefahr grösser. Atemnot und Halluzinationen können auftreten. Am anfälligsten ist das Gehirn: man ist wie berauscht. Man verliert das Gefühl für die Gefahr, in der man schwebt. Das ist der Kick.

Seit vielen Jahren machen Sie Ihre Touren zusammen mit Jean Troillet. Wie gut kennt man sich da?

Ich weiss nichts Privates über ihn. Auf Expeditionen reden wir manchmal tagelang nicht miteinander. Aber wir wissen: wenn es losgeht, sind wir zwei perfekt funktionierende Maschinen.

Sie verdienen heute Ihr Geld auch mit Vorträgen bei Banken und Versicherungen. Was können Sie denen beibringen?

Es gibt da Parallelen. Beim Bergsteigen ist man ständig mit Unvorhergesehenem konfrontiert, da gilt es, flexibel zu reagieren. Ich muss mir ein Ziel setzen und mich motivieren. Ich muss Risiken einschätzen können. Das alles scheint zu interessieren.

Sie hatten früher den Ruf, verschwiegen und schwierig zu sein.

Nach 1995, also nachdem ich alle 14 Achttausender bestiegen hatte, war plötzlich ein Interesse an mir da. Da habe ich mich sehr verändert. Es ist schön, zu sehen, dass Leute nach einem Vortrag andere Augen haben. Aber dann will ich wieder allein sein.


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