FRÜHER HATTEN nur französische Könige einen Wohnstil, welcher mit ihrem Namen und ihrer Nummer in römischen Ordnungszahlen bezeichnet wurde. Etwas später dann, als der Adel seine führende Rolle längst an das Kleinbürgertum abgetreten hatte, erfreuten solche Stilmöbel zunehmend auch die Augen und die breiten Gesässe des breiten Volkes.
Heute dagegen besitzen die Leute keine Stilmöbel mehr, dafür einen Wohnstil. Und die meisten Möbel tragen auch wieder einen Vornamen, aber statt Louis XVI heissen sie heute Björn oder Örgryte. Ohne Zahl dahinter natürlich, denn ein Individualist des ausgehenden 20. Jahrhunderts könnte sich nie über das Sofa Klaringa 23 758. oder den Salontisch Nils 56 904. freuen. Wobei anzumerken ist, dass die wahren und wirklichen Individualisten, also jene mit Geld, Vornamen meiden und Möbeln mit Familiennamen ganz klar den Vorzug geben. Was durchaus verständlich ist, weil Breuer, Le Corbusier oder Starck entschieden mehr vorstellen als skandinavische Tauf- und Kosenamen.
Mit solch illustren Namen möblierte Interieurs sind zwar schön, aber unbewohnbar. Weil sie die zentralen Werte des abendländischen Wohnens mit Füssen treten und Gemütlich- und Behaglichkeit dem totalen Styling geopfert werden. Über die teure Unwohnlichkeit solch musealer uniformer Graphiker-Réduits können weder die lichtdurchfluteten Räume noch Neonnippes aller Art hinwegtrösten. Und auch apart neben dem Kamin drapierte bzw. ganz spontan auf dem Parkettboden liegengelassene Zeitschriften gaukeln vergeblich Leben vor.
Gut möglich, dass solche Potemkinschen Wohnungen ausschliesslich Repräsentationszwecken dienen und nur bewohnt werden, wenn Besuch kommt. Und dass selbst bekennende Ästheten normalerweise in gemütlichen, heimeligen, herzigen, bequemen Zweitwohnungen hausen. Wer wollt's ihnen schon verargen? Ich jedenfalls nicht.