Wie verführerisch finden Sie den Geruch eines Raubtiers? Den Geruch eines nassen Hundes? Überhaupt nicht verführerisch, nicht wahr? Vertreiben kann man Sie mit dem nassen, stinkenden, zottigen Hund, den Sie in trockenem Zustand vielleicht mehr lieben als Ihren Nächsten. Und die scharfe Ausdünstung der Tiger nehmen Sie im Zoo wohl einfach in Kauf. Nein, nicht verführerisch sind solche Gerüche, und was, bitte, finden Sie, soll diese dämliche Frage.
Aber: Wie ist es mit der Erinnerung an den Geruch des nassen Hundes? Mit der Erinnerung an jenen Regentag, als Sie mit Hund und einer neuen Liebe über die Felder streiften, der Hund womöglich nicht Ihrer, sondern der Ihrer neuen Liebe und darum verführerisch wie diese Liebe selbst? Mischt sich nicht in das Bild der neuen, fremden, verführerischen Frau, des neuen, fremden, verführerischen Manns irgendwo der Geruch jenes triefenden Tiers? In die Erinnerung an unbeschwerte Tage irgendwo auf dem Land die strenge Ausdünstung von Pferden? Erfüllt Sie nicht ganz unvermittelt ein bestimmtes Gefühl, wenn ein bestimmter Geruch Sie streift: von Papierleim, der Sie an öde Handarbeitsunterrichtsstunden mahnt, von einer aus der Mode geratenen Sonnencrème - lang zurückliegendes lustiges Sommerferienlagerleben -, von jenem entsetzlichen pelzigen Isländischen Moos, dem irgendein Kinderhasser halswehhemmende Wirkung angedichtet hat und das Sie zeitlebens mit ungesüsstem Tee und Essigsocken assoziieren?
Gerüche - Sie merken längst, wo ich hinauswill - sind Erinnerungsträger, und als die machen wir Parfumeure uns manche gemeinhin als «stinkend» bezeichneten Gerüche zunutze, wenn wir in unsere Kompositionen, oh ja, dieses Wort ist am Platz, jene leise Dissonanz hineinbringen, die Spannung erzeugt. An einem völlig symmetrischen Gesicht hätte man sich ganz rasch satt gesehen, es findet sich denn auch so wenig wie der nur männliche Mann oder die nur weibliche Frau. Die vollkommene Harmonie findet sich nirgends in der Natur. Am Mannsprotz rührt einen am Ende die unvermutete Gemütsweichheit, und das Milchundhonigweib fesselt mit unvermuteter Strenge.
Die kleinen feinen Störungen fügen wir mit ganz feinen Strichen in unsere Duftgemälde ein - oh ja, wir komponieren und malen -, die selbst schon mit hellen und dunklen Farben gemalt sind. Wie die Clair-obscur-Bilder der alten Meister, auf denen erst der Lichtschimmer den Betrachter auf die im Schatten sitzende Gestalt aufmerksam macht, in die im Dunkeln liegende Landschaft führt, entführt - ver-führt?
Oh nein, «verführen» hat etwas Pejoratives an sich; nur (nur?) bezaubern will ich mit dem Lichtschimmer im samtenen braunroten Ton, mit der silbernen Querflöte im melancholischen Klang der Oboen: mit dem kühlen hellen Hauch von Limetten, Lavendel, Maiglöckchen im dunklen warmen Duft. Was ich mit dunklem Duft, warmem Duft meine? Sie werden, wenn ich Ihnen jetzt antworte, gleich sagen: oh, selbstverständlich. Selbstverständlich ist der Geruch von Zimt und Gewürznelke dunkel und warm, von Vanille, Anis, Kardamom. Alles Weihnachtsgebäckgewürze, sagen Sie. Winterdüfte, dunkle Düfte. Warme Düfte. Weihnachten, Wärme, Geborgenheit - und irgendwo die Verheissung von Frühling und Licht: irgendwo im Konzert von Muskat, Sandelholz und Eichenmoos bringe ich Maiglöckchenduft, Magnolienduft, Lindenduft ins Spiel. Sehen Sie, wie im Yin und Yang trägt das eine stets auch den Kern des andern in sich, liegt im Kontrast die Vitalität und die Spannung.
Natürlich mischen wir, um die erwähnte leise Dissonanz zu erzeugen, den schönen, reinen und reichen Düften (ein «armer» Duft» wäre etwa der von Kampfer) nicht getrockneten Pferdemist bei und auch keinen gefriergetrockneten zerriebenen nassen Hund. Da behelfen wir uns mit Täuschungen aus der Natur, mit Geissbocksäure etwa oder der nach nassem Hund riechenden Costuswurzel. Oder mit chemischen Substanzen gleicher olfaktorischer Form, mit Paracresylphenylacetat zum Beispiel für Pferdegeruch, während die mit einer leichten Weinfahne einhergehende Erinnerung an jenen wundervollen langen Abend tatsächlich mit lie-de-vin (Fassrückstand) am Leben erhalten wird. Dieses «Dynamit» fügen wir - damit ein Parfum nicht am Ende eine obszöne Ausstrahlung bekommt - in fast homöopathischen Dosen bei! Und Substanzen wie das hormonähnliche Androsteron, einer der wenigen aphrodisisch wirkenden Gerüche (nachweislich wirksam allerdings nur beim männlichen Schwein), wende ich gar nie an.
Mit meinen Kompositionen aus Dutzenden von Düften möchte ich Sie eigenen schönen Erlebnissen wiederbegegnen, Sie mit dem Duft von fremden Gewächsen von fremden Ländern träumen lassen, auf eine Reise entführen. Ich nehme Sie mit Pinienduft, Ginsterduft, Geissblattduft auf eine Wanderung durch die ligurische Landschaft mit, von der ich mich selbst habe inspirieren lassen; lasse in Ihrem Unterbewusstsein mit Brombeer, Kiefernharz und Engelswurz - ihr Geruch gleicht dem Geruch der Haut eines ganz kleinen Kinds - das Glück junger Mutterschaft, junger Vaterschaft wieder aufscheinen. Und wissen Sie, dass es teure Parfums gibt, die auf dem Geruch eines sehr gängigen Babypuders basieren? Mittlerweile ist Ihnen das Verführerische daran sicher klar, nicht wahr?