BLIND WAREN DIE BEIDEN nie unterwegs. Aber «weil man sieht, was man weiss», fällt ihnen heute mehr und anderes auf als in ihren Anfängen. Ursula Bauer und Jürg Frischknecht veröffentlichten 1995 mit «Grenzschlängeln» das erste ihrer ungewöhnlichen Wanderbücher. Im vergangenen Jahr ist das fünfte erschienen, «Bäderfahrten», welchen Titel keiner aufatmend zu wörtlich verstehen sollte: auch hier sind die Autoren zu Fuss unterwegs, wenn auch nicht mehr wie im Erstling auf einer Tour de force in 47 Etappen von Samnaun an den Genfersee.
Wenn einer wie Jürg Frischknecht, dessen Arbeiten von «Unheimliche Patrioten. Politische Reaktion in der Schweiz» (1979) bis «Rechte Seilschaften» (1998) gefeiert und beschimpft wurden – wenn so einer sich mit seiner Lebenspartnerin auf die Wandersocken macht, mag sich die Frage stellen, ob da Resignation im Spiel sei oder eine besonders subversive Strategie. Nichts von beidem. Allerdings können wir die Aussage «Man sieht, was man weiss» als Umkehrung des berühmten Satzes verstehen, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Auch sind Bauer und Frischknecht, die sozusagen per pedes ihre alpenpolitischen oder alpenökologischen Überzeugungen beglaubigen, durchaus Naturfreunde und Zivilisationskritiker, aber, Arm in Arm, die Widerlegung jenes mit Rousseau in die Welt gekommenen spartanischen vegetarischen Elends.
Die beiden hedonistischen Linken gehören nicht ins Lager der Toscana-Fraktion und in das der Piemont-Fraktion nur bedingt. Sie haben ein Piemont-Buch geschrieben, «Antipasti und alte Wege» (1999), aber das handelt vom anderen Piemont, vom stotzigen Valle Maira, wo Baroli und Barbareschi ein fernes Gerücht sind.
Seit zehn Jahren erkunden Bauer und Frischknecht den Alpenraum und sind doch keine Alpinisten. Die Zonen über 2000 m ü. M., «wo die Kultur aufhört», überlassen sie dem SAC. Ihr Feld sind die humanen Mittellagen oder gar Talsohlen. Da sind sie mit dem Blick fürs Ganze unterwegs. Eine «Landschaft lesen» schliesst die Kenntnis historischer, sozialer, kultureller, wirtschaftlicher Hinter- und Untergründe ein.
Ihr gelobtes Land, dem sie das wohl schönste ihrer 400-seitigen Bücher gewidmet haben, ist das Veltlin (vom Bergell abgesehen: dem soll ein nächster Band gewidmet sein). Wie alle andern ist es gleichzeitig Wanderführer, gastronomischer Ratgeber, äusserst lebendiges Geschichts- und Geschich tenbuch, Kuriositätenalmanach – kurz, ein Kompendium, das keinen Wunsch offenlässt ausser dem, es möchte im Rucksack etwas leichter mitzutragen sein. Zumal wir uns in diesem auf allen Routen auch ein Fläschchen Wein vorzustellen haben, und zwar nicht jenen Zweier-Pfiff von Zanolari («flüssige Sonne»), wie er uns, unter 3000 m ü. M. getrunken, vor Jahrzehnten lange Zähne verursachte.
Bauer und Frischknecht halten sich für Weinlaien. Aber auch von einem anständigen Veltliner haben sie sich eine dezidierte, ich meine: kompetente Meinung erwandert – und das ist nicht so einfach, ist der Veltliner doch sozusagen selbst noch unterwegs. Während Jahrzehnten schrumpften in den steilen, arbeitsintensiven Lagen (1200 Arbeitsstunden pro Hektare) Anbaufläche und Produktionsmenge. Jetzt müssen sich unter dem Druck der grossen Häuser die kleinen Zulieferer an grosse Umstellungen gewöhnen. Auch hier gilt zunehmend: Qualität statt Quantität. Mehr und mehr konzentrieren sich die Anstrengungen auf den aus Trockenbeeren gekelterten Sforzato (die Antwort des Veltlins auf den Amarone di Valpolicella).
Während Jahren musste ein Betrieb nach dem andern schliessen. Aber nun treten neue Produzenten aus dem Schatten der Grossproduzenten Triacca und Negri: die Conti Sertoli Salis oder experimentierfreudige Selbstkelterer wie Alberto Marsetti oder die Vinautori (zu denen auch der Weinpublizist Stefan Keller gehört). Letztere mit dem Ehrgeiz, dereinst Italiens besten Syrah zu keltern. Der «Garbalda» 1999, den Bauer/Frischknecht in einem Anfall von grossbürgerlicher Frivolität entkorken, ist davon nicht mehr weit entfernt.
Der Wein des Abends aber ist ein Corte di Cama von Mamete Prevostini in Cortasc Mese, Jahrgang 1995, ein dichter, eleganter Nebbiolo mit Eigenblutdoping: «rinforzato», verstärkt mit einem Prozentsatz von in Sforzato-Manier getrockneten und gepressten Trauben. Ein Wein, dessen Trauben zwar aus dem Veltlin stammen, aber im Bergell gekeltert werden und der gewissermassen der Schnittpunkt von zwei Bauer-Frischknecht-Büchern ist. Soeben hat Prevostini für seinen Sforzato vom Gambero Rosso das begehrte dritte Glas erhalten und damit seinen Lehrer überflügelt, den grossen Önologen Casimiro Maule von Negri. Wir hoffen mit ihm, er gebe deswegen den Corte di Cama nicht auf, nehmen den letzten Schluck und riechen im leeren Glas als Nachhall die Würze und die dunkle Frucht. Aus Heiterkeit wird Begeisterung.
Am Ende bestimmt doch das Sein das Bewusstsein.