NZZ Folio 03/07 - Thema: Radio   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Die Rückkehr des Ur-Sohns

© Foto-Agentur Sutter/NHPA/Andy ...
Ökologisch wertvoll: Der ausgestorben geglaubte Wisent. Linktext
Der drei Meter lange Auerochse Ur, Attraktion bei den Schaukämpfen im alten Rom, wurde 1627 ausgerottet. Sein Nachfahre, der Wisent, um ein Haar 1927.

Von Herbert Cerutti

Eine Herde Kühe, die bimmelnd auf der Wiese grast, ist Sinnbild für ländlichen Frieden. Zuweilen wird aus der Idylle aber Gefahr. Spaziert der Mensch unbekümmert über Land, wo eine Mutterkuh mit ihrem Kalb weidet, kann sich das Rindvieh bedroht fühlen. Wer dann beim ersten Scharren des Hufs nicht schleunigst das Weite sucht, sieht sich plötzlich von einer Furie mit gesenkten Hörnern attackiert.

Trotz 8000 Jahren Domestikation hat die Kuh ihre Abstammung vom Ur, dem Auerochsen, nicht vergessen, der als Wildrind seit 250 000 Jahren die Savannen und Wälder Europas und Westasiens durchstreifte. Mit einer Kopf-Rumpf-Länge von über drei Metern, einer Schulterhöhe von fast zwei Metern und mit einem Gewicht bis zu einer Tonne war der Auerochse das mächtigste Landtier Europas. Die Jagd auf diesen Fleischberg bedeutete für die Höhlenbewohner eine Herausforderung, wie die Höhlenmalereien von Lascaux noch heute zeigen. Das urtümliche Wild fiel der menschlichen Begehrlichkeit zum Opfer: Im Jahre 1627 erlegte ein Wilderer in einem polnischen Wald den letzten Ur.

Nur haarscharf entging dem gleichen Schicksal der Wisent, der Europäische Bison. Sein Vorfahre, der Steppenbison, lebte wie der Ur in prähistorischen Zeiten in den Weiten Europas und Asiens. Als vor 10 000 Jahren mit dem wärmer werdenden Klima am Ende der letzten Eiszeit das offene Land mehr und mehr bewaldet wurde, entwickelte sich aus dem Steppenbison eine im Wald lebende Bisonart: der Wisent (Bison bonasus). Noch während der Eiszeit migrierte der Steppenbison über die damals noch trockene Beringstrasse nach Nordamerika, wo er als Amerikanischer Bison (Bison bison) nach wie vor im Grasland lebt.

Die nahe Verwandtschaft des Wisents mit seinem amerikanischen Cousin zeigt sich etwa darin, dass sich die beiden Tierarten kreuzen lassen. Der Amerikanische wie der Europäische Bison sind ebenso mächtig wie der legendäre Ur. Auch sind sich die beiden Bisonarten in ihrem Äusseren recht ähnlich. Als Anpassung an das Waldleben besitzt der Wisent jedoch ein kürzeres Fell, ist hochbeiniger und hat eine weniger massige Brust. Und Stier wie Kuh tragen einen imposanten Bart.

Germanische Wisente für die Cäsaren

War der Wisent vor 2000 Jahren noch von Spanien bis Schweden, von England bis in den Kaukasus heimisch, schränkten Jagd und der Verlust von Wäldern seinen Lebensraum ein. Schon die Cäsaren mussten für die blutigen Gladiatorenspektakel Wisente aus Germanien importieren – im 11. Jahrhundert war das Tier in Westeuropa praktisch ausgerottet. Nur in den ausgedehnten Wäldern Osteuropas fand der Wisent bis in die Neuzeit Schutz. Aber auch dort dezimierte der Adel, der das Wild exklusiv für seine Jagd beanspruchte, die Herden.

1752 veranstaltete König August III. im polnischen Wald von Bialowieza eine Grossjagd, wozu er 2000 Bauern als Treiber zwangsrekrutierte. «Die Königin allein schoss zwanzig Wisente nieder, ohne ein einziges Mal zu fehlen, und hatte dabei noch immer Zeit zum Lesen eines Romans», schildert «Brehms Thierleben» die wenig weidmännische Tat.

Am 19. Februar 1919 schoss ein Wilderer den letzten Wisent Polens. Nur im Kaukasus existierten noch ein paar Tiere, bis dort 1927 ein Wilderer auch den letzten freilebenden Wisent erledigt hatte. 1923 gründeten Zoologen in Frankfurt am Main eine Gesellschaft zur Rettung des Wisents. Man suchte in den Zoos ganz Europas nach noch vorhandenen Tieren und fand schliesslich deren 67. Zur Zucht geeignet erschienen jedoch nur 12 Tiere, darunter ein einziges Tier aus der Unterart der Kaukasuswisente.

Dank erfolgreicher Zucht konnten seit 1951 Wisente wieder in der freien Natur angesiedelt werden. Heute leben 3000 Wisente, 40 Prozent davon in Zoos, 60 Prozent in der Wildnis. Im Wald von Bialowieza leben 450 Wisente; Herden gibt es in Weissrussland, Litauen, Russland und in der Ukraine.

Da Wisente mit ihrem Weidegang halb offene Landschaften und lichte Wälder vor dem Verbuschen bewahren, sorgen sie für grössere Artenvielfalt. Deshalb hat man nun auch in Westeuropa mit der Wiederansiedlung der ökologisch wertvollen Wildrinder begonnen. Eine erste Herde weidet im norddeutschen Emsland. Auch der Zürcher Wildpark Langenberg möchte im urwaldähnlichen Sihlwald eine Wisentherde ansiedeln.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wolfhausen.

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