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NZZ Folio 02/93 - Thema: Techno-Food Inhaltsverzeichnis
Sprachlese -- Nachvollzieher vor Gericht
Von Wolf Schneider
IST ES NICHT VERNÜNFTIG und angenehm, dass die Franzosen viande und chair unterscheiden können, die Engländer meat und flesh , während wir das Kalbfleisch in denselben Topf mit dem Zahnfleisch werfen? Sollten wir nicht umgekehrt das Deutsche dafür loben, dass es für die zarte Haut des Mädchens ein anderes Wort anbietet als für das zottige Fell des Bären, wo die Franzosen sich die Grobheit leisten, zu beidem peau zu sagen? Unterschiede zu erkennen und zu benennen, Schattierungen auszudrücken, den Wortvorrat immer weiter zu verfeinern – das ist eine der grossen Leistungen der Sprache; vorgeprägte Abstufungen einzuebnen aus Unkenntnis oder Gleichgültigkeit – das führt in die geistige Armut zurück, der wir einst entsprungen sind. Vier Beispiele für solchen Rückschritt.
Von der «scheinbaren Bewegung der Himmelskörper» berichtete Kopernikus: Für ihn standen sie ja still, und nur die Erde bewegte sich. Scheinbar heisst also: einem Schein nach, von dem wir wissen, dass er falsch ist; anscheinend dagegen heisst: einem Anschein nach, dem wir glauben können. «Er will das Haus anscheinend kaufen»: Die Indizien sprechen dafür. «Er ging nur scheinbar auf das Angebot ein»: Ich weiss schon, dass er es nicht kaufen will, er gaukelt mir was vor.
Den falschen Schein gegen den glaubhaften Anschein sprachlich abzugrenzen, fiel den meisten schon immer schwer, aber diese Mehrheit wächst. Noch trauriger, wenn der Sprachgebrauch eine Differenzierung niederwalzt, die vor zwanzig Jahren der Mehrheit keine Mühe machte. So geschehen bei glauben und wähnen, vermutlich und vermeintlich, nachempfinden und nachvollziehen.
Viele Zeitungen und die meisten jungen Leute benutzen wähnen als ein Synonym für glauben : «Er wähnte den Sieg nahe» im Sinne von: Er glaubte den Sieg in der Tasche zu haben, und die Hoffnung trog ihn nicht. Wähnen kommt jedoch von Wahn und heisst daher: fälschlich glauben, sich einer Wahnvorstellung hingeben.
Wer es wie glauben oder vermuten verwendet, gibt nicht weniger als vier negative Auskünfte über sich und unsere Sprachkultur: Er plappert, ohne sich zuzuhören, denn sonst würde er im Wähnen den Wahn entdecken. Er verwischt eine klare Unterscheidung. Denen, die noch differenzieren können, gibt er das Rätsel auf, ob er glauben oder fälschlich glauben meint, wenn er wähnen sagt. Und schliesslich tötet er ein Wort voll Saft und Kraft, das in nur zwei Silben ein ganzes Drama entrollt: Sie glaubten, und dabei wissen wir doch, dass dies ein Wahn war – «die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit».
Vermeintlich hat ein ähnliches Schicksal erlitten: Mehr und mehr wird es als Synonym für vermutlich oder mutmasslich verwendet. Der mutmassliche Täter ist aber der, der es wahrscheinlich getan hat; der vermeintliche dagegen einer, von dem wir wissen, dass er es nicht getan hat – einer, von dem man fälschlicherweise meinte, er sei es. Der Hochstapler, der sich als Baron ausgab, war ein vermeintlicher Baron.
Nachvollziehen ist ein regierendes Modewort von penetranter Häufigkeit, mit dem weiteren Nachteil behaftet, dass es den klaren Unterschied zwischen dem Tun und dem blossen Empfinden verwischt. Wie die Rechtsradikalen die Asylbewerber attackieren, das könne er «nicht nachvollziehen», sagte ein deutscher Politiker – und wer noch Deutsch könnte, der müsste ihm zurufen: «Um Gotteswillen, nein! Das hat auch keiner von Ihnen erwartet.» Vollziehen heisst ja ausführen, verwirklichen, in die Tat umsetzen; der Gerichtsvollzieher macht das ebenso anschaulich wie der Strafvollzug. Nachvollziehen kann also nichts anderes heissen als: nachmachen, noch einmal verwirklichen; der Schüler zum Beispiel vollzieht die Bauchwelle nach, die der Turnlehrer ihm vorgemacht hat.
Nun registriert schon das sechsbändige Duden-Wörterbuch von 1978 nachvollziehen im Sinne von: sich in jemandes Vorstellungen hineinversetzen. Aber der Duden versteht seine Funktion neuerdings überwiegend so, dass er den Sprachgebrauch, den er einst zu normieren versuchte, nur noch registriert, mit der «Bildzeitung» als einer seiner Quellen; er hat sich also streckenweise zum Fahnenträger des Sprachverfalls gemacht.
Natürlich, nicht jede Entwicklung ist ein Verfall, und wenn mit dem «Nachvollziehen» eine Wortlücke geschlossen oder eine schöne Metapher geboren worden wäre, sollten wir das bejahen. Nur kann von beidem nicht die Rede sein. Als Sprachbild ist es so schief wie möglich, das Verwirklichen mit dem blossen Verstehen gleichzusetzen; und hätte es uns vorher an Worten für das Gemeinte gemangelt? Früher haben wir anderer Leute Entscheidungen verstanden, begriffen, kapiert, gebilligt, eingesehen, wir konnten sie nachfühlen oder nachempfinden, sie haben uns eingeleuchtet, und was uns heute in gespreizter Pose nachvollziehbar ist, war uns schlicht verständlich. Immer blieb dabei der Graben offen zwischen dem Vollziehen, das ein Tun ist, und dem, was wir dabei tatenlos empfunden haben.
Und diesen Graben zuzuschütten soll ein Fortschritt sein? Es ist eine Verarmung. Verwischte Unterschiede, abgestorbene Wörter. Vielleicht werden unsere Enkel mit fünfzig Vokabeln auskommen, darunter ätzend, irre, postmodern und multikulturell, und könnten sie dann vieles scheinbar irgendwie nicht nachvollziehen – glücklich wähnen würden sie sich doch.
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