|
|
Von Tieren -- Eine ehrenwerte Familie
© Nigel J. Dennis/NHPA/Foto-Agen...
|
| Wie Menschen: Erdmännchenfamilie im Kalahari Gemsbok National Park, Südafrika. |
|
 |
Erdmännchen sind nicht nur mutige Jäger und kluge Untermieter. 2006 entdeckten britische Forscher ein faszinierendes Verhalten, das man bisher nur vom Menschen und einer Ameisenart kannte.
Von Herbert Cerutti
Wenn es Tag wird in der Savanne im südlichen Afrika, zeigt sich ein gar possierliches Bild. Aus den Löchern von Erdbauten kriechen die Erdmännchen, setzen sich aufrecht auf den Boden und lassen sich den Bauch von der Sonne wärmen.
Pro Bau leben in einer Kolonie bis zu dreissig Tiere aus mehreren Familien. Die etwa 30 Zentimeter grossen und sehr schlanken Erdmännchen gehören zu den Schleichkatzen. Mit ihrem silberbraunen Fell sind sie gut der steinigen, trockenen Landschaft angepasst. Nur die schwarzen Augenringe und die dunklen, kleinen Ohren setzen optische Akzente.
Bald schon macht sich die Gruppe ans Fressen. Die empfindliche Nase dicht am Boden, schnüffeln die Erdmännchen eifrig nach Insekten, Spinnen und anderem Kleingetier. Dann wird mit den starken Vorderpfoten im Erdreich gegraben und schliesslich mit Klauen und Schnauze gepackt, was lecker erscheint.
Erdmännchen werden auch selber zur Beute. Habicht und Adler, Schakal und Fuchs jagen den kleinen Säuger. Um sich vor Attacken zu schützen, organisieren die Erdmännchen einen eigenen Sicherheitsdienst: Wenn die Kolonie an der Sonne sitzt oder auf Futtersuche ist, hält eines der Tiere Ausguck. Auf einem Hügel steht es wie ein Mensch auf den Hinterbeinen und stellt sich zuweilen sogar auf die Zehenspitzen. So beobachtet der Wächter stundenlang Himmel und Horizont, bis ihn ein Kollege ablöst und er nun ebenfalls auf Futtersuche gehen kann.
Erspäht der Wächter am Himmel einen Greifvogel, warnt er mit grellem Schrei, die Gruppe verschwindet blitzschnell in den Löchern. Nähert sich jedoch ein Bodenfeind, ertönt als Warnruf ein Bellen. Ist der Feind bereits so nahe, dass ein Spurt zum nächsten Höhleneingang nicht mehr möglich ist, gehen die Erdmännchen zur Verteidigung über.
Hochaufgerichtet und mit gesträubtem Fell schreitet die Truppe in enger Formation dem lauernden Schakal entgegen. Knurrend, keckernd und spuckend versucht der David den Goliath einzuschüchtern. Kommt es trotz der tapferen Kampagne zum gegnerischen Angriff, wirft sich das Erdmännchen auf den Rücken, streckt dem Feind die krallenbewehrten Pfoten entgegen und faucht mit entblösstem Gebiss. Falls aber bei einem Luftangriff die Flucht nicht mehr möglich ist, werfen sich die Alttiere auf ihre Jungen, um mit dem eigenen Körper den Nachwuchs zu schützen.
Die Erdmännchen pflegen innerhalb der Kolonie einen sehr sozialen Umgang. So stellen sich kinderlose Tiere den Müttern als Babysitter zur Verfügung, damit auch die stillende Mutter zwischendurch auf Nahrungssuche gehen kann.
Dass sich die Erdmännchen mit den artfremden Erdhörnchen vertragen, hat einen egoistischen Grund. Die Erdhörnchen sind tüchtige Bauarbeiter und buddeln im steinigen Untergrund gigantische Höhlensysteme. Ein in der Kalahari vermessenes Labyrinth reichte auf einer Fläche von 25 mal 32 Metern auf mehreren Etagen 3 Meter tief und hatte 90 Eingänge. Obschon die Erdmännchen mit ihren starken Vorderpfoten selber gut graben können, quartieren sie sich gern als Untermieter bei den Erdhörnchen ein.
Aufsehen erregte im Jahre 2006 eine Studie von Alex Thornton und Katherine McAuliffe. Das britische Forscherteam entdeckte bei Erdmännchen ein Verhalten, wie man es ausser vom Menschen erst von einer Ameisenart her kannte: Die Erdmännchen lehren ihren Nachwuchs, wie man Beutetiere fängt und tötet, wobei sich der Lehrer laufend dem Ausbildungsstand des Schülers anpasst und dieser wiederum sein Alter signalisiert.
Die Jungtiere beginnen mit einem Monat die Erwachsenen auf der Futtersuche zu begleiten. Da sie selber noch keine Beute machen können, fordern sie die Grossen mit Bettelrufen zum Füttern auf. Die Lehrer bringen ihren Schülern nun schrittweise das Fangen und Töten bei. So legen sie den Jungen erst einen toten Skorpion vor die Füsse. In einer nächsten Lektion wird ihnen ein lebender Skorpion präsentiert, den der Lehrer vorher aber entschärft, indem er ihm den Giftstachel ausreisst.
Je älter das Jungtier wird, desto seltener bringen ihm die Erwachsenen tote oder kampfunfähige Beute. Um das Alter der Jungen und damit den vermutlichen Ausbildungsstand zu erkennen, horchen die Lehrer auf den Bettelruf, der sich mit zunehmendem Alter charakteristisch verändert.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
NZZ-Folio-Tierkolumnen als Buch
Soeben ist unter dem Titel "Der Katzentrick. 33 überraschende Tiergeschichten" der vierte Sammelband mit Tierkolumnen von Herbert Cerutti herausgekommen. Der mit einem Register versehene Band erscheint als Folio-Buch im Verlag NZZ Libro.
Buch kaufen
|
|