|
|
Richtig leben mit Geri Weibel -- Alles bleibt anders
© Gefe
Von Martin Suter
WAS GERI VORAUSGESEHEN hat, ist eingetroffen: Das Steel ist out. «Der neue Megatrend zu Sicherheit, Geborgenheit und menschlicher Wärme hat ihm den Rest gegeben», wie sich Robi Meili ausdrückt. «Zu post-postmodern», nennt es Freddy Gut. «Zu techno», ergänzt Carl Schnell, «auch was den Sound betrifft.» Für Susi Schläfli war das Steel «von Anfang an zu halogenig, man sieht jede Pore». Und für Alfred Huber sind die Drinks «schlicht ein Abriss».
Weit daneben lag Geri hingegen mit seiner Voraussage, welches Lokal das Steel ablösen würde. Aber diese Entwicklung konnte niemand voraussehen.
Eines Abends, als die Clique vom SOFORT! ins Steel wechselte, sass dort einer an der Bar und trank einen Mojito. Einen Mojito? Wer trinkt denn noch Mojito?
Charly. Erinnern Sie sich an Charly? Charly, den Barkeeper? Aus der SchampBar? Richtig. Charly sass an der Chrombar des Steel und trank einen Mojito. Susi Schläfli fand als Erste die Sprache wieder. «Was machst denn du hier?»
«Das frag ich mich auch», antwortete Charly. «Und ihr?»
«Wir sind immer hier», war Susis logische Antwort, «du solltest keinen Mojito trinken, schlecht für die Zähne.»
«So sieht es hier aus», versetzte Charly, «wie ein Lokal, in dem man die Drinks nach zahnhygienischen Gesichtspunkten mixt.»
Mit diesem Muster seiner nur selten aufblitzenden Schlagfertigkeit hatte Charly sich für den Abend in die Herzen der Clique gespielt. Es stellte sich heraus, dass ihn sein Job in die Gegend führte. Die SchampBar habe den Besitzer gewechselt und heisse jetzt Single Malt. Eine unglückliche Namenswahl, denn die Whiskytrinker hätten die Singles und die Singles die Whiskytrinker vertrieben. Jetzt mache er die Bar von Le New Mucho Gusto.
«Le New Mucho Gusto?», fragte die Clique im Chor.
«Eröffnung am nächsten Freitag», erklärte er und verteilte eine Handvoll Flyers, die er zufällig bei sich hatte. LE NEW MUCHO GUSTO stand da in Rastafarben. Big Ouverture con Salsa piquante. Die Adresse lag ein paar Strassen weiter.
Die Frage, ob man hingehen würde, wurde bis Freitag nicht erörtert. Aber dann traf man sich wie selbstverständlich in dem noch nach Farbe riechenden grossen Lokal, das bis vor kurzem Gerberhof geheissen hatte.
Le New Mucho Gusto war genau, was Robi Meili, Susi Schläfli, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber gebraucht haben: etwas Neues und doch Gewohntes. Sie können dort von Anfang an Trendsetter und gleichzeitig alte Stammgäste sein. «Unprätentiös im Styling», findet es Freddy Gut, «ohne belanglos zu sein.» Carl Schnell beurteilt die Musik als «zwar fast ein wenig zu worldmusic, aber passt wenigstens zum optischen Ambiente». Susi Schläfli «checkt erst jetzt», wie sehr sie «unter der Sterilität des Steel gelitten» hat. Alfred Huber kann es kaum fassen, dass er hat vergessen können, «wie gut Tequila einfährt». Und Robi Meili wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass er es war, der für Esteban damals «den brand Mucho Gusto entwickelt» hat.
Ein weiterer Vorteil von Le New Mucho Gusto besteht in seiner Multifunktionalität. Es ist Bar, Restaurant und Club unter einem Dach. Die Clique kann sich bei Charly in der Bar wie in alten Zeiten zum Apéro treffen, später im Restaurant das Menu oder etwas von der World-Cuisine-Karte essen und den Abend in ihrer Stamm-Sitzgruppe im Club ausklingen lassen, ohne ein einziges Mal den Fuss vor die Tür setzen zu müssen. Gerade in der kalten Jahreszeit ein unschätzbarer Vorteil.
So nimmt die Welt ihren Lauf. Robi Meili wittert ihre Megatrends. Freddy Gut erfasst ihren adäquaten modischen Ausdruck. Susi Schläfli staunt über sie. Carl Schnell macht sich Sorgen um sie. Alfred Huber spült sie bis auf weiteres mit Tequila runter.
Und Geri Weibel?
Geri ist verschwunden. Eines Tages nicht mehr aufgetaucht, wann genau. lässt sich nicht rekonstruieren. Zu viel Zeit war verstrichen, bis Susi Schläfli seine Abwesenheit aufgefallen war. (Sie brauchte einen Babysitter für Tonito, ihre Eltern waren in den Ferien.)
Am Anfang dachten sie noch, er würde wie nach seinem letzten Verschwinden eines Tages wieder auftauchen. Aber Geri bleibt verschwunden. Nichts zeugt mehr von ihm. Nur an der Bar, hinter der Kasse, zwischen Manu Chao und Sergent Garcia, hängt eine Postkarte.
Sie zeigt ein Stück weissen Sand und viel blaues Meer. Auf der Rückseite steht: «Glad you’re not here. Geri und Aira.»
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|