SCOTT IST AM ENDE. «Als ich heute morgen erwachte, fühlte ich mich wie ein Stück Scheisse. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich den Tag überstehen soll, es geht mir verdammt lausig.» Aber nicht zu seinem Therapeuten spricht er so unverblümt; sondern zu 13 000 Leidensgenossen, die sich unter der Adresse alt.support.depression im Internet zusammengeschlossen haben. Und zu Zaungästen wie mir, die am Computer in den E-mail-Botschaften dieser Newsgroup herumblättern. In diesem Forum placieren Depressive ihre Hilferufe, Fragen, Erfahrungen.
Mit dem sprunghaften Wachstum des Internet haben sich Hunderte von Selbsthilfegruppen im Netz etabliert; von Alkoholismus bis Schizophrenie und Suizidgefährdung gibt es kein psychisches Problem, zu dem man nicht eine - meist englischsprachige - Newsgroup findet. Dort erhält moralische Unterstützung, wer mit Schwierigkeiten kämpft, und oft Antwort auf praktische Fragen. «Welche Erfahrungen macht ihr mit Trazadone?» will zum Beispiel Lydia wissen, der das Medikament verschrieben worden ist, nachdem ihr Prozac nicht geholfen hat. Worauf sich Mike meldet: «Ich würde auf jeden Fall die Finger davon lassen, bei mir hatte es fürchterliche Nebenwirkungen. Serzone wäre wohl die bessere Wahl.»
Wie kompetent solche Auskünfte sind, ist nicht überprüfbar. In der Regel werden die Briefe jedenfalls ernsthaft diskutiert. Es sei denn, ein schulterklopfender Besserwisser melde sich zu Wort, einer wie «Kind Bud», der den verzweifelten Scott aufmuntert: «Kopf hoch, es könnte alles viel schlimmer sein!» Aber da ist er an die falsche Adresse geraten: «Wer zum Teufel glaubst du eigentlich, bist du? Dies ist eine Support-Gruppe! Scher dich zur Hölle!»
Support-Gruppen wie diese sind der paradoxe Versuch, die Vereinzelung mit dem Medium zu bekämpfen, das sie fördert. Sie wollen Refugien sein im Chaos des Cyberspace, aber sie bleiben ein Teil davon. In einer Newsgroup kann jeder loswerden, was ihn bedrückt - auf das Risiko hin, zum Glauben an Gott, Satan oder eine makrobiotische Diät bekehrt zu werden. Oder einfach den neusten Witz erzählt zu bekommen.
Vollends in unsicheres Gelände gerät, wer sich auf Internet Relay Chat (IRC) einlässt: Online-Zusammenkünfte, bei denen in Echtzeit via Tastatur am Bildschirm «gechattet», geplaudert wird. Das Protokoll einer Session auf dem IRC-Channel «Suicide», auf dem Selbstmordgefährdete verkehren, liest sich, als würden Dadaisten miteinander um die Wette dichten:
hi guys
where is laggy
hmm . . .
hi
hi soma
re lux
effigy looks at the suicide page
i'm thirsty
i put a web page up
re effi
man i ate like a pig
it's not much diff effi
did you eat a pig?
i eek no way
heh
i ate chips . . . yummy
chips
sheol is blaring bach, sonata 4
(. . .)
: )
ok ; )
mail?
ok, lupa
sheol: sorry
sok!
: )
laggy : )
undead
dead
dead
Scott, der einsam im Cyberspace kreist und nicht weiss, warum er eigentlich noch weiterleben soll, könnte im Internet auch seriösen Beistand finden. Etwa bei den Samaritans, einer Helpline, die seit Mai 1995 über einen E-mail-Dienst verfügt. Die Freiwilligenorganisation gründete 1953 in London den ersten Notruf für Suizidgefährdete; heute erhalten die inzwischen über 200 Zweigstellen in Grossbritannien und Irland um die 3 Millionen Telefonanrufe pro Jahr.
Verglichen damit scheinen die rund hundert E-mail-Botschaften, die bei den Samaritans wöchentlich eingehen, unbedeutend. Emma Borton, eine der Betreuerinnen, bezeichnet das Angebot dennoch als Erfolg - weil es von genau der Bevölkerungsgruppe wahrgenommen wird, die zu den gefährdetsten gehört: von jungen Männern. Bei den 18?25jährigen sei die Selbstmordrate in England in den letzten Jahren dramatisch gestiegen, und mit den traditionellen Hilfsangeboten habe man diese Gruppe kaum erreicht. Jetzt zeigt sich, dass die Bereitschaft der Jungen, per E-mail ihre Not zu artikulieren, viel grösser ist als am Telefon. Zumal es die Möglichkeit gibt, über einen Server in Helsinki anonym mit den Samaritans Kontakt aufzunehmen.
Das «Niedrigschwellige», wie er es nennt, hält auch Frank Christel von der Telefonseelsorge Köln für den entscheidenden Vorzug der E-mail-Kommunikation. Seit letzten Dezember bietet die Telefonseelsorge diese Möglichkeit an, wöchentlich hat er zehn- bis fünfzehnmal Post im elektronischen Briefkasten, und auch hier sind es typische Internet-Surfer, die Zuspruch suchen: junge, gut ausgebildete Männer, die zuvor nie eine Beratungsstelle kontaktiert haben; sie leiden an Kontaktarmut und Beziehungsproblemen, suchen Wege, ihrer Einsamkeit zu entfliehen. Dazu kann der Psychologe im Lauf der meist längeren Briefwechsel Anstösse geben, aber von einer Therapie im engeren Sinn via Internet hält Christel nichts.
Ebenfalls hauptsächlich als erste Anlaufstelle, keineswegs als potentiellen Therapieersatz, sieht der Psychoanalytiker Dieter Wartenweiler, der in St. Gallen eine Praxis betreibt und unter «Psychologie Online» im Internet präsent ist, seine digitale Beratung. Er könne per E-mail einen Ratsuchenden auf sinnvolle nächste Schritte hinweisen, Therapeuten vermitteln, erläutern, was eine Klinikeinweisung bedeute. Der Charakter einer Ersatzbegegnung bleibe jedoch bestehen, und deswegen werde sich die Computerisierung des menschlichen Kontakts nicht durchsetzen.
Dabei mag in Zeiten, da das Gesundheitswesen überall unter Kostendruck gerät, genau dieser Gedanke verführerisch sein: Warum nicht teure Behandlungszeit durch billige Computer-Rechenzeit ersetzen? Voraussetzung dafür sind Computerprogramme, die von den Patienten selbständig durchgearbeitet werden können. Solche Programme werden als diagnostische und therapeutische Hilfsmittel bereits verwendet, die meisten haben jedoch einen Haken: Sie sind nicht gezielt für bestimmte psychische Krankheiten entwickelt worden, und der Nachweis, dass sie mehr bringen, als wenn Patienten in der geriatrischen Abteilung «Memory» spielen, ist nicht erbracht. Für Ulrich Gibeler, leitender Arzt der Forschungsstation der Berner Universitätsklinik Waldau, ist darum der Computer keine Alternative. Gibeler demonstrierte mir am Bildschirm verschiedene Wahrnehmungsexperimente, die er bei seiner Arbeit mit Schizophrenen einsetzt; sie liefern nützliche Hinweise auf Behandlungsfortschritte und -defizite. Aber dass die Patienten dereinst allein vor dem Gerät sitzen, um sich zu therapieren, schliesst er aus.
Sieht man das in den USA anders, wo, wie das Wissenschaftsmagazin «New Scientist» berichtete, in verschiedensten Projekten die umfassende Anwendung des Computers in der Psychiatrie erforscht wird? Meine E-mail-Anfrage geht an Jesse H. Wright, der an der Universität von Louisville, Kentucky, ein Multimedia-Programm gegen schwere Ängste und Depressionen erfunden hat. Das kognitive Lernprogramm arbeitet mit Videosequenzen, mit denen negative Verhaltensmuster bewusst gemacht werden sollen - und gezeigt wird, wie sie sich Schritt für Schritt ändern lassen.
Jesse Wright ist schon mehrmals angefragt worden, warum er mit seinem Programm nicht ins Internet gehe. Aber erstens ist, wie er sagt, das Internet noch zu langsam für Video, und zweitens ist noch nicht klar, ob das Programm so adaptiert werden kann, dass es für Patienten individuell anwendbar ist. Vorläufig bedürfe es für die Absolvierung noch ärztlicher Aufsicht.
Scott hat sich inzwischen in seiner Newsgroup nicht mehr gemeldet. Geht es ihm besser? Noch schlechter? Der Cyberspace schweigt; wer nicht online ist, existiert nicht. «Please post message if anyone knows if he's ok», hat sich einmal jemand nach einem erkundigt, der verstummt ist. Vielleicht fragt mal einer nach Scott.