ALS EIN DORADO innovativer Architektur gilt heute Kalifornien. Dennoch vermochte bisher nur ein Baukünstler von dort die Europäer zu bezirzen: Frank O. Gehry, der dank seinem bereits legendären Vitra-Museum in Weil am Rhein zum Superstar aufstieg. Von ihm sind - nach weniger geglückten Arbeiten in Birsfelden und Paris - nun neue Wunderwerke wie das gigantische Guggenheim-Museum in Bilbao im Bau. Ein soeben vollendetes Juwel in der norddeutschen Provinz aber beweist, dass die Stärke des heute 66jährigen Meisters noch immer in den kleinen Objekten liegt. Hat er doch in Bad Oeynhausen ein Gebäude realisiert, das seine weltweit populäre Kunst der bunt collagierten Bauplastik in seltener Vollkommenheit zeigt.
Als verlockend bei dem wenig spektakulären Auftrag, in Bad Oeynhausen ein Energieforum zu bauen, erschien dem Vielbeschäftigten das Erbringen des Beweises, dass Architektur und umweltverträgliches Bauen einander nicht ausschliessen müssen. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für solare Energie in Freiburg baute Gehry 1991 bis 1995 für die Elektrizitätswerke Minden-Ravensburg ein Zentrum für Kommunikation und Technologie, das im energetischen und ökologischen Bereich neue architektonische Massstäbe setzt. Nie zuvor hat man wohl neuste umwelttechnologische Errungenschaften - transparente Wärmedämmung, Warmluft- und Sonnenkollektoren, Wasseraufbereitung und Tageslichtführung - ästhetisch und funktional so überzeugend eingesetzt gesehen wie hier. Dass es Gehry darüber hinaus an einem grauen Autobahnzubringer in Suburbia gelungen ist, mit einem verspielten, auf Ausdruck und Effekt ausgerichteten Zitat Südkaliforniens ein freches Eingangstor für die etwas biedere Bäderstadt zu schaffen, macht diesen Bau doppelt interessant.
Das Gebäude, das manchen Vorbeifahrenden verblüffen wird, vermag jeder Prüfung spielend standzuhalten. Gehry, der Plastiker unter den zeitgenössischen Architekten, entwickelte auch hier den Bau vom Zentrum aus. Einer Blüte oder einer Windrose ähnlich waren seine ersten flüchtigen Skizzen. Daraus entstand schliesslich ein gleichermassen an eine kubistische Skulptur wie an eine verschachtelte Stadt erinnerndes Konglomerat von Körpern, das den Eindruck erweckt, als hätten sich die brav ausgerichteten Häuser der Nachbarschaft zu einem chaotischen Haufen aus bald weiss verputzten, bald mit Zink- oder Kupferblech beschuppten Volumen zusammengerottet. Doch was von aussen so verwirrend wirkt, vermag durch die Logik der inneren Abläufe leicht zu überzeugen.
Über einen Teich, in dem der Regen als Brauchwasser gesammelt wird, führt von der Strasse her eine gekurvte Brücke zum Haus. Das lichtdurchflutete Herzstück des Gebäudes, die verglaste Halle, durch die Bewegungen aus den vier Himmelsrichtungen pulsieren, gewährt irritierende Durchblicke vom Äusseren der Innenwelt ins Innere der Aussenwelt. Erneut zum Thema wird das Haus im Haus - eines von Gehrys Lieblingsmotiven, seitdem er 1979 mit der räumlichen Zerlegung seiner Residenz in Santa Monica zu einem Protagonisten der dekonstruktivistischen Architektur avancierte. Gleichzeitig scheint hier Gehry die chaotischen Pop-Environments seines Freundes Claes Oldenburg und Schwitters' Merzbau architektonisch zähmen zu wollen.
Die einzelnen Gebäudeteile und die metallenen Konstruktionen sind ungehobelt ineinandergefügt. Mit einfachsten Materialien sorgsam gestaltet hingegen sind die Büros der Netzleitstelle und der Energiekonzeptabteilung, die ebenso zu überzeugen vermögen wie die Konferenzräume, die Cafeteria, die Ausstellungshalle, das Auditorium oder die Vitrine des Blockheizkraftwerks. Die räumliche Anlage verrät zudem Gehrys urbanistische Strategie, mit der er hier ein Idealbild der zeitgenössischen Stadt zwischen Corbusianischem Kykladendorf und Tautscher Glasarchitektur erschafft. Keine theorielastige Architektur ist so entstanden, sondern ein bildhaftes Werk eines Künstlers, der Disparates einer expressiven Formensprache einzuverleiben weiss.