NIEMAND KANN REICHER SEIN als Gott, gehören ihm doch Erde und All. Dennoch behauptete Meister Eckhart: «Gott ist ein lauteres Nichts.» Lauter ist es, weil es nichts besitzt, weil es auch frei ist vom Besitztrieb, der die Beziehungen verdunkelt, verzerrt. Mindestens beiläufig richtete sich Eckharts Satz gegen die Macht und den Reichtum kirchlich-feudaler Herrschaft. Deren Anspruch, Gottes Macht und Reichtum widerzuspiegeln, wird mit dem «lauteren Nichts» die theologische Legitimation entzogen.
Im Schatten der Orthodoxien leuchtete Eckharts Aussage weiter. Auf seinem Sterbelager soll ein chassidischer Rabbi - Martin Buber erzählt's - gesagt haben: «Ich sehe nur noch das göttliche Nichts, das die Welt belebt.»
Sobald aber die belebte Welt zur Sprache kommt, drängen sich jene Begriffe auf, mit denen das lateinische Wort «luxus» übersetzt wird: üppige Fruchtbarkeit, Prachtentfaltung, Überfluss, Verschwendung. Ist die Schöpfung insgesamt und die Erde im besonderen vielleicht der Luxus, den das «lautere Nichts» sich gönnt? Noch weiter gefragt: Gönnt es diesen «Luxus» sich oder vor allem den Geschöpfen? Jedenfalls scheint die Schöpfung von Anfang an auf Partizipation, auf Teilhabe und Teilen hin angelegt zu sein. Darin erweist sich die «Lauterkeit» des Schöpfers. Er schafft und teilt, er schafft und verschenkt.
Man kann auf den Begriff «Nichts» verzichten und mit Emmanuel Lévinas etwas umständlich formulieren: «Die Herrlichkeit Gottes ist das <Anders-als-Sein>.» Was unter anderem besagt: anders als das gesellschaftliche Sein, das seit langem bestimmt ist vom Gegensatz zwischen Arm und Reich. Insofern ist die Frage, ob Gott arm oder reich sei, unbeantwortbar. Sie zielt am «lichtflüssigen Gottesnichts» (Silja Walter) vorbei und fällt auf den Fragenden zurück.
Nicht Teilen jedenfalls, vielmehr die Teilung in Besitzende und Besitzlose, nicht Partizipation, sondern der Antagonismus von Arm und Reich bestimmt - seit dem Verschwinden der Stämmestrukturen - das Zusammenleben der Menschen. Insofern stimmt die soziale Realität nicht überein mit dem Weltentwurf des schaffenden und verschenkenden «Gottesnichts». Dennoch hielt und hält der Glaube an diesem Entwurf fest, indem er die Partizipation an der geschenkten Fülle entweder vom kommenden Gottesreich auf Erden (so die Bibel) oder in einem jenseitigen Himmel (so die christliche Zivilreligion) erwartet. Bis dahin gilt es auszuharren, sagen die einen. Die andern jedoch: Daraufhin gilt es, für mehr Partizipation und Gerechtigkeit zu kämpfen.
Werden «im Himmel» somit alle dereinst reich sein? Falls Reichtum Besitz meint - nein! Denn man wird, so die Vision des Glaubens, nichts mehr besitzen müssen, um an allem partizipieren zu dürfen. Man wird auch nichts besitzen - und andere so von der Teilhabe ausschliessen - wollen! Die finale Vision der Bibel, das vom Himmel auf die Erde herabkommende Neue Jerusalem (Offenbarung 21/22), ist nichts anderes als ein einziges Symbol eines Reichtums, der private Besitzaneignung überflüssig macht.
Reich Gottes oder Himmel: eine Art kommunitäres Schlaraffenland vielleicht? Aber höchstens in der Karikierung durch Besitzende, die sich über die Gerechtigkeitssehnsucht der Besitzlosen mokieren. Die Visionen, Bilder endzeitlicher oder himmlischer Fülle zielen zutiefst nicht auf einen Reichtum des Habens, vielmehr auf einen Reichtum des Seins, der sich in der Mannigfaltigkeit von Beziehungen verschenken und beschenken lassen kann, frei von Besitz- und Machttrieb. Entspricht eben dies nicht auch dem Reichtum Gottes, «der sich selbst so und nur so hat, dass er sich verschenkt» (Eberhard Jüngel)?
Was also bedeuten Reich Gottes oder Himmel anderes als die Hoffnung, dereinst einbezogen zu werden in die Bewegungen und Bewegtheiten des Gottes, der ist, indem er sich schenkt und verschenkt, so dass er sogar ein «lauteres Nichts» genannt werden kann? Mit biblischen Worten: «Gott ist Liebe» (1. Johannesbrief 4, 8. 6). Auch das keine Aussage des Habens, sondern des Seins, eines Seins freilich, das gerade nicht in sich selber ruht, vielmehr dadurch reich ist, dass es andre reich macht. Ende jeder göttlichen und menschlichen Egozentrik also! Obschon manche Erwartungen eines ewigen Lebens weiter nichts sind als dreiste Egomanien: um keinen Preis will man sich selber loslassen! Just aber das Loslassen, Sich-selber-Loslassen, macht das göttliche, himmlische Sein aus.
Was alles doch wohl heisst: Liebe ist der einzige Reichtum, der Zukunft hat, der einzige Luxus, der, weil göttlich, ebenso gerecht wie unerschöpflich ist. Das scheint mir der glühende oder mindestens glimmende Kern fast aller Himmelsvorstellungen zu sein. Von ihm her lässt sich die wohl etwas locker aufgeworfene Frage ebenso locker beantworten: Natürlich ist Gott reich, natürlich ist sein Reich oder Himmel lauter Reichtum, Überfluss, Luxus - der Liebe.
Wogegen alle Höllenvorstellungen vom Horror absoluter Beziehungs- und Lieblosigkeit ausgehen, einen Zustand tödlicher Gleichgültigkeit und Verlorenheit darstellen wollen. Dante gebrauchte dafür Bilder der totalen Vereisung, Erstarrung, Verarmung.
Und woraus nähren sich derartige Himmels- und Höllenbilder? Ohne Zweifel aus diesseitigen Erfahrungen, aus dem erlebten «Himmel auf Erden», aus der ebenhier auch erlittenen «Hölle». Immer werfen die Jenseitsvorstellungen ein verdeutlichendes Licht auf unsere diesseitige Existenz. Himmel wird zur Chiffre für den wahren Lebensreichtum liebender Zuwendungen, Hölle zur Chiffre für Kälte und Verarmung durch - beispielsweise - Egozentrik und Habsucht.
Und Gott? Lässt los, lässt sich selber los, «entäussert sich all seiner G'walt» (Nikolaus Herman). So das Weihnachtsevangelium. Es verkündet die scheinbaren Paradoxien des göttlichen Reichseins als die nach wie vor hoffnungsreichste Alternative zum Skandal der bestehenden Ungerechtigkeiten.
Kurt Marti ist Schriftsteller; er lebt in Bern.