VON TAUSEND TRÄUMERN, die Theaterregisseur für einen erstrebenswerten Beruf halten, kommt am Ende einer durchs Nadelöhr, und der muss den Musen danken, wenn er von seiner Verträumtheit noch etwas aus dem real existierenden Darwinismus hat retten können. Das Theater ist eine Talentvernichtungsmaschine. Wer es da zu etwas bringen will, braucht Ausdauer, sehr viel Talent und vor allem Glück.
Stephan Roppel, 39, meint allerdings, Regie sei ein Handwerk wie jedes andere, und das könne sich einer beibringen lassen: «Heute ist es ja nicht mehr so, dass man Kunst nicht lernt.»
Roppel jedenfalls war Primarlehrer, lernte von 1990 bis 1993 Regie an der Zürcher Schauspielakademie, konnte zweimal hospitieren, und zwar gleich am Hamburger Thalia-Theater und auf Anhieb bei Jürgen Flimm und Bob Wilson. Das, muss auch er zugeben, war Glück; die Assistenz, die er bei Werner Düggelin bekam, bei O’Neills «Fast ein Poet», schon ein bisschen die Folge davon. Aber dann rauschte für Roppel der Bühnenaufzug nicht automatisch hoch: zwei Jahre in Mannheim, zwei Inszenierungen in Rostock, ansonsten das harte, ihm genug schmackhafte Brot der Schweizer freien Szene – eine Mundartarbeit mit Luzerner Laien, Claque Baden, Theater Tuchlaube Aarau. Nur immer schön sich treu bleiben, nur nie dem gerade geilsten Trend nachseckeln. «Ich hatte schon früh gemerkt, dass mich die Reduktion auf den Text interessiert.»
Seit dem 1. Januar leitet Roppel das Zürcher Theater an der Winkelwiese. Ein kleines Haus mit Vergangenheit, 600 000 Franken Subventionen, kein eigenes Ensemble, was heisst, dass er dringend angewiesen ist auf Koproduktionen und die Erfahrungen, die er in der freien Wildbahn gesammelt hat. «Mir gefällt die Grösse, ich meine die Kleinheit der ‹Winkelwiese›. Ich bin am Theater nie gern allzu konzeptionell aufgetreten. Hier habe ich das mir angenehme Mass an Kurzfristigkeit, wo ich nicht drei Monate vor Probenbeginn ein Bühnenbild abliefern muss.» Einen Spielplan hat er allerdings schon und sogar eine thematische Ausrichtung desselben. «Gerade weil allenthalben auf dem Theater vorgeführt wird, dass die menschliche Biographie, angegriffen von gesellschaftlicher Dekonstruktion, auseinanderbricht, steht in unseren Produktionen des ersten Jahrs biographisches Erzählen im Mittelpunkt. Je stärker sich Gesellschaften differenzieren, umso notwendiger wird die Konstruktion einer eigenen Biographie.» Das ist erst mal eine Behauptung. Aber Roppels Programm kommt an; über ein halbes Jahr war das winzige Haus ausverkauft. Immerhin.
Zur Konstruktion von Roppels Biographie gehört der Wein, und zwar, analog zur Kunst, nicht der, dem man sich in Demutshaltung nähert. Bei Weinen und bei Texten liebt er, was auf verschiedenen Ebenen funktioniert, wo man, als Zuschauer und als Trinker, Entdeckungslust und ein bisschen Phantasie aufbringen muss. Diese Flasche zum Beispiel aus der kleinen piemontesischen Appellation Carema, ein Nebbiolo vom nördlichen Rand der Provinz Turin, wo man den Wein dem Boden abringen muss. Allerdings stammt sie aus dem gesegneten Jahr 1994.
Die Cantina Produttori Nebbiolo di Carema ist hierzulande wenig bekannt. Zu Unrecht. Dieser reine Nebbiolo (der dort Picoutener heisst oder Pugnet) ist eine elegante, sortentypische, in neun Jahren harmonisch gewordene und stark gebliebene Trouvaille, komplex und vieldeutig, als klassischer «Carema Carema» eher ein Aristokrat als das Produkt einer Cooperativa. An die erinnert nur der Preis, wir sprechen von einem Wein weit unter 20 Franken. Roppel ist, in der Kunst und beim Wein, ein Liebhaber der unaufdringlich vielschichtigen Normalität.
Weintrinken ist nur Erfahrung, sagt Roppel, er erinnert an persönliche Umstände, und die Vorlieben entwickeln sich aus solchen. Die einfachen Weissen aus der Pfalz, das waren für ihn die beschwingten Sonntage und kleinen Fluchten während der Mannheimer Theaterzeit (kleine Rieslinge und Grauburgunder, «die sind auch wundervoll bei der Herstellung von Kürbissuppe»).
Die Gegend südlich von Narbonne entdeckte er während wiederholter Ferien und unseren Carema in einer kleinen Enoteca am Ortasee, wo seine Freundin mit anderen ein Haus hat. Es ist dies ein Wein, der Geduld verlangt, vom Produzenten (das Klima ist im Sommer relativ kühl und trocken, die Witterung unbeständig) und vom Konsumenten. Auch der Carema, der nicht im Holz ausgebaut wird, braucht Zeit. Nach neun Jahren, meint Roppel, ist er nun gerade recht.
An der «Winkelwiese» hat er einen Vertrag für dreieinhalb Jahre, mit einer Option auf Verlängerung um weitere zwei. Dann, im Sommer 2008, ist es auch Zeit für die letzten Flaschen, so noch vorhanden, und das ist gut so. Was Roppel am Wein und am Theater mag, ist ihre Vergänglichkeit. Er nennt das die «humane Dimension».