CHINAS WIRTSCHAFT wächst von allen Volkswirtschaften am schnellsten. Schon ist sie nach jener der USA und Japans und vor jener Deutschlands und Russlands die drittgrösste der Welt. Mit jährlichen Wachstumsraten, die 1992 und 1993 Spitzenwerte von über 10 Prozent erreichten, kann in der nächsten Generation China als der führende Produzent von Waren und Dienstleistungen gelten.
Diese Perspektive hat westliche Medien zu einer ausführlichen, aber oft unkritischen, häufig sogar ausgesprochen naiven Berichterstattung verleitet. Der Kardinalfehler liegt in der Annahme, China könne einfach dem Beispiel Japans, Taiwans und Südkoreas folgen (wegen ihrer geringen Grösse sind Hongkong und Singapur für sinnvolle Vergleiche ungeeignet). Diese Volkswirtschaften haben ihren hohen Standard dadurch erreicht, dass sie nicht nur einen aggressiven Export von Waren betrieben, sondern auch massiv Nahrungsmittel, Energie und Rohstoffe importierten. Angesichts des immensen Bedarfs Chinas verbietet sich eine simple Kopie dieses Musters.
Der entscheidende Faktor ist Chinas Bevölkerungsgrösse, die zu Beginn dieses Jahres bei 1,2 Milliarden lag. Auch wenn es gelang, den relativen jährlichen Zuwachs auf etwas unter 1 Prozent zu drücken (eine Quote, bei der die meisten armen Schwellenländer nur neidisch werden können), bedeutet die hohe Grundzahl, dass es zumindest im nächsten Jahrzehnt bei einem realen Zuwachs von etwa 15 Millionen Menschen jährlich bleiben dürfte. Selbst konservative Voraussagen sehen die Bevölkerung bis zum Jahre 2025 bei über 1,5 Milliarden. Aber wenn jeder der 1,5 Milliarden Chinesen so viel Nahrungsmittel und fossile Energie verbrauchte wie jeder der 125 Millionen Japaner oder der 30 Millionen Südkoreaner heute, und wenn sie versuchten, zwischen 50 und 98 Prozent dieser Menge einzuführen, wie es diese beiden Länder tun, dann lässt sich leicht ausrechnen, dass zur Deckung eines solchen Bedarfs auf dem ganzen Weltmarkt nicht genug Getreide und Rohöl aufzutreiben wären.
Das bedeutet, dass die Chinesen zwar mehr Getreide und Fleisch importieren werden, einen Grossteil ihrer Nahrung aber auch in Zukunft mit Hilfe der eigenen, schon jetzt hochintensiven Landwirtschaft erzeugen müssen. Nach jahrzehntelanger Selbstversorgung hat China neuerdings begonnen, Rohöl einzuführen; das Land wird seine Energie aber nach wie vor hauptsächlich aus seinen riesigen Kohlevorkommen gewinnen. Selbst bei einem einigermassen konstanten Pro-Kopf-Verbrauch an Brennstoffen und Nahrungsmitteln würde die Umwelt durch eine noch stärkere Intensivierung der Landwirtschaft und die gesteigerte Verbrennung von Kohle weiter geschädigt. In Wirklichkeit steigt der Verbrauch in beiden Bereichen ziemlich rasch, und eine Sättigung ist noch längst nicht in Sicht. Derzeit verbraucht ein Chinese im Schnitt etwa 600 Liter Rohöl pro Jahr, während der durchschnittliche Verbrauch in Südkorea bei etwa 2000 Litern und in Japan bei 3500 Litern liegt.
Die Verseuchung des Bodens, die Verschmutzung des Wassers und der Luft - die sich alle bereits in ziemlich kläglichem Zustand befinden - sind daher nicht aufzuhalten. An manchen Ressourcen wurde schon seit Urzeiten Raubbau betreiben, bei anderen setzte er mit der kommunistischen Machtübernahme im Jahre 1949 ein. Etwa ein Drittel des ohnehin begrenzten landwirtschaftlich nutzbaren Landes ging seit Ende der fünfziger Jahre verloren - wegen des immensen Bedarfs an Wohnraum, wegen riesiger infrastruktureller und industrieller Bedürfnisse im Zuge der Modernisierung und nicht zuletzt auch durch unsachgemässe Bewirtschaftung von Ackerland, das in der Folge erodierte oder versteppte. Heute verfügt China pro Kopf der Bevölkerung im Durchschnitt über kaum mehr als 800 Quadratmeter Ackerfläche und liegt damit etwa auf der Stufe von Bangladesh. Dass ein weiterer Bevölkerungszuwachs und hochfliegende wirtschaftliche Expansionspläne zu neuerlichen Verlusten an Ackerland führen müssen, liegt auf der Hand.
Nicht weniger besorgniserregend ist der Qualitätsverlust der landwirtschaftlich genutzten Flächen. Herkömmliche Landbebauung mit Fruchtwechsel wird immer öfter ersetzt durch Weizen-, Mais- oder Reismonokulturen, statt organischem Dünger werden massiv Kunstdünger und Pestizide eingesetzt. Die Böden sind ausgelaugt und von chemischen Rückständen verseucht. Noch steigen die landwirtschaftlichen Ernteerträge in China tendenziell, aber angesichts des Raubbaus ist das Ende dieser Entwicklung abzusehen. Auch das Weideland nimmt ständig ab, hauptsächlich wegen Überweidung; derzeit gehen jährlich rund 1500 Quadratkilometer verloren.
Wasser ist in China an sich nicht knapp, doch gibt es in der Wasserversorgung immense regionale Schwankungen: der Süden, die Provinzen südlich des Yangtse, ist wasserreich, der Norden ist trocken. Im trockensten Gebiet Nordchinas leben in acht Provinzen 400 Millionen Menschen, die über ein Drittel des Bruttosozialprodukts erwirtschaften. Schon jetzt leiden praktisch alle grösseren Städte in diesem Gebiet an akutem saisonalem Wassermangel. Die Folgen: Das Wasser muss aus immer grösserer Tiefe heraufgepumpt werden, der Grundwasserspiegel sinkt weiter ab, der Boden senkt sich grossflächig. Fachleute haben schon vorgeschlagen, die Hauptstadt Chinas kurzerhand an einen anderen Ort zu verlegen, da in Peking ständig Wasserknappheit herrscht und die Stadt keine Möglichkeit hat, in der näheren Umgebung weitere Wasservorkommen zu erschliessen. Genügend Ackerland und genügend Wasser - das ist eine wahre Herausforderung in einem Land, das sich so rasend schnell modernisiert.
China verdankt sein wundersames Wirtschaftswachstum zur Hauptsache Millionen neuer Unternehmen, die - häufig mit ausländischem Geld - abseits der Metropolen in Kleinstädten und Dörfern entstanden sind. In der Küstenprovinz Jiangsu (in der Schanghai liegt) findet man, grob gerechnet, eines dieser Unternehmen auf jedem Quadratkilometer. Die Kehrseite des Booms ist eine beispiellose Umweltzerstörung. Ungeklärt werden die Abwässer in Seen, Flüsse und dichte Kanalnetze geleitet. Niemand kennt den jährlichen Ausstoss dieser ländlichen Kleinunternehmen an Schadstoffen. Die häufigsten Verunreinigungen stammen von Phenolen, Schwermetallen und organischen Abfällen aus der Lebensmittelverarbeitung. Weil die Bauern den Schlamm aus den Kanälen und Flüssen als Dünger nutzen, weisen viele Feldfrüchte hohe Rückstände an Schwermetallen wie Chrom, Blei oder Kadmium auf.
Der natürlich gewachsene Wald vermag den steigenden Bedarf an Bauholz und Zellstoff nur noch für zehn Jahre zu decken. In den letzten drei Jahrzehnten wurde zwar massiv aufgeforstet, doch blieb der Erfolg eher bescheiden (nur etwa ein Drittel der Jungbäume schlug Wurzeln). Erst im Laufe des nächsten Jahrhunderts jedenfalls werden die aufgeforsteten Flächen die Holzversorgung wesentlich verbessern können.
Etwa drei Viertel von Chinas Primärenergie wird durch die Verbrennung von Kohle in ineffizienten, veralteten Dampfkesseln von Fabriken und kleinen Haushaltsöfen gewonnen. Das Geld für die Rauchgasreinigung fehlt. Während der Wintermonate zählt die Schadstoffkonzentration, besonders in den Städten des Nordens, zu den höchsten der Welt. Häufig übersteigt sie die staatlich festgesetzten Normen um das Fünf- bis Zehnfache. Im Norden hat man wenigstens keine Probleme mit saurem Regen: der alkalihaltige Staub in der Luft neutralisiert die bei der Verbrennung von Kohle erzeugten Sulfate und Nitrate. Anders im feuchten Süden, wo Kohle mit bis zu 7 Prozent Schwefelgehalt verbrannt wird (in Europa sind etwa 2 Prozent Schwefel üblich).
Was in einem so grossen Land wie China geschieht, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die übrige Welt. Nimmt die Bevölkerungszahl im bisherigen Mass zu, wird im Ausland die Zahl der illegalen chinesischen Einwanderer weiter wachsen; allein in den USA sind es jährlich etwa hunderttausend. Der Wandel Chinas vom namhaften Ölexporteur zum Ölimporteur dürfte den Ölpreis ansteigen lassen. Auch die Landflucht aus dem armen, trockenen nördlichen Landesinnern in die zu Wohlstand gekommenen Küstenstädte wird sich noch verstärken und könnte zu einer ernsten Belastung für die sozioökonomische Stabilität des Landes werden - eine Entwicklung, die wiederum nicht ohne Folgen für Chinas Aussenpolitik bleiben wird. Und schliesslich halten sich auch Schwefeldioxidemissionen und saurer Regen an keine nationalen Grenzen, was den nachbarschaftlichen Beziehungen nicht eben zuträglich ist.
Ohne tatkräftige Unterstützung der Chinesen sind effiziente Gegenmassnahmen gegen die Klimaerwärmung undenkbar. Schon heute ist China der zweitgrösste Erzeuger von Treibhausgasen und wird sich im Lauf der kommenden Generation wohl zum Spitzenreiter in diesem Bereich entwickeln. Nicht nur wegen des wachsenden Verbrauchs an fossilen Brennstoffen, sondern auch, weil für immer mehr Menschen in immer naturfernerer Methode Nahrungsmittel erzeugt werden: durch die Düngung entstehen Stickoxid und in der Feuchtigkeit der Reisfelder Methan, beides Gase mit sehr viel stärker ausgeprägtem Treibhauseffekt als Kohlendioxid.
Jede spürbare Herabsetzung dieser Emissionen ginge freilich auf Kosten der ehrgeizigen Pläne zur Modernisierung der Wirtschaft. Das offizielle China vertritt deshalb den Standpunkt, es sei die Pflicht der reichen Industrieländer, die Gefahren einer globalen Erwärmung abzuwenden, da jene schon während eines guten Jahrhunderts Unmengen an fossilen Brennstoffen verbrannten und weit mehr Treibhausgase erzeugten. Bei diesem Schwarzpeterspiel wird es allerdings schwierig, konkrete Massnahmen zu ergreifen, wenn es einmal wirklich zum Notstand kommen sollte. Bis zum Jahr 2020 dürfte China der grösste einzelne Verursacher von Treibhausgasen geworden sein, und andere Drittweltländer werden es kaum für nötig halten, sich ins Zeug zu legen, solange China untätig bleibt.
Vaclav Smil lehrt Ökologie mit Schwerpunkt China an der Universität Manitoba (Kanada). 1993 erschien von ihm «China's Environmental Crisis», 1994 «Energy in World History».