NZZ Folio 08/93 - Thema: Romandie   Inhaltsverzeichnis

Heimische Fremde

Sprache der Romands - Sprache der Franzosen.

Von Walter Weideli

EIN ZÜRCHER IST ZWISCHEN ZWEI SPRACHEN hin- und hergerissen, deren eine, die Galasprache, ihm notgedrungen fremd ist; wir hingegen haben nur eine, die wir mehr oder weniger raffiniert oder glücklich gebrauchen, je nach Ausdruckskraft, Bildung, Herkunft eines jeden, genau wie die Bewohner von Lyon, Marseille oder des äussersten Zipfels der Bretagne.

Gewiss, wir Romands haben Redewendungen, Wörter oder Wortgebräuche, Satzmodulationen, in die Länge gezogene Silben, verschluckte Verbindungen, die uns eigentümlich sind, und das mag auf die aus einer andern Provinz Gebürtigen belustigend oder verwirrlich wirken, aber auch sie haben ihre Absonderlichkeiten und sprachlichen Eigenheiten, und wenn ein Genfer den verrotteten Abfallhaufen «ruclon» nennt, den ein Bewohner des Périgord als «bourrier» bezeichnet, so heisst das noch nicht, dass er weniger französisch spricht als dieser. Selbst die Pariser, diese provinzlerischsten aller Provinzler, haben ihre Redeweisen und ihre Ticks in Sachen Betonung oder Vokabular.

Französisch ist unser Körper, und wir leben voll und ganz darin, bis in unser Schweigen, unsere Verlegenheitsgebärden, bis in unsere unfertigen Äusserungen hinein.

Diese Sprache ist meine Sprache, und ich will sie ganz, mitsamt den aus meiner Genfer Kindheit ererbten Wörtern wie «gouille» (flaque d'eau: Pfütze), «cupesse» (culbute: Sturz, Purzelbaum), «virolet» (étourdissement: Taumel, Schwindel), die zu den bedrohten Überlebenden eines verlorenen Paradieses gehören wie jene wunderbar wilden Gladiolen, die der Unkrautvertilger in den Rebbergen und den Landfriedhöfen ausrottet - aber auch mit ihren unerhörten Feinheiten, ihren Sinnverschiebungen, ihren verborgenen Schwingungen, mit diesem französischen Stil schliesslich, dessen Reichtum und Subtilität nicht nur bei Valéry und Chateaubriand, sondern auch bei unseren Rousseau, Cingria und, warum nicht, Chessex zum Ausdruck kommen.

Wir haben nicht mit der Sprache Schwierigkeiten, sondern mit uns selbst, auf Grund dieser eigenartigen Mischung aus verletzlichem Hochmut und einem Hang zu herabwürdigender Selbstkritik, die so prägend ist, dass einige daran gestorben sind, und die noch immer, scheint mir, zahlreiche unserer Schriftsteller prägt.

Dimitrijevic, der damals noch weiter nichts als ein kleiner Buchhändler war, sagte vor gut einem Vierteljahrhundert zu mir, sobald Paris einmal nur noch drei Stunden Eisenbahnfahrt von Genf entfernt sei, werde man nicht mehr von einer Literatur der Romandie sprechen. Damit legte er viel Optimismus oder Überheblichkeit an den Tag.

Selbst wenn es für unsere Autoren - einige wenige zumindest - heute leichter ist, bei unseren Nachbarn verlegt, verbreitet, und, wer weiss, gelesen zu werden, bleibt unser Verhältnis zu dem, was man einst die Lichterstadt nannte, ein leidenschaftliches und mithin ein labiles und widersprüchliches. Wir ärgern uns schwarz, wenn sie uns zurückweist oder ganz einfach nicht beachtet; wir herrschen sie an, wenn sie uns gegenüber ein gewisses Interesse zeigt, das freilich einer Spur Herablassung nicht immer entbehrt.

Eines Abends begegnete ich auf meinem Bildschirm dem Dichter H., der uns einst in der Geringschätzung des literarischen Erfolges unterrichtet hatte, in den fernen fünfziger Jahren, als er bei uns jungen, zukünftigen Schriftstellern der Linken ein wenig den Volkskommissar spielte.

Vierzig Jahre waren vergangen, und nun war er zur Sendung «Apostrophes» geladen, eine Ehre, die sehnlichst begehrt, und sei es verschämterweise, wer auch immer zwischen Genf und Pruntrut schreibt.

Kurzum, es war der grosse Tag. Nichts an der Haltung oder im Ausdruck unseres endlich in Paris anerkannten Dichters verriet indessen die leiseste Gemütsbewegung oder ein Frohlocken. Ein paar literarische Grössen, mehr oder weniger immer dieselben, tauschten unter seinem gestrengen Blick geistreich-witzige Einfälle von variablem Interesse aus, dann erteilte man ihm endlich das Wort.

Er behielt es lange.

In seiner ein wenig regentenhaften Art der schlechten Tage setzte er zu einer fieberhaft wütenden Anklagerede gegen die Leere, die Härte, die Eingebildetheit einer Intelligenzia an, die angeblich vollständig an Ort und Stelle versammelt war, und forderte sie schliesslich auf, wenn ich mich richtig erinnere, lieber dem Gesang der Nachtigall und der Not der armen Welt Gehör zu schenken als ihrer eigenen Nichtigkeit.

Als H.s poetischer Schwung erschöpft war, fragte Pivot, der Leiter der Sendung, ihn bloss mit mörderischer Freundlichkeit: «Herr H., es kommt aber doch vor, dass Sie schweigen, um zu essen?»

H.s Gesichtsausdruck in diesem einmaligen Augenblick offenbarte ihn in seiner ganzen Zerbrechlichkeit, die durchaus auch die unsere ist.

Wir wollen, dass die Worte recht ehrlich sind, dass sie alles sagen, was sie enthalten, ohne etwas daneben oder darunter. Wir bilden mit ihnen eine Einheit; wir kennen diese Pariser Weisheit oder Durchtriebenheit nicht, wo man mit seiner Aussage sich nie ganz bindet. Dafür braucht es Jahrhunderte von Hofsitten, die das Ende der Monarchie überlebt und Eingang in die Republik gefunden haben. Unser Französisch ist korrekt, es kann sogar elegant sein: unsere Lehrer haben uns dafür die Mittel gegeben; es ist weder verführerisch noch mörderisch: sie haben vergessen, uns zu lehren, wie man das Gift dosiert.

Aber ich bin ein alter Mann, und all das ist vielleicht reine Vergangenheitsmusik. Zwischen der Sprache, die man mich lehrte, und der übertriebenen, lockeren, die sich in der Werbung, am Fernsehen, in der Politik breitmacht, gähnt immer mehr ein schwindelerregender Abgrund.

An schlechten Tagen sage ich mir, Amerika habe sie zugrunde gerichtet. Andere Male, wenn ich unbemerkt da oder dort ein paar Junge bei einem Gespräch überrasche, frage ich mich, ob da nicht eine andere im Entstehen begriffen sei, eine freiere, lebhafter sprudelnde.

Dann komme ich mir vor wie einer dieser Literaten des spätrömischen Reiches, die hartnäckig an ihren Hexametern weiterfeilten, ohne zu ahnen, dass das Latein um sie herum schon gar kein Latein mehr war, bis zum Tag, da ich weiss nicht welcher Kanzler oder Dichter darauf kam, dass es Französisch geworden war.

Walter Weideli ist Schriftsteller und Übersetzer; er lebt in Sainte-Innocence, Frankreich.


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