EINES ABENDS, zur Stunde einer rotglühenden Dämmerung, war Mutter weggegangen. Es war schwül, und der Himmel hatte die Farbe von Traurigkeit. Wochenlang hatten sich Wolken aufgetürmt. Trotz allem weigerten sich die Wasserwirbel zu fallen und die Erde zu netzen. Jahre vorher war Vater von den Milizen entführt worden, die die Stadt erpressten. Der Parteisekretär, ein dreister kleiner Mann, hatte hämisch gegrinst und gesagt, Vater werde nie mehr zurückkehren. Mama Sikonge, die zweite Ehefrau, die nach Mutter gekommen war, schloss sich oft mit ihm im Haus ein. Rücksichtslos verbrachten sie ganze Nächte damit, zu lachen, Kalebassen voll starker Schnäpse hinunterzuschütten. Danach hörten sie nicht mehr auf zu zanken, sich zu prügeln und dabei Möbel und Geschirr zu zerschlagen.
Ich dachte an die mit Mutter verbrachten Tage zurück. Nachdem wir unseren Maisbrei oder ein dickes Bananenmus gegessen hatten, zogen wir jeden Morgen los und schlugen den Weg die kleinen Schluchten entlang ein. Er verlor sich im Gestrüpp, und Ameisen liefen über unsere Füsse. Es gab eine kleine Kreuzung, von der die einen Strassen sich auf die Weiden hinauswinden und die anderen ins Tal hinabführen. Hier wuchsen ganz unverschämt ein paar Zwergakazien. An dieser Stelle reichte sie mir jeweils meine Schultasche und schubste mich mit der Hand auf den Schulweg, während sie selbst im Haus der Gesundheit verschwand.
Die Blechwände des Ambulatoriums waren stellenweise geborsten. Sie gaben fürchterliche Ächzgeräusche von sich, wenn die Sonne ihre Glut auf sie warf. Mutter mochte es nicht besonders, wenn ich mich in der Gegend herumtrieb. Ich hatte es eines Tages gewagt, und das Schauspiel, das sich mir bot, verschlug mir den Atem. Ich fand nächtelang keine Ruhe mehr und muss laut geschrien haben, wenn ich aus den Albträumen auftauchte. Ich hatte gewusst, dass das Leiden die Menschen zerstören kann, bis sie gänzlich ausgezehrt sind. Aber ich hatte nicht gewusst, dass es Menschen zu Wracks schlagen konnte, ohne dass ihnen ein Wimmern des Entsetzens entfuhr.
Unser Dorf zieht sich über die ganze Halbinsel hin. Zu beiden Seiten endlose Flächen. Die Sonne steigt aus dem entferntesten Winkel auf, der immer in schweren Dunstbänken liegt. Bei Tagesanbruch streut sie ihre Strahlen durch einen dünnen Nebel hindurch. Danach brechen sie sich auf dem See. Sie splittern sich in tausend Pailletten auf, ein Flimmern, das in den Schläfen schmerzt.
Hier sind die Plätze, wo die Kuhherden weiden. Die Jungkühe sind strahlend schön. Die Dichter bei uns zu Hause haben als «schön wie eine junge Kuh» auch schon eine entzückende junge Frau besungen. Dahinter steckt mehr als nur die Sicht der Ästhetik.
Die Herden kommen von der anderen Seite der Hügel, aus dem Land der Biharamulo. Wir liegen am Berührungspunkt antiker Königreiche, die sich in der Weite vor den Hügeln ausbreiteten. Hier trieben schlanke Krieger die schönsten Kühe, die die Erde je trug, vor ihren siegreichen Bataillonen her. Sie trugen Stöcke mit kunstvoll ziselierten Schäften zur Schau. Weisse, mit Spitzen bestickte Umhänge dienten ihnen als Mäntel. Sie hatten immer in vollkommener Eintracht mit den Bauern gelebt, die ihre Felder bestellten, breite Furchen zogen und wunderbar tanzten, um die Saatfeste zu feiern. Dann konnte man tagelang die Ingoma-Trommeln hören. Ihre Wirbel pflanzten sich bis tief in die Hohlräume des Bodens fort und über das mangrovenbewachsene ebene Land hin zu den Abgründen.
Geschickte Schmiede versöhnten die kriegerischen und die bäuerlichen Rituale, indem sie Lanzen und Schilder auf den gleichen Ambossen schmiedeten wie die Äxte, Karste und Pflüge. In den Schulbüchern werden bezaubernde Geschichten über die Völker an den Seen erzählt, von denen die Gegend eingekreist ist bis hin zu den Geröllhalden der Vulkane. Und bis hin zu den hohen Bergen, die das Gebiet der Salzwerke und der goldhaltigen Erde umschliessen. Bis hin zu den Landstrichen, wo während Jahrhunderten der Pracht die Pharaonen regierten.
Aber dann kamen die Fremden. Sie haben die einen den andern zu Feinden gemacht. Sie raubten die Lebensmittel und schändeten die Gräber der Patriarchen. Und seitdem hören die Brände nicht auf, die Gerippe der Kühe zu verzehren, die ihre Koppeln verloren haben. Sie reissen Scharen von Tukanen mit von Asche bedecktem Gefieder ins Verderben. Die Kronenkraniche und Flamingos hingegen schwärmen weiterhin über den Sümpfen aus.
In der Morgenfrühe schon die Pirogenfahrer. Sie strengen sich an, kräftig zu paddeln. Sie treiben ihre Kähne über die Seerosen und die Wasserhyazinthen. Die Gischt tost und erzeugt rings um die Boote gigantische Strudel. Die Wellen glitzern. Ich setze mich oft dicht ans Ufer. Wenn die Männer die von zappelnden Fischen prallvollen Netze heraufziehen, spüre ich, wie mir Tränen in die Augen steigen.
Man muss einen Fisch nach dem anderen rasch wägen, sie in Schlammteichen sorgfältig abschuppen und aufpassen, dass man sich nicht zu sehr die Hände aufschürft. Mutter hat nie gewollt, dass ich bei den Fischern arbeite. Sie sagt immer, dass jede meiner Schrammen in ihrem Herzen eine Wunde hinterlasse, die nie vernarben werde. Wir schicken uns an, die Wannen zu füllen, bevor wir mühsam die Böschung hinaufklettern. Ich strauchle, die Füsse fangen sich im Lehm. So oft bin ich auf dem morastigen Boden schon ausgerutscht und habe mir dabei die Knöchel verstaucht. Die Beine sind zu schwer. Sich vorsehen, damit einem nicht der Fisch ins Gras fällt oder sogar zurück auf den Grund des Sees.
Unweit von hier die kleine Krambude Maradesas, eines hässlichen Libanesen, der in der Gegend gestrandet ist. Er hat sicher vergessen, wo sein Heimatland liegt. Er verkauft Schund, wertlose Schmuckanhänger und verdorbenes Parfum, das nach Schimmel riecht. Sein Haus ist voll von Kindern mit sonnenverbrannten Gesichtern und sepiabraunen, krätzigen Haaren. Das hindert ihn nicht, wie ein brünstiger Bock hinter den jungen Mädchen herzujagen und ihnen in der Abenddämmerung in der Nähe der Weideplätze nachzustellen. Die Dorfbewohner haben ihn mehrmals zu steinigen versucht, um ihn davon abzuhalten, den Kindern etwas anzutun. Aber sobald er sich umdreht und sie anblickt, suchen alle schleunigst das Weite. Sie halten ihn für ein abscheuliches Geschöpf, machen aber trotzdem bei ihm Berge von Schulden für ihre tägliche Flasche Alkohol.
Jetzt korrumpiert Maradesa die Militärs, indem er sie skrupellos benutzt. Er teilt mit den Milizsoldaten die Mädchen, die von den Flüchtlingskolonien zurückgelassen wurden, jene, die sich auf der Flucht vor ihren Peinigern hierher verirrt haben. Manche behaupten, dass die Würdenträger des Regimes sie wie Diebesgut an fremde Länder verschachern.
Bulakali hat mich oft aus den Klauen dieses schändlichen Aasgeiers gerettet. Am Nachmittag, bevor die Sonne farblos wird und verschwindet, kommt er, um mir beim Fischverkauf zu helfen. Die Lehrer haben seit Monaten kein Gehalt mehr bezogen. Die anderen Beamten auch nicht. Die Schulen sind fast alle geschlossen, und die einzigen verbliebenen Lehranstalten sind so teuer, dass dazu nur die Kinder der Würdenträger des Regimes Zugang haben. Diplome, Zertifikate, Examen, für alles bezahlt man teures Geld.
So verbringt Bulakali seine Tage damit, mir Gesellschaft zu leisten. Wenn die Militärs auftauchen und mir ein paar Fische entreissen, schreitet er energisch ein, auch wenn ihm deswegen Bajonettschläge drohen. Er fleht sie an, mir nicht alles wegzunehmen. Manchmal kocht ein unbändiger Hass in ihm. Dann macht er das Knurren einer wütenden Bulldogge nach. Er droht, er werde den Blitz nach ihnen schleudern oder sich eines Tages eine schreckliche Waffe besorgen; er werde sie alle erschiessen, und die Raubvögel würden nachts ihr verwesendes Fleisch fressen. Ich wünsche mir, dass ihn der Krieg nicht mitreisst und dass er nicht anfängt, andere zu massakrieren. Ich habe solche Angst, dass ich am ganzen Körper zittere.
Mama Sikonge versucht nicht einmal zu begreifen, was sich auf dem Fischmarkt abspielt. Sie verlangt immer mehr, ohne mir zu geben, was mir zustünde, wenn man bedenkt, welche Strapazen ich dort durchmache. Sie überschüttet mich mit Schimpf und Schande, wenn ich einen einzigen Geldschein ausgebe, um einen Bananenkrapfen zu kaufen. Ich behalte die Klagen und Tränen innen im Bauch. Mein Magen ist so voll, dass ich fürchte, er wird eines Tages explodieren.
Die Vögel singen und modulieren wunderbare Melodien. Sie bringen allen, die sich lieben, Frieden. Aber unser Land Ijwi nähert sich dem Sturm. Alle haben Angst. Die Mütter fürchten, dass sich die Elemente in mörderischen Gewittern entfesseln, um unsere ganze Insel zu zerstören.
Heute liegt mir das Herz schwer in der Brust. Bulakali war sehr krank. Ich wollte ihn pflegen, wie Mutter es mir gezeigt hatte. Er sagte zu mir, er könne nur gesund werden, wenn ich ihn zur Hütte auf dem Kap hinaufbringe. Von dem Ort geht etwas Bedrückendes aus. Bulakali hat mir immer versichert, dass er sich nicht vor den Hexern fürchte und dass das, was man über Panthermänner erzählt, die nachts hier umgingen, nur Lügenmärchen seien, die man sich ausgedacht habe, um den Kindern Angst einzujagen.
Auf einmal spürte ich, wie mich eine Bangigkeit überkam. Nie war mir Bulakali riesiger erschienen als an diesem zur Neige gehenden Tag. Er drückte mir mit beängstigender Heftigkeit die Hand. Seine Stimme wurde plötzlich heiser, und seine Füsse vermochten sich keinen Weg mehr durchs Gestrüpp zu bahnen. Er stammelte, wenn er zu mir sprach, und versuchte sein Zittern zu verbergen.
Du wirst sehen, Mayilena. Die Kraft und die Macht. Das wird dich erleichtern.
Mir summte es tief in den Ohren, als wären sie mit Pfropfen verstopft. Unter den Halmen und um die schlaffen Mimosen herum hatten die Insekten zu sirren aufgehört. Ich fürchtete, dass ein einziges Wort aus meinem Mund den Sockel des Universums ins Wanken bringen könnte.
Wir kamen ans Ziel. Bulakalis Mutter kauerte unter einem entblätterten Eukalyptusbaum, dessen weisslicher Stamm voller Geschwülste war, wie Verletzungen, welche die Körper zerstören. Sie schwenkte dürre Buchsbaumzweige. Ihre Lippen bewegten sich, sie stiess Beschwörungsformeln aus. Als wir den mit Kreide gezogenen Kreis ganz nah bei ihr erreichten, legte sie uns die Hände auf die Schultern. Sie zwang uns niederzuknien. Ihr Gesicht hellte sich unverhofft auf. Ihr Blick strahlte von einem weissen Licht. Zuerst verstand ich nicht recht, was sie durch die Zähne vor sich hin brummte.
Da ist der Baum, wo mein ältester Sohn schliesslich Wurzeln schlug.
Später erklärte mir Bulakali das Ganze. Für jedes Kind vergräbt die Mutter tief im Humus die Hülle, in der es wuchs, als es sich in ihrem Bauch befand. Man gibt die Nabelschnur dazu, durch die beide während Monaten bis zur Geburt verbunden waren. Dann wird an der Stelle ein Baum gepflanzt. Die Leute sagen, dass das Kind dann Wurzeln schlagen kann. Bei jedem wichtigen Ereignis des Lebens muss man in den Schatten seiner Blätter zurückkehren, niederkauern unter dem Baum. Das bringt in den Adern einen heilsamen Saft zum Zirkulieren, eine Kraft, die aus dem Schoss der Erde selbst heraufdringt.
Ich möchte so gerne wissen, wo mein Kopf, meine Füsse, meine Arme und mein ganzer Körper haben Wurzeln schlagen können. Zuweilen spüre ich ein Kribbeln. Dann sage ich mir, dass ich Knospen treibe, dass ich mir Blüten und Blätter spriessen lasse. Aber die Erde, in die ich eindringe, scheint so brüchig zu sein, dass ich ausreisse, noch bevor mein Körper auch nur Laub hat ansetzen können. Vielleicht, wenn Mutter einst wieder am Horizont auftaucht, kann sie mir den Humus zeigen, wo ich keimen, blühen und in den Schoten meines Bauches eine Menge Kinder werde tragen können.
Ich brauchte ein paar Tage, bis ich den Zauber des Baumes begriff. Kurze Zeit danach liess mir Bulakali eine Nachricht zukommen. Er war in den Kampf gezogen, um sich der «Volksarmee» anzuschliessen, die versprochen hatte, das Land zu befreien und den Tyrannen-Marschall in glühende Asche zu verwandeln.
Warum hast du mich allein gelassen, Bulakali? Deine Augen werden sich mit Blut anfüllen. Du wirst mir nicht mehr die Hände auf die Schultern legen, und ich werde mich so matt fühlen auf der glitschigen Böschung des Sees. Ich weiss, dass du wiederkommen wirst. Du wirst wiederkommen, Bulakali. Der Baum deiner Nabelschnur hat es mir gesagt, und im Traum sehe ich dich wieder, bei deiner Mutter, die von nun an die meine ist. Mutter!
Der Krieg war ausgebrochen. Der, den niemand erwartet hatte. Der, den niemand gewollt hatte. Er war roh, grausam. Mutter hatte mir von den Schrecknissen erzählt, die sie in ihrer Kindheit hatte erleben müssen. Sie war noch eine Schülerin, als rings um ihre Schule die Horden auftauchten. Die Krieger schwangen Äxte, schossen scharf geschliffene Pfeile. Sie trugen bunte, mit Kaolin und aggressiven Malereien bedeckte Masken zur Schau. Sie erzählte von den Gräbern in roter Erde, wo verstümmelte Leichen aufgeschichtet wurden, von Leibern, die mit den Buschmessern zerstückelt worden waren und auf dem See trieben.
Eines Abends, auf den Sandwegen, wohnten wir einer schauerlichen Prozession bei. Ungeheure, dichte Menschenmengen, die schweigend vorüberzogen. Ihre Schritte auf dem Staub erzeugten ein merkwürdiges Geräusch. Das einförmige Getrappel wurde zu einem dumpfen Grollen. Die Gesichter der Männer waren völlig ausdruckslos. Der Schweiss war in den Mundwinkeln geronnen, den Runzeln vorzeitig gealterter Frauengesichter entlang. Er lief über die Wangen in die Ohren hinein. Die Kinder hatten zu jammern aufgehört, was sie als Weinen noch hören liessen, glich nur einem erstickten Gurgeln.
Auf einmal kam mir mein Land wie ein Sprung in der Erde vor, wie ein Riss im Kontinent, ein Bruch in der Geschichte. Die endlose Irrfahrt all der Menschen, die sich am Rande gewaltiger Wälder verlieren, dort, wo die hohen Berge des Ostens und die Vulkane sich erheben. Und die Menschen haben für ihre Not Worte gesucht, Redewendungen, von denen jede Erinnerung aufgerüttelt wird.
Da wünschte ich mir, Mutters Hand zu drücken. Ich wollte nicht sehen, aber meine Augen waren so müde geworden, dass ich sie nicht mehr schliessen konnte. Das Gewühl gärte, zog sich in die Länge, verlor sich in der Unendlichkeit des Horizonts.
Und nun begannen dieselben Tumulte auch meine Insel zu erschüttern. Auch wir würden die Häuser verlassen, die Weiden zurücklassen, die Bananenhaine den Warzenschweinen und den Wasserbüffeln überlassen müssen. Der Albtraum verfolgte mich überallhin, grauenvoll, zügellos. Der Bauch verkrampfte sich, nicht vor Schmerz, sondern vor grosser Trauer. Ich fühlte das Blut heftig an den Schläfen pochen, und der Schwindel trübte mir den Blick auf die Schatten, die sich vor mir bewegten. Mama Sikonge war aufgetaucht wie ein unfassbares Wunder. Sie schüttelte mich an den Armen.
Die meisten Bauern, die hinter den Bananenhügeln wohnten, kannten die unbestimmten Weiten dieses Landstrichs nur von den Steinpfaden her. Jenseits davon war das Unbekannte, das Land der Angst. Der Schlupfwinkel der Hyänen. Die Wohnstatt der dunklen Geister.
Bulakali hatte mir von den alten Zeiten und ihren verbotenen Legenden erzählt. Niemand habe es je gewagt, die Grenze zu überschreiten, den Kreis des geweihten Landes zu verlassen. Die Schutzgottheiten bewahrten die Menschen vor Unheil, und der Schutz der Ahnen gewährleistete ihnen dauernde Sicherheit. Am heutigen Tag schienen alle Grenzen gesprengt zu sein, das Jenseits war verwüstet worden. Die Stützen des Universums hatten Risse bekommen. Für diejenigen, die nie die Kühnheit gehabt hatten, die Wassergrenzen zu überschreiten, hatte die Welt immer an der Kreislinie des Horizonts aufgehört. Genau an der Stelle, wo der Himmel das Tal auf meiner Insel Ijwi berührte. So weit der Blick reichen konnte. Der ockerfarbene Staub hatte die Blätter der Borassuspalmen und die stacheligen Schuppen der Ananas zugedeckt.
In einer Nacht der Raserei war der Wahnsinn einem ganzen Volk an die Kehle gesprungen. Die jungen Leute sollten einem erbarmungslosen Feind entgegentreten: dem Tod. Er durfte sie nicht heimlich überrumpeln. Sie würden sich einen ewigen Ort erschaffen, wo der Tod nicht mehr ungestraft herumstreichen und über sie triumphieren konnte, indem er sie ihren Hoffnungen entriss. Sie würden unsterbliche Wesen, wie es ihre Ahnen waren. Die kleinen Mädchen bezwängen ihre Ängste, litten nie mehr Not. Sie stimmten Siegeslieder an, und die Flanken der Berge widerhallten davon.
Ein frommes Flehen strömte mir aus dem Herzen. Ich glaubte intuitiv, dass jene Tage in der Karwoche begonnen hatten. In jener Woche, in der das Wunder der Auferstehung sich erfüllt. Erinnerungen überstürzten sich in meinem Kopf, als Abbé Seramenga auf seinem grossen Motorrad den Hügel herabkam. Das Geknatter verfing sich in den Felsen und riss uns von unseren Sandspielen weg. Die verkrüppelten Akazien wurden von einem unpassenden Wind geschüttelt. Wir rannten ihm entgegen, kreischend wie Schwalben im Sturm.
Er verstand uns von einer Welt voller Seligkeiten zu erzählen. Unsere Kinderherzen waren von Furcht, Anteilnahme und Hoffnung zugleich erfüllt. Man musste die Hände falten, die Lider senken, den Kopf neigen und im Innern des Mundes leise ein inbrünstiges Gebet hersagen. Ein gewaltiger Friede senkte sich auf uns herab und überflutete unsere Bäuche. Mutter war verklärt, und ihr Gesicht leuchtete in unerhörter Klarheit. Abbé Seramenga rief die Märtyrer an. Die aus Uganda streckten ihre wohltätigen Hände über die weiten Wasser aus. Die von hier flüsterten uns tief in den Ohren. Anuarite hatte den Rebellen widerstanden, die von den geisttötenden Schnäpsen stumpfsinnig geworden waren. Bakanja hatte allen Verführungen die Stirn geboten. Hier geht es ins Land der Seligen, das von den Umulirimby wa Nyili-Ibiremwa, den Sängern der Mythologien, verherrlicht wurde. In meiner Schule rezitierten wir voller Ergriffenheit die Verse dieser «Geburt des Universums».
Heute abend möchte ich die Hände falten und um Barmherzigkeit bitten. Flehen, dass ich Mutter wiedersehe und nicht mehr Mama Sikonges Spott über mich ergehen lassen muss. Wenn das Wunder noch vollbracht werden könnte durch Menschenhand . . .
Pius Ngandu Nkashama, geboren in Zaire, ist Professor für Linguistik in Limoges und Autor zahlreicher Romane.