NZZ Folio 12/01 - Thema: Erinnern und vergessen   Inhaltsverzeichnis

Der Ritt auf dem Schwan

Wie man aus dem Stand Zehnte an der Gedächtnisolympiade wird.

Von Katharina Döbler

Es fing damit an, dass ich in meiner Handtasche - der schwarzweissen, die ich seit Wochen nicht mehr benutzt hatte - einen Notizzettel fand. Eine Handschrift, die zweifellos meine ist, hatte folgende rätselhafte Zeichen hinterlassen: Zsn. wg. Buch A. W. !!!! Und das Ganze noch unterstrichen. Es muss sehr wichtig gewesen sein.

Fast alle Menschen, die ich kenne, haben ein schlechtes Gedächtnis, aber meines ist noch schlechter. Ich weiss gewöhnlich nicht, wo ich meine Schlüssel abgelegt habe, wo das Auto geparkt ist und woher ich die nette Dame kenne, die so pikiert war, als ich sie mir zum zweiten Mal am selben Abend vorstellen liess. Ich vergesse meine PIN-Nummern und stehe deshalb im Ausland ohne Geld da. Anrufen kann ich niemanden, weil ich das neue Mobiltelefon nicht einschalten kann, in dem sämtliche Telefonnummern gespeichert sind.

Deshalb benutze ich Notizzettel.

Zsn. wg. Buch A. W. !

Wer oder was war Zsn.? A. W. schien ein Name zu sein, aber welcher? Ein Autor? Der Besitzer eines ausgeliehenen Buches?

Wie viele schöne, wahre und gute Dinge im Leben sind mir nur deshalb entgangen, weil ich vergessen habe, dass es sie gibt? Wie viele Namen und Gesichter, die der Beginn einer wunderbaren Freundschaft hätten sein können? Wie viel Kummer habe ich meinen Mitmenschen bereitet - zum Beispiel jenem A. W.

Oder bedeutet es Arbeiterwohlfahrt?

Oder wollte ich vielleicht in Zeitschriften etwas zu einem Buch über Allgemeinwissen nachschlagen?

Das Leben aber ist zu kurz, als dass man die Hälfte davon auch noch vergisst. Ich nahm mir vor, mein Leben zu ändern.

So fing alles an.

Erster Tag. «Kopftraining für ein Supergedächtnis» oder «Stroh im Kopf» oder «Gehirnjogging» heissen die einschlägigen Bücher, die im Regal Lebenshilfe/ Sexualität meiner Buchhandlung aufgereiht sind. Ich nehme das mit dem Supergedächtnis. Mnemotechnik, so lautet die gute Nachricht darin, kann man lernen. Ganz schnell. In ein paar Wochen. Kaum zu glauben.

Werde jeden Tag ein Kapitel aus dem Buch lesen und praktizieren.

2. Tag. Das Gehirn enthält über eine Billion (1 000 000 000 000) Gehirnzellen. Der Russe Shereshevsky konnte sich ganze Redaktionskonferenzen wörtlich merken. Beeindruckend. Wozu er's wohl brauchte?

3. Tag. Kopfschmerzen.

4. Tag. Keine Zeit.

5. Tag. Das zweite Kapitel besteht aus Gedächtnistests. Ich scheine ein hoffnungsloser Fall zu sein. Desillusioniert.

6. Tag. Tests wiederholt. Sehr desillusioniert.

7. Tag. Zeus, wie es so seine Art war, verguckte sich in Mnemosyne. So wurden die neun Musen gezeugt. Das Gedächtnis ist also weiblich! Gedächtnis ist sexy. Gedächtnis ist kreativ.

8. Tag. Habe das Buch bei meinem Zahnarzt liegenlassen. Und jetzt ist Wochenende.

9. Tag. Buch liegt immer noch beim Zahnarzt.

Zehnter Tag. Ein gewisser Professor Sperry, Nobelpreisträger für Medizin 1981, fand heraus, dass der Mensch zwei komplementäre Gehirnhälften besitzt, von denen die linke für Logik, Sprache, Zahlen, Linearität und dergleichen, die rechte aber für Farbe, Rhythmus, Phantasie, Gestalt und dergleichen zuständig ist. Die Grundlage der Mnemotechniken ist es, zwischen beiden Hirnhemisphären eine muntere Kommunikation in Gang zu halten: Zahlen werden mit Gerüchen und mit Formen verknüpft, Buchstaben mit Erlebnissen assoziiert.

Oder, ganz einfach ausgedrückt: Am besten merken Sie sich eine Einkaufsliste, wenn Sie sie mit den verschiedenen Stadien eines Liebesabenteuers in Verbindung bringen.

Wo in meinem Gedächtnis wohl Zsn. und A. W. gespeichert sind?

11. Tag. Einkaufen gewesen. Nur den Kaffee vergessen, aber es war noch ein volles Päckchen zu Hause, dessen Existenz mir entfallen war.

12. Tag. Für jede Zahl von 1 bis 10 ein Bild gemalt, das die Form der Zahl hat. Die Bilder sind sehr schön geworden. Vor allem der Schneemann für die acht. Der Schwan sieht wie eine Ente aus.

13. Tag. Heute wieder Test. Zehn beliebige Wörter in der richtigen Reihenfolge in zehn Minuten auswendig gelernt. Sieben von zehn Punkten. Wie konnte ich nur Raumschiff, Wassermelone und Sonnenschein vergessen?

14. Tag. Zahlen können Sie auch mit Reimwörtern erinnern: Brei reimt sich auf drei, Gier auf vier. Funktioniert reibungslos! Sobald ich die Zahl drei vor mir sehe, höre ich das Geblubber von kochendem Griessbrei und verbrenne mir die Zunge.

15. Tag. Beim neuen Test 54 von 60 Punkten. Habe mich bei der Internationalen Gedächtnisolympiade angemeldet, die demnächst in London stattfindet.

Sie wollten nur meinen Namen und die Nummer meiner Kreditkarte wissen. Hab sie sofort auswendig gelernt nach der Zahl-Reim-Technik und eine plausible Geschichte daraus gemacht: Jemand geht mit Strümpfen (5) durch eine Pfütze aus Griessbrei (3) und hinterlässt beim Weiterlaufen Spuren auf dem Teppich, die wie ein Schwan (2) aussehen . . . (Rest aus Sicherheitsgründen gekürzt.)

16. Tag. Wieder Bilder gemalt. Für jeden Buchstaben eins. Ich kann schon richtig gut malen.

17. Tag. Beim Einkaufen nur den Griess vergessen, stattdessen zweimal Kaffee mitgebracht.

18. Tag. Heute gelernt, dass wir wellenförmig und mit Höhepunkten lernen. In den Lernpausen sortieren Ihre Gehirnhälften unbewusst den Stoff. Während des Kaffeekochens die deutliche Empfindung, dass zwischen meiner linken und meiner rechten Kopfseite ein angeregter und lebhaft murmelnder Verkehr herrscht.

19. Tag. Flugticket nach London per Telefon bestellt. Die Frage nach meiner Kreditkartennummer lässig beantwortet, indem ich das Drama mit den Spuren und den Strümpfen zwischen meinen Gehirnhälften aufführte. Die Ungeduld am anderen Ende der Leitung brachte mich nicht aus dem Konzept. Erfahre aus dem Buch, dass meine geistige Flexibilität, meine Vorstellungskraft, meine Assoziationsfähigkeit, meine Sinnlichkeit, meine Kreativität nun so weit gesteigert seien, dass ich die fortgeschrittene Technik zum Memorieren von Spielkarten, Telefonnummern und überhaupt vielstelligen Zahlen erlernen könne.

Sehr stolz.

Zwanzigster Tag. Das neue System schwieriger als angenommen. Sie müssen Zahlen mit Konsonanten verknüpfen und daraus nach genau festgelegten Regeln Wörter bilden. Aus den Wörtern bilden Sie dann wieder Geschichten oder Sätze, die Sie sich leicht merken können. Zum Beispiel bedeutet der Satz «So wurde ein Deckoffizier der Buhmann aller Paviane» die Nummer 0 178 932 54 982. Der Satz hat mit einem Traum zu tun, den ich mal hatte, und die Zahl ist die Notfall-Mobilnummer meiner Analytikerin.

Das ist alles sehr praktisch.

21. Tag. Von Zsn. geträumt. Sofort meine Analytikerin angerufen.

22. Tag. Heute morgen nach London geflogen, wo die «International Mind Sports Olympiad» ausgetragen wird. Beinahe den Flug verpasst, weil ich die Taxirufnummer auswendig zu lernen vergass. Der Bus, den ich nehmen musste, hatte die Nummer 15 und hielt am Marble Arch. Leider war die richtige Bushaltestelle nicht zu finden. Durch Zufall stiess ich auf einen Plan, der verriet, dass der 15er über dem Ausgang 13 an der Haltestelle D zu finden sei. Das war leicht zu merken: Das Schwein zieht seine Strümpfe an, um an seinem Lieblingstrog den leckeren Schweinebrei zu fressen, wird aber unterwegs von einem Degen (der Griff ist wie ein D geformt, nicht wahr) erstochen.

Gute Geschichte.

Während ich, in den unterirdischen Gängen umherirrend, nach der Zahl dreizehn suchte, kommunizierten meine Hirnhälften wie verrückt.

Ein Einheimischer, den ich nach dem Bus 13 D fragte, bedauerte zutiefst, nicht weiterhelfen zu können. Ich nahm den nächstbesten Bus und kaufte einen Stadtplan. London ist eine grossartige Stadt. Und wenn man durch Gedächtnistraining so sinnlich, kreativ und geistig flexibel ist wie ich, ist es eine Stadt der Wunder.

Der grosse Tag ist da. Das Gebäude, in dem die Mind Sports Olympiad stattfindet, erinnert an ein russisches Kriegerdenkmal, dient aber gewöhnlich akademischen Zwecken.

Ein agiler Herr im weissen T-Shirt mit der knallroten Aufschrift ARBITER führt mich vorbei an Büchertischen mit Spielen, zerrauften Schachspielern, Kopfrechenprofis, Spielanleitungen und Trainingsbüchern zum Austragungsort der Gedächtnisathletik: zwei Reihen Doppeltische mit unbequemen Stühlen, vorne ein Pult mit Computer. Dort sitzt eine ebenso freundliche wie strenge Dame, die als Lady Mary vorgestellt wird und akribisch unsere Namen abhakt.

Wir sind insgesamt zwölf, die internationale Elite des Gedächtnissports. Zwei von uns sind weiblichen Geschlechts. Zwei offenkundig minderjährig. Vier ungemein normal, jung, männlich. Einer, der wie ein Genie aussieht. Einer, der wie ein Asket aussieht. Einer ist rundlich wie ein Schiffskoch und ein anderer konzentriert wie ein gewohnheitsmässiger Sieger. Sieben Europäer. Fünf Asiaten.

Der Raum knistert kaum hörbar. Die Luft flimmert vor Konzentration und raschelt vor Nüchternheit. Man darf sich, als letzte Lockerung, eine Flasche stilles Wasser bei Lady Marys Assistenten kaufen. Stärkere Getränke sowie Essen, Sprechen, Mobiltelefone und Wecker sind verboten. Jeder bekommt - mit der Druckseite nach unten - vier zusammengeklammerte Blätter Papier auf den Tisch gelegt.

In a minute, sagt der mit dem T-Shirt.

In einer Minute werden wir die Blätter umdrehen und unseren Gehirnen Leistungen an der Grenze des Menschenmöglichen abverlangen.

Mich schaudert.

Der Asket reibt sich die Schläfen. Die minderjährigen Asiaten rücken ihre Brillen zurecht. Der Siegertyp zuckt mit den Halsmuskeln. Neben mir atmet es laut.

Noch dreissig Sekunden. Drei Schiedsrichter und ein Zuschauer betrachten uns gelassen. Eine Zuschauerin betrachtet den Siegertyp.

Unsere erste Aufgabe besteht darin, uns in einer Stunde so viele Zahlen wie möglich in der richtigen Reihenfolge einzuprägen. Dann haben wir zwei Stunden Zeit, um uns zu erinnern und Zahl für Zahl in der richtigen Reihenfolge niederzuschreiben.

«Ready . . .  Go!» Haben Sie schon einmal eine Seite gesehen, die gleichmässig mit Zahlen bedruckt ist?

25 Zeilen nur Zahlen. 40 Zahlen pro Zeile. Vier Blätter davon. 4000 Zahlen. Und wer nicht genug hat, kann von Lady Mary noch mehr kriegen.

2802050350461252012281293 . . .

Ich müsste jetzt nach der Methode aus Kapitel zwölf die Zahlen in Buchstaben übertragen und aus den Buchstaben Wörter bilden und diese mit der Verknüpftechnik aus Kapitel fünf zu einer Geschichte komponieren. Das wäre die effiziente Möglichkeit. Meine Konkurrenten haben sicher für jede vierstellige Zahl schon ein Schlüsselwort parat und hetzen ihre Hirnhälften aufeinander mittels Schwalbennestersuppe, Sexorgien, Shakespeare-Dramen und was weiss ich. Fängt alles mit S an. S steht für Null.

Ich brauche aber eine Zwei. Und eine Methode, die ich bestimmt beherrsche.

Treten Sie mit mir durch eine Tür ins Freie. Es ist Sommer, es ist heiss, und Sie und ich haben Durst. Da kommt plötzlich ein Schwan (2) vorbeigelaufen, auf dessen Rücken ein Schneemann (8) sitzt. Der aber schmilzt und liegt als Pfütze am Boden (0). Der Schwan (2) sieht sich erschrocken um, stolpert und fällt ebenfalls hin (0). Das sieht derart merkwürdig aus, dass uns - Ihnen und mir - der Flaschenöffner (5) hinunterfällt. Ich bücke mich, um ihn aufzuheben, gewähre Ihnen einen Blick in mein Décolleté (3) und reiche Ihnen den Flaschenöffner . . .

So flirten wir weiter bis zum Ende der ersten Zeile, an dem Ihr Blick durch das Monokel (9) mich wie ein Pfeil (7) ins Herz trifft und alle 40 Ziffern in einer schönen und plausiblen Geschichte untergebracht sind. Wir kriegen uns, dafür sorge ich, und der Schneemann wird unser Trauzeuge sein.

In der zweiten Zeile wird es schwieriger, weil die Geschichten sich nicht ins Gehege kommen dürfen. Deshalb nehme ich die Reimmethode, in der sich Schwein auf eins reimt, zwo auf Stroh, drei auf Brei und so weiter.

Lady Mary kündigt Halbzeit an: 30 minutes left.

Der Sieger hat die Schultern hochgezogen, der Asket liegt zusammengekrümmt über seinem Blatt, und einer der kindlichen Brillenträger schaukelt sanft mit dem Oberkörper hin und her.

Es ist ganz still im Raum, die Konzentration lässt die Luft allmählich stocken und nimmt ihr die Durchsichtigkeit.

Ich verarbeite meine mentalen Rüben zu Brei, der aber niemandem schmeckt, weshalb er den Schweinen zum Frass vorgeworfen wird.

110. Wie der Polizeinotruf. Ich könnte auch einen Polizisten in meine Geschichten einbauen.

Five Minutes to go.

Was zum Teufel tue ich hier?

Der Asket ist nun völlig zusammengesunken. Der Sieger trinkt einen Schluck Wasser. Das grössere Kind ist im Gesicht völlig blank geworden. Das kleinere schaukelt immer noch.

One minute left.

Es hat keinen Sinn, noch eine Zeile anzufangen. Punkte gibt es nur für vollständige Zeilen. Bei mehr als einem Fehler allerdings gar keinen.

Stop.

Die Blätter rascheln beim Umgedrehtwerden. Ein Schiedsrichter sammelt ein. Der Zuschauer betrachtet uns beifällig, so als seien wir Affen, die rechnen können. Auf den Antwortbögen befinden sich nur leere Kästchen, in die ich meine Schwäne, Schneemänner, Flaschenöffner und Décolletés schreibe.

Mich überfällt dasselbe Gefühl wie einst in der Schule, wenn ich zufällig etwas gefragt wurde, was ich konnte.

Wer fertig ist, darf raus. Draussen wird gefachsimpelt, so von Hirnakrobat zu Hirnakrobat. Die beiden genialen Kinder, Zöglinge von Professor Yip, der allseits mit grosser Ehrerbietung behandelt wird, haben sich anderthalb Seiten gemerkt: 1500 Zahlen. Sie seien seine Meisterschüler, sagt der Professor stolz. Ihr erster internationaler Wettbewerb.

Er selbst? Ach, schon viele, viele. Mit lächelnder Bescheidenheit. Und mit einer Verbeugung: I memorized the Oxford Dictionary! Fünfeinhalb Monate habe er gebraucht.

T., das einzige weibliche Wesen ausser Lady Mary und mir, reicht mir ihre Businesscard mit dem Aufdruck «super brain» und lädt mich nach Jakarta ein, damit ich dort ihre innovativen Lehrmethoden kennenlerne.

Ich bin ein wenig eingeschüchtert, bis ich mich daran erinnere, dass ich sinnlich, flexibel, kreativ und assoziationsfähig bin.

Und wieder heisst es «ready, go». Die nächste Aufgabe ist das Spezialgebiet des Genies, das trotz den feuchtheissen Temperaturen mit Filzhut, kurzen Hosen und Wanderschuhen erschienen ist. Wir sollen in fünfzehn Minuten zwei Gedichte auswendig lernen, von denen eins wie schlechter Shakespeare klingt und von einem unbekannten Gedächtnistheoretiker auf Elisabethanisch gedichtet wurde.

Der heitere B. bewegt lächelnd die Lippen.

Der wohlwollende Zuschauer freut sich, dass die Affen auch lesen können.

Das Genie ist wie erwartet zuerst fertig. Es wird am Schluss die Bronzemedaille bekommen. Gold geht an Professor Yip und Silber an eins der Kinder. Wir anderen wissen, dass Mitmachen wichtiger ist als Siegen.

Ich werde zum Schluss immerhin Zehnte. Den Platz verdanke ich meiner Kunstfertigkeit im Wörtermerken. Reihenweise unzusammenhängende Begriffe? Kein Problem: Unzusammenhängendes gibt es für mich nicht mehr. Ich bin kreativ und flexibel. Und sinnlich. Englische Wörter, die ich nicht kenne, erhebe ich zu Vornamen von schönen, wohlriechenden Menschen. Ansonsten: Rakete, Lilie, niemals, Gnu - alles kein Problem.

Bloss: Wer oder was ist A. W.?

Katharina Döbler, freie Journalistin, lebt in Berlin.


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