SIE SIND bis zu zweihundert Kilogramm schwer und gegen zwei Meter lang. Und trotzdem sieht man sie meist nicht: die Wildschweine. Um so deutlicher aber sind die Schäden, welche die Biester den Landwirten bescheren. Eine Wildschweinrotte kann mit ihren muskulösen Rüsseln auf der Suche nach Mäusen, Regenwürmern und Insektenlarven eine Wiese förmlich umpflügen. Den Tieren genügt schon eine einzige Nacht, um ein Maisfeld auszulöschen. So bemerkte man in den siebziger Jahren die starke Zunahme von Schwarzwild in der Schweiz erst, als sich an den Kulturen immer grössere Schäden zeigten.
In neuerer Zeit macht auch die technisierte Zivilisation Bekanntschaft mit den urtümlichen Viechern. So im Herbst 1993, als Wildsauen im Kanton Schaffhausen innert 48 Stunden fünf Autounfälle verursachten. Nur Wochen später warfen die kräftigen Schwarzen die Lokomotive des Regionalzuges Basel-Frick aus den Schienen. Sus scrofa, das europäisch-asiatische Wildschwein, war schon in der letzten Zwischeneiszeit vor 100 000 Jahren in unseren Eichenmischwäldern daheim. In der Steinzeit, nachdem die Gletscher einmal mehr dem Laubwald Platz gemacht hatten, wurde das Wildschwein zur bevorzugten Beute der Höhlenmenschen. Vor 7000 Jahren machten die ersten Ackerbauern dann aus Schwarzwild zahme Hausschweine. Da die Wildform aber bereits den frühen Bauern die Äcker plünderte, geriet sie immer stärker unter Jagddruck. Doch die Wildschweine sind nicht nur enorm fruchtbar - ein Bestand kann sich in einem Jahr verdreifachen -, sondern auch intelligent und schlau, was den Tieren das Überleben trotz Pfeilen und Kugeln ermöglichte.
Erst die Zerstörung der Wälder in der Neuzeit schien das Wildschwein aus Mitteleuropa verdrängt zu haben. Kaum aber forstete man im 19. Jahrhundert das Ödland wieder auf, tauchten wie aus dem Nichts einmal mehr die borstigen Plagegeister auf. Die dichtbesiedelte Schweiz war den Wildschweinen jedoch zu unruhig, und bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nur vereinzelte Tiere erlegt. Ab 1946 aber kam es vom Schwarzwald her und aus dem französischen Jura zu immer häufigeren Wildschweinbesuchen. Das Schwarzwild hatte in den Kriegsgebieten von der Abwesenheit der Jägerschaft profitiert. Und als die deutschen Jäger ihre Flinten den Besatzungsmächten abliefern mussten, stand der grossen Wildschweinvermehrung nichts mehr im Weg. Vor allem der Kanton Schaffhausen und die Waadt wurden zu bevorzugten Schwarzwildgebieten; die Tiere durchschwammen auf dem Weg zu weiteren Revieren sogar Flüsse wie den Rhein oder die Aare.
Zum Problem wurde das neue Wild jedoch erst, als die Bauern in den siebziger Jahren den Maisanbau forcierten, denn Wildschweine sind ganz närrisch nach dieser Frucht. Die Statistikkurven der Maisanbauflächen in der Schweiz und der Wildschwein-Abschusszahlen verlaufen praktisch parallel: 9000 Hektaren Mais und 65 Abschüsse im Jahre 1965, 47 000 Hektaren und 489 Abschüsse 1975. Und als sich mit neuen, frühreifen Sorten der Maisanbau auch auf die höher gelegenen Gebiete entlang dem Jurabogen ausdehnte, waren die Borstentiere im Paradies. In den achtziger Jahren entdeckten auch die italienischen Wildschweine das Reiseland Schweiz und fanden in den vernachlässigten Tessiner Kastanienwäldern reichlich Futter und Unterschlupf. Über den derzeitigen Wildschweinbestand in der Schweiz lässt sich nur spekulieren: vermutlich zwischen 3000 und 6000 Tiere sind es.
1993 erreichte die Jagdstrecke mit 2311 erlegten Wildschweinen einen neuen Rekord. Dabei ist die Jagd alles andere als leicht. Ursprünglich Kinder der Sonne - die kleinen Äuglein im mächtigen Kopf zeigen es deutlich -, verlegten die Tiere aus Furcht vor dem Jäger ihre Aktivität immer mehr in den Schutz der Nacht. Das Maisfeld hat nun aber den ursprünglichen Waldbewohnern nicht nur eine neue Leibspeise, sondern mit dem dichten Stengelwald auch hervorragende Deckung gebracht. Wildsauen bauen im Maisfeld sogar ihre Wurfkessel, wo sie nach einer Tragzeit von 115 Tagen im Frühsommer zwei bis acht Frischlinge zur Welt bringen. So toll es die Sauen im Mais auch treiben, den Rand des Feldes halten sie sorgsam intakt. Der Bauer merkt deshalb die Bescherung oftmals erst bei der Ernte.
Die wachsenden Kosten - im Jahre 1992 zahlten Staat und Jagdpächter den Bauern für Wildschweinschäden über eine Million Franken - verstärkten den Ruf nach Intensivierung der Jagd. Erst kürzlich machten sich im Aargau zweihundert Jäger mit hechelnden Hunden zum grossen Sauen-Halali auf den Weg. Um schliesslich mit einem einzigen armseligen 50-Kilo-Schwein heimzukehren. Dass die Wildsau den Jäger nervt, gehört geradezu zur Jagdtradition. Nicht selten kann der Waidmann die Sauen förmlich riechen; zu sehen bekommt er sie nicht. Urplötzlich rast die Rotte wie ein Dampfzug doch noch aus dem Versteck. Der schnelle Schuss trifft dann nicht selten das vorderste Tier. Dies aber ist immer die Leitbache.
Eine Wildschweinrotte ist ein Matriarchat mit Sauen aus gleicher mütterlicher Abstammung und ihrer Kinderschar. Die Männchen werden bei Geschlechtsreife aus der Rotte vertrieben und tauchen jeweils nur wieder auf, wenn die Leitbache und synchron mit ihr alle andern Weibchen rauschig geworden sind. Wird nun die Leitbache weggeschossen, zerfällt der Verband. Da die Tiere jetzt nicht mehr zu den vertrauten Frassplätzen im Wald geführt werden, richten sie in den landwirtschaftlichen Kulturen ein Vielfaches des üblichen Schadens an.
Um das Risiko, eine führende Bache zu treffen, möglichst klein zu halten, gehen bei uns die Wildschweinjäger nur noch selten auf Treibjagd, sondern warten geduldig auf dem Ansitz. Was die Bejagung der Tiere, die zwar schlecht sehen, dafür aber ausgezeichnet hören und riechen, nicht einfacher macht. Die Jäger erreichen die nötigen Abschusszahlen heute im Kanton Zürich nur, indem ihnen verbotene Methoden wie die Nachtjagd und die Verwendung künstlicher Lichtquellen ausnahmsweise bewilligt werden.
Mittlerweile hat man auch eingesehen, dass sich der Mensch mit dem Schwarzwild arrangieren muss. Dies um so eher, als das Wildschwein nicht nur immer Schaden anrichtet. Neue Erkenntnisse über den ökologischen Nutzen der Wildschweine haben wir insbesondere dem ostdeutschen Amateurforscher Heinz Meynhardt und dem Schweizer Zoologen Marco Baettig zu verdanken.
Die Borstentiere durchlüften mit dem ständigen Wühlen den Waldboden und fördern so die natürliche Waldverjüngung. Indem sie Insektenlarven und Feldmäuse ausbuddeln, mindern sie zudem das Schädlingspotential. Die Tierbeobachtungen haben ferner ein sehr subtiles Verhalten und ein geradezu liebenswürdiges Sozialleben gezeigt. Es lassen sich bis zu zehn verschiedene Grunzlaute unterscheiden, mit denen die Tiere Wohlbehagen und Kontaktfreude, aber auch Hunger, Angst oder Rauflust ausdrücken. Trotz ihrer Gefrässigkeit gehen die Wildschweine mit der Nahrung äusserst subtil um: Eicheln werden erst mit Zunge und Zähnen säuberlich enthülst. Und frisch ausgesäten Mais stechen die Tiere Korn um Korn aus dem Grund, ohne auch nur ein Krümchen Erde mitzufressen. Vorbildlich ist ebenfalls die Körperpflege. Mit häufigen Schlammbädern und anschliessendem Reiben an Bäumen wird die Schwarte gereinigt. Hartnäckige Zecken und Schweineläuse knabbern sich die Tiere gegenseitig aus dem Borstenkleid. Meynhardt hat beobachtet, wie sich die Frischlinge einer Rotte hintereinander auf den Boden legten und die Leitbache dann einen nach dem andern putzte, wobei sie für die zwei Dutzend Pfleglinge zwei Stunden aufwendete.
Baettig hat Methoden entwickelt, wie man die Felder vor dem Schwarzwild schützt und die Tiere wieder vermehrt an den Wald bindet. Da überlieferte Tricks wie Schweisssocken, ausgelegte Menschenhaare oder Dosen, gefüllt mit Urin, den intelligenten Tieren keine Angst mehr machen, braucht man jetzt moderne Mittel. So lässt sich der verlockende Geruch der Maiskörner vor dem Säen mit Teerfarbe kaschieren. Elektrozäune mit bis zu drei Drähten in unterschiedlicher Höhe und mindestens 4000 Volt Spannung sind der wohl wirksamste technische Schutz. Aber auch Blinklampen oder der Lärm eines Transistorradios in einem umgestülpten Blechfass mit häufig wechselndem Programm sollen sich bewährt haben.
Noch besser aber ist, den Wald für die Wildschweine attraktiver zu machen. In Waldlichtungen angelegte kleine Maisäcker, vergrabene Hühnerköpfe, unter Ästen und Steinen versteckte Früchte oder Getreidekörner sollen als Ablenkfütterung die Rotten an bestimmte Frassplätze im Wald gewöhnen und die Tiere intensiv beschäftigen. Der Hit in den Wäldern des Zürcher Unterlandes sind zurzeit mit Maiskörnern gefüllte Fässer. Sie entlassen ihre leckere Fracht durch kleine Löcher in der Fasswand körnchenweise - aber nur, wenn die Sauen die Fässer bewegen. So schubsen die Tiere nun stundenlang die verheissungsvollen Blechdinger durch den nächtlichen Wald. Und scheinen dabei in der Tat zu vergessen, dass draussen auf den Feldern der Mais in langen Reihen steht.