NZZ Folio 08/92 - Thema: USA Asheville   Inhaltsverzeichnis

An American Dream

Asheville und seine Erfinder.

Von Peter Haffner

Es ist alles ein bisschen zu gross in Asheville. Im Zentrum am Pack Square stehen die Wahrzeichen der Stadt, die City Hall und das County Building, wie ausgeliehen: als hätte die Kleinstadt nur mal sehen wollen, wie es wäre, eine Metropole zu sein. Sie nennt sich gerne «grösste Stadt in Western North Carolina», was den 62 000 Bürgern etwas vom Ruf bewahren hilft, der ihr einst vorausging, und den sie, nach einem halben Jahrhundert der Stagnation, wieder einzuholen trachtet. Als 1928 die beiden Verwaltungsgebäude fertiggestellt wurden, war Asheville boomtown, das «Miami Beach der Berge». Die Reichen waren gekommen und hatten gebaut, einer grösser als der andere und jeder, wenn nicht geschmack-, so doch prunkvoll; Stein gewordene Kontoauszüge, die die Depression überlebt haben, in die Asheville 1930 um so tiefer stürzte. Dabei hatte man gerade den Bau eines Flugplatzes in Angriff genommen.

Die Stadt rüstete für eine halbe Million Einwohner und mochte darin nicht kleinlich sein. Für die City Hall holte man einen Architekten aus Florida, Douglas D. Ellington, der sich in Paris vom Art-déco-Stil hatte bezaubern lassen und nun Asheville damit dekorierte; acht Stockwerke hoch, aus blassrosa Marmor, wird das Stadthaus gekrönt von einem achteckigen, rosa- und grünfarbenen Ziegeldach, das einmal mit einer heimischen Rhododendronblüte, dann wieder mit der Bergsilhouette der Great Smoky Mountains verglichen wird, vor deren Kulisse Asheville steht, als schaue es sich selber über die Schulter. Dort, draussen im Land, war man von Ellingtons Art-déco-Stück wenig entzückt gewesen und hatte ihm den Auftrag für das der City Hall benachbarte County Building, das die Zwillingstorte vollendet hätte, entzogen. Was schliesslich erstellt wurde, war maskuliner und puritanischer und mehr dem Geist der Leute nachempfunden, die noch heute als mountain people, als Bergler, bezeichnet werden.

Wer nach Asheville kam in den goldenen zwanziger Jahren und davor, brachte seinen Traum mit, sein Stück jenes american dream, der nie ausgeträumt ist. Roger McGuire, der vor zwölf Jahren zuzog, ist der vorläufig letzte einer Reihe von outsiders, die ihren Traum hier wahr gemacht haben. Bei einem Lunch im lokalen Rotary Club waren wir zugegen, als er seine «Vision for Asheville» vor einem hemdsärmeligen Publikum aus mehr oder minder Einheimischen ausbreitete. Man trug tellergrosse Buttons mit den Insignien des Clubs, dem fettgedruckten Vornamen und der Berufsangabe, hatte sich aus grossen Stahlblechschalen mit Poulet, Erbsen, Karotten und Salat bedient, hatte, die rechte Hand am Herzen, die Nationalhymne gesungen und gebetet, wie die Kinder beten - mit einem praktikablen, handfesten Wunschzettel für den lieben Gott -, und hörte nun zu, was Roger vorzuschlagen hatte. Roger berichtete, woher er kommt, Des Moines, Iowa, und wo er überall gelebt hat, Dallas, Chicago, Detroit, Birmingham, und dass er und seine Frau Pat nun in Asheville den Rest ihres Lebens verbringen möchten. In der schönsten Kleinstadt Amerikas. Denn das würde sie ganz bestimmt werden, wenn sie . . .

Roger ist ein offener Mensch. Und er hat Geschmack und Geld, so dass immer die Wahl bleibt, wovon man sich beeindrucken lassen will. Jüngst ist er «Citizen of the Year» geworden. In seinem Apartment im Stadtzentrum an der Haywood Street erzählt er, wie es dazu kam. Die Wohnung hat Stil, viel moderne Kunst hängt an den Wänden, aber die Räume haben etwas von der Leblosigkeit luxuriöser Hotelzimmer. Die McGuires sind nur da, wenn sie in der Stadt zu tun haben. Zehn Meilen ausserhalb steht ihre Farm. Roger züchtet Schafe, und man kann auch im Anzug von klassischer Eleganz den Mann erkennen, der weiss, wie Hand anlegen. Asheville ist sein zweites Hobby.

Roger war stellvertretender Geschäftsführer des «Southern Living Magazine», einer Monatszeitschrift in Millionenauflage für den Lebensstil des modernen reichen Südens. Einer Diabetes wegen hat er mit 51 aufgeben müssen, und an die Küste zu ziehen, Bridge zu spielen und sich an Parties zu langweilen, hatte er keine Lust. So kam ihm gelegen, dass sein Blatt bald nach seinem Rückzug von Time Inc. aufgekauft wurde und er mehr Bares hatte, als er sich je hätte träumen lassen. Sein dream hatte Boden unter die Füsse bekommen. «Wir investierten zwei Millionen Dollar in Downtown», sagt er, «und das gab unseren Interessen in der Öffentlichkeit mehr Gewicht.» Roger kaufte zwei Häuser in der Haywood Street, die er von seinem Schwiegersohn Jim in Eigentumswohnungen unterteilen liess. Daran wäre nichts Besonderes, wäre Asheville nicht die kleine Gernegrossstadt, die 1976 erst die Schulden aus dem Börsenkrach von 1930 beglichen, die letzte Schuldverschreibung feierlich verbrannt hat. Man hatte sich der höchste Pro-Kopf-Verschuldung ganz Amerikas rühmen müssen und mangels Kapitals nichts mehr investiert, nichts renoviert. Das half die architektonischen Schätze des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die andernorts dem Zeitgeist zum Opfer fielen, zu bewahren. Die Stadt wurde eingepökelt, die alten Fassaden hinter Aludekors versteckt. Nun, da man sich eines besseren besinnt, reisst man diese wieder herunter. - Roger hat einiges für das Facelifting der Stadt getan. Und er hat mitgeholfen zu verhindern, dass die halbe Innenstadt im Modernisierungswahn der achtziger Jahre planiert und einem Einkaufszentrum geopfert wurde. Aber noch immer steht Ramponiertes neben Renoviertem, und man weiss manchmal nicht so recht, wenn man durch die Strassen streift, was nun ghost city von damals ist und was von neuem Geist - und Geld - zeugt. Die Erinnerung an die Depression, sagt Roger, sitze den Bürgern tief in den Knochen. Man hat den Erfolg fürchten gelernt.

Roger McGuires Interessen sind nur am Rande geschäftlicher Natur. Er ist die treibende Kraft hinter einem Kulturpalast am Pack Square, der eben seine Tore geöffnet hat. Das Pack Place Education, Arts & Science Center, ein 14,6-Millionen-Dollar-Bau im Herzen der Stadt mit Museen, Theater und Veranstaltungsräumen, ist zu fast zwei Dritteln privat finanziert worden. Es soll Asheville in eine Zukunft führen, die der Vergangenheit würdig ist, als die Touristen von überall her in diesen Garten Eden strömten, um sich im Glanz der Reichen und Reichsten zu sonnen.

Der Allerreichste ist immer noch da. Hinter der abweisenden Glasfront des Biltmore Building, eines Werks von I. M. Pei, in der sich Rogers Kulturzentrum spiegelt, sitzt Bill Cecil, ein Mann, von dem es heisst, dass er etwas rüde werden kann, wenn man ihn um Geld anpumpt. Roger und Bill Freunde zu nennen käme niemandem in den Sinn. Bill hält nichts vom Kulturkram, der nur Geld kostet und nichts einträgt. Im Country Club, einer ziemlich grosszügigen Anhäufung von Komfort rund um einen Golfplatz, sind wir ihm begegnet. Bill ist nicht der Mann, der auf Fragen wartet, aber nach den zehn Minuten, die er redete, wussten wir, dass er auch nicht der Mann ist, der einen Cent ausgibt, ohne zwei zurückzubekommen. Man nennt ihn den «Lord von Asheville», aber viel Britisches ist nicht an ihm, dem Enkel von George Washington Vanderbilt, dessen Tochter in den englischen Adel eingeheiratet hatte.

Vanderbilt war 1887 nach Asheville gekommen. Er war der Erbe einer Dynastie von Schiffs- und Eisenbahnmagnaten, polyglott, gereist, gebildet und vollauf damit beschäftigt, das Geld auszugeben, das seine Vorfahren niederländischen Ursprungs in Amerika gescheffelt hatten. In Frankreich hatte er Gefallen gefunden an den Schlössern der Loire; und im Alter von 26 und noch Junggeselle, gedachte er sich in genau so einem Schloss niederzulassen - in Amerika. Richard Morris Hunt stellte ihm die 255 Zimmer im Renaissance-Stil hin, und Frederick Law Olmsted, der den Central Park in New York geplant hatte, gestaltete den passenden Umschwung, während der Hausherr die fünfjährige Bauzeit für Einkäufe rund um den Globus nutzte, um das «grösste Privathaus Nordamerikas» zu füllen - 50 000 Objekte, ein Sammelsurium von allem, was alt und teuer ist, wie schamlosem fake. Man taumelt durch die Räume, vorbei an flämischen Gobelins (echt) und Kirchenorgelattrappen (gross), in der steten Erwartung, irgendwo noch auf den Geldspeicher zu stossen, in dem Dagobert Duck zu baden pflegte.

Der Schatz ist in Familienbesitz, und Bill Cecil sieht zu, dass das Erbe des «Emperor» sich nicht mindert. Für 21.95 Dollar lässt er Grossvaters Heim besichtigen, 700 000mal im Jahr klingelt die Kasse. - Dem Erbauer von Biltmore House folgten junge Architekten auf dem Fuss, Handwerker, Künstler aus Europa, die Asheville zu dem machten, was es ist: ein Tribut an die outsiders.

In eine Mulde zwischen die Höhenzüge des Blue Ridge und die Great Smoky Mountains, Ketten der Apalachen, gebettet, abgeschnitten von der Atlantikküste, ist der Flecken spät von der Welt zur Kenntnis genommen worden. Es war das Land der Cherokees, geformt von den Schwingen eines Adlers, der sanfte Täler schlug, wenn er abhob, um auf dem nächsten Gipfel zwischenzulanden und weiterzufliegen. Man hat ihn schliesslich hindern müssen, die ganze Welt nach diesem Muster umzupflügen. Die bewaldeten Berge, kaum je höher als 2000 Meter, ziehen sich endlos hin und machen die Gegend schwer zugänglich.

Asheville liegt etwas über 700 Meter hoch auf dem Plateau, wo der French Broad River mit dem Swannanoa River zusammenfliesst, und war anfangs nicht mehr als eine Kreuzung von Indianerpfaden, die von Siedlern ausgeweitet wurden. Der Grenzposten der Zivilisation, deren erste Zeichen Gerichtsgebäude und Gefängnis waren, erhielt 1797 offiziellen Status und Namen, und als man Jahrzehnte später die Kuhwege pflasterte, hatte man ein richtiges Städtchen. Aber erst, als am 2. Oktober 1880 der erste Eisenbahnzug einfuhr, ging es richtig los. Innert knapp eines Jahrzehnts vervierfachte sich die Bevölkerung auf etwas über 10 000. Eine Strassenbahn wurde gebaut und 1886 mit dem Battery Park Hotel das erste Luxusetablissement eröffnet. Mit den Sommerfrischlern aus dem heissen Süden, die samt Dienern und Hausrat anzurücken pflegten, schwoll die Bevölkerungszahl auf 30 000 an. Und wie damals strömen auch heute im Herbst die autumn leaf watchers herbei und stehen und staunen, wie sich die Wälder verfärben.

Im Bürgerkrieg war Asheville der letzte Hort der Konföderierten gewesen. Die Schlacht von Asheville vom 6. April 1865 hatte man indes auf beiden Seiten mit so wenig Überzeugung geschlagen, dass nach über fünfstündiger Dauer unter den tausend Helden kein einziger Toter zu beklagen war. Doch Asheville war nach dem Sieg der Sklavenbefreier erneut isoliert.

Dann kamen sie auf den frisch verlegten Schienen, die boomers and sooners, Kapitalisten und Spekulanten, Abenteurer und Touristen, Invalide und Kranke, die im kühltrockenen Höhenklima Erholung und Genesung von Asthma oder Lungentuberkulose suchten. Aus dem Asheville der Viehtreiber und Schweinehändler, die sich in «Madam Swell's House» vergnügt hatten, wurde der Urlaubsort, das Gesundheits- und Therapiezentrum der Vornehmen. Und aus jedem Schuhputzboy ein Immobilienhai. Thomas Wolfe, der grosse Sohn der Stadt, hat in «Look Homeward, Angel» (1929) dieses «Altamont» beschrieben; das Asheville im Fieber der Bodenspekulation und des schnellen Dollars, von dem er im postum erschienenen «You Can't Go Home Again» Abschied nimmt. Die Bürger, die sich zur Kenntlichkeit entstellt fanden, waren dem über Nacht weltberühmt gewordenen Autor so gram, dass er sich sieben Jahre nicht mehr in Asheville zu zeigen getraute. Als er wiederkam, feierten sie den Klassiker der amerikanischen Literatur und ihren Heimatstolz, dessen Kränkung nur noch empfand, wer hatte feststellen müssen, dass er in Toms Buch nicht vorkam. - Am Pack Square, Wolfes «Zentrum des Universums», handelte sein Vater mit Grabsteinen. Fünf Fussminuten entfernt steht «Old Kentucky Home», die Pension für Gäste mit bescheidenem Budget, die seine Mutter geführt hat, das «Dixieland» des Buches. F. Scott Fitzgerald, der im postmondänen Asheville der dreissiger Jahre im Luxushotel Grove Park Inn residierte, Ginflaschen leerte und dem erlag, was die Amerikaner womanizing nennen, wies sie die Tür. «I don't rent to drunks», soll sie dem Manne gesagt haben, der die Stadtbibliothek mit zwei Exemplaren des Buches ihres Sohnes versorgte, weil diese sich geweigert hatte, es anzuschaffen. Die Pension, ein weisslackierter Holzbau von planlos wirkendem Äusseren, ist eines der ältesten erhaltenen Häuser (1880) der Innenstadt. Als Thomas Wolfe Memorial birgt es noch den ganzen Hausrat der chaotischen Familie Wolfe alias Gant.

Das Asheville Thomas Wolfes, eine Stadt der Luxushotels, Kurhäuser und Pensionen, war die Domäne der outsiders geworden. Es waren Männer wie George Willis Pack, der Baulöwe und Wohltäter aus Cleveland, oder Edwin Wiley Grove, die sie nach ihren Plänen neu erschufen.

Grove, ein Pharmazieunternehmer aus St. Louis, hatte sein Vermögen mit dem Verkauf von geschmacklosem Chinin gemacht und war 1897 nach Asheville gereist, um seine Bronchien zu kurieren. Dann beschloss er zu bauen. Da er keinen Architekten fand, der seinen Plänen Genüge tun mochte, liess er den in Fachfragen unbelasteten Schwiegersohn in 11 Monaten und 27 Tagen das Werk tun - Grove Park Inn, 1913 fertig, ein rustikales Riesenhotel aus tonnenschweren heimischen Granitblöcken, erschien schon einem Zeitgenossen als «Delirium eines Steinmetzen». Das Ding, in dessen Cheminées man ganze Wälder verfeuern konnte, wird heute eingeklammert von zwei Anbauten, die gleich überdimensionierten Krebsscheren dafür sorgen, dass sich der Golfplatz nicht aus dem Staube macht.

Grove Park Inn war der Beginn eines ruhmreichen Unternehmens, das mit dem Bau der Grove Arcade, der ersten shopping mall, ein frühes Ende fand. Was erstellt wurde, blieb leer, und der Tower, der von der Pracht des Potentaten hätte zeugen sollen, wurde nie errichtet. Man hatte auf Pump gelebt, nun war man bankrott.

Pack, der 1880 der Gesundheit seiner Frau wegen nach Asheville kam, im besten Hotel residierte und sich das fehlende Badezimmer gleich einbauen liess, brachte es zu einer Kunstfertigkeit im Geldausgeben, deren Spuren so sichtbar blieben, wie sich ihr Verursacher bedeckt hielt. Er stiftete das Monument für den hiesigen Gouverneur und Senator Vance im Stadtzentrum, eine öffentliche Bibliothek, Parks, Kindergärten, Spielplätze für Schulen und sorgte dafür, dass die einheimischen Farmer mit ihren Ochsenkarren vom Platz, der nun seinen Namen trug, ferngehalten wurden; er wies ihnen einen andern zu. Auch das Gerichtsgebäude, entschied er, müsse anderswohin; und es kam anderswohin. Pack war so klug, die Stadt stets jenen Restbetrag zahlen zu lassen, der ihr das Gefühl gab, aus eigenem Antrieb gehandelt, abgerissen und aufgebaut zu haben. - Die Einheimischen, Einwanderer meist schottischen oder irischen Ursprungs (nicht wenige gälische Namen finden sich auf der Landkarte), verfolgten die Entwicklung mit der Reserve von Leuten, die der Presbyterianismus gelehrt hat, im Willen der Mächtigen den Gottes zu achten. So kam es weniger zu Konflikten als zu einem Auseinanderleben. Da, im Norden der Stadt, in lauschigen Lichtungen und auf waldigen Hügeln, kamen die Villen der Neureichen zu stehen, und dort, in den Talsohlen und entlang der Highways im Süden, Westen und Osten, die Häuser der Hinterwäldler.

Am Flohmarkt kann man sie antreffen, die mountaineers. In Nachbarschaft der fensterlosen malls, jener Einkaufszentren, in denen man alles bekommt und nirgendwo ist, bieten Stände mit Gebraucht- und Neuwaren T-Shirts, billige Kosmetik, Autozubehör und Kitsch feil. Die Männer tragen Cowboyhüte und Stiefel, stemmen Bäuche so dick wie die Reifen ihrer geparkten Autos, spucken auf den Boden und haben den wiegenden Gang derer, deren Waffen nicht die Worte sind. Was zu kaufen ist, ist grellbunt, falsch und aus Plastic, und noch die Äpfel glänzen, als hätte sie Schneewittchens Stiefmutter persönlich poliert.

Und man begegnet ihm wieder, dem Bergvolk vom Flohmarkt, wenn in der Tiefgarage des Asheville Civic Center, in dem das städtische Sinfonieorchester seine Bühne hat, am Wochenende eine gun show stattfindet. Eintritt vier Dollar. Manch einer hat sein Gewehr geschultert, schlendert von Stand zu Stand durch die von Waffenölduft geschwängerte Halle, hält da und dort prüfend eine Flinte an die Wange und lässt einen hoffen, von all den Packen Munition, die auf den Ladentischen gestapelt sind, sei keiner angebrochen. Es gibt nichts, was nicht zu kaufen wäre, von israelischen Uzi-Maschinenpistolen über SS-Stahlhelme bis zum Tranchiermesser für Kannibalen, und Bücher in den Auslagen tragen Titel von der Sorte «How To Become A Terrorist» oder «The Most Spectacular Killing Events». Dann räumen sie das Feld, die Einheimischen, bewaffnet wie sie sind, und überlassen die Stadt den Fremden.

Es war an einer Wahlparty bei Cocktails und Häppchen in Rogers Apartment, als uns das Gefühl beschlich, in Asheville in einen Freizeitpark für Frührentner gekommen zu sein. Ein Joe - oder hiess er Jim? -, der sich unlängst seines Kleiderbusiness in New York entledigt hatte, gab, ohne dass man ihn danach hätte zu fragen brauchen, Auskunft, warum und wie er nach Asheville gekommen war: eines Tages um genau 4 Uhr 30 morgens. Noch bevor die Sonne hinter dem Horizont der blauen Berge verschwand, hätte er seine Frau per Telefon wissen lassen: «Honey, wir haben ein Haus in Asheville gekauft!» - «Ypeeh!» habe sie gerufen, und nun sind sie hier, strahlend, mit jener hemmungslosen Begeisterung, die wir so sehr belächeln wie beneiden im alten, müden Europa. Joe nippt an seinem Glas und freut sich der eigenen Geschichte, als hätte er Amerika wiederentdeckt. Asheville, das ist nicht nur seinen Ausführungen zu entnehmen, ist eine Un-Stadt - un-verschmutzt, un-überbevölkert, un-pressiert. Aber sie hat alles, was eine Stadt zur solchen macht - ein eigenes Sinfonieorchester, Galerien und Museen, Theater. Wer zuzieht, sorgt dafür, dass für ihn gesorgt wird. Und so kommen sie, die Joes und Jims, Rons und Chucks mit ihren Frauen frisch wie Teenager und machen, früh pensioniert, geschäftserfahren und lebensfroh, Betrieb. Mit 42 ist das Durchschnittsalter in Asheville nahezu doppelt so hoch wie in der Umgebung. Für die Neuankömmlinge - und für die Touristen - wird Ashevilles Downtown revitalisiert, für sie sind all die Shops, Boutiquen und Galerien da, die in der Wall Street den Charme europäischer Einkaufsstrassen imitieren und einem alles zu kaufen erlauben, was überflüssig ist. Aber in der ganzen Innenstadt ist keine Banane aufzutreiben, kein Laden zu finden für gewöhnliche Bedarfsartikel, sieht man einmal von der verstaubten Woolworth-Filiale ab, der Schliessung droht. Nach fünf Uhr sind die Strassen leer. So übt man sich in Ritualen, die darüber hinwegtäuschen, dass der Alltag in Downtown (bei 820 Einwohnern) tot ist, stellt ein Fest nach dem anderen auf die Beine - Bele Chere, First Night, Shindig-on-the-Green und wie sie alle heissen -, lockt damit jährlich über eine Million Touristen und gestaltet zu deren Gefallen noch die Parkgaragen so, dass man sie leicht mit Kirchen verwechselt.

Downtown ist nicht Asheville. Es gibt andere Ashevilles: das Asheville der armseligen Hütten und Baracken von «Chicken Hill», das Asheville der Mobile Homes und der Highways mit den McDonalds, Pizza Huts und Captain D's, das Asheville der Tankstellen und Motels und des Gewirrs von Reklametafeln, an dem einem auffällt, dass alles immer gleich ist.

Downtown aber ist unverwechselbar. Da ist alles zu Fuss zu erreichen. «In einer halben Stunde hat man es gesehen», sagt Jim Daniels, der das als Vorteil taxiert, weil dann Zeit für Vernünftigeres bleibt. Jim ist seit 1952 hier. Er führt das Druckereiunternehmen des Vaters weiter und hat die Wände seines Büros mit awards tapeziert, Auszeichnungen, die die Amerikaner so frei zu vergeben wie freudig zu erhalten scheinen. Vernünftig sind für Jim Geschäfte. Er, «Mr. Downtown», will im Zentrum Büros. Es sieht keinen Sinn darin, jeden Backsteinbruch zu erhalten, bloss weil er alt ist. Aber Jim, der die Wörter so knapp und rasch ausstösst, als müsste er eine Viehherde zusammentreiben, ist auch ein Kulturmensch. Er steht hinter dem Bele-Chere-Festival, das jeden Sommer Hunderttausende anzieht, die Geld liegenlassen und wieder verschwinden. Beides zählt.

Wir hatten Jim am Arts Council Dinner kennengelernt, der jährlichen Veranstaltung der Leute, die etwas in der Tasche und etwas zu sagen haben. Hier wird fund raising gemacht, Geld gesammelt für kulturelle Zwecke - damit das begabte Sinfonieorchester am Leben und der etwas zu begabte Dirigent bei ihm bleibt, für Rogers Pack Place und die Mineraliensammlung und was immer das kleine Asheville gross macht. Das Dinner für 75 Dollar pro Person ging im besten Restaurant über die Bühne, und wiewohl die Herren alle die gleichen dunklen Anzüge trugen, um die Abendkleider ihrer Gattinnen zur Geltung zu bringen, war ihnen anzusehen, woher sie stammen, ob von hier oder von anderswo. Eine etwas ländlich wirkende Dame um die vierzig versicherte schüchtern, Zugereiste seien so normal wie sie selber, und mochte keinerlei Wesensunterschiede ausmachen, während ihr Mann dasass und schwieg und sich in seinem Anzug so wohl zu fühlen schien wie eine Sonnenblume in einer Ming-Vase. Über 60 000 Dollar kamen zusammen an diesem Abend. 140 000 Dollar ist das Jahresziel, dann wird verteilt. Fund raising ist in einem Land, das die private Initiative immer der staatlichen Futterkrippe vorgezogen hat, weniger lästige Pflicht (und natürlich Steuertrick) als ein Gesellschaftsspiel. Wer nicht mit von der Partie ist, muss schon über andere Mittel verfügen, wenn er Einfluss nehmen will.

Dogwood ist so einer. Dogwood kam von aussen, millionenschwer und anonym, ein Mann, der sich Berkeleys non videri sed esse - nicht gesehen werden, sondern sein - zur Maxime gemacht zu haben schien. Denn Dogwood heisst nicht Dogwood. Hinter dem Namen der Stiftung steckt ein Mann, von dem man lange in Asheville nicht viel mehr wusste, als dass er Geld ausgibt wie einst Pack, der Baulöwe - da 100 000 Dollar, dort eine Million; und stets für kulturelle, zumeist alternative Zwecke. Hinter Dogwood musste so etwas wie ein schwerreicher Späthippie stecken. Der zeigte sich nicht in der Öffentlichkeit, nicht an Parties wie dem Arts Council Dinner, aber die Art, wie die Leute über den Abwesenden tuschelten, machte ihn präsent. Dogwood ist Fussgänger, hiess es, und er finanziert die «Green Line», das lokale Alternativblatt, und er greift Basisgruppen unter die Arme, wenn er nicht gerade Bäume rettet oder gegen die Verschandelung der Landschaft mit Reklametafeln loszieht. Und er lässt sich nicht fotografieren.

Und dann trafen wir Dogwood. Er begleitete uns auf einem Rundgang durch die Stadt - er ist wirklich Fussgänger und wohnt in der Innenstadt - qualifiziert sich selbst als Linken, Geschäftsmann und Philanthropen und ist von der Ausstrahlung eines Menschen, der im Frieden mit sich selbst die Dollarberge abträgt, die sein Grossvater Julian Price im Versicherungsgeschäft aufgeschüttet hat. Julia Price heisst auch er - eigentlich Julian Price II. -, aber er legt nicht Wert auf Formalitäten. Eben ist er fünfzig geworden. Er war, wie man sagt, ein wild and crazy guy in Kalifornien gewesen, der zuviel trank und darunter zu leiden hatte, nicht arbeiten und soviel Geld haben zu müssen. Anfang 1990 ist er nach Asheville, die Stadt seiner Kindheit, zurückgekehrt, lebenserfahren und geläutert. Nun widmet er sich da dem Guten, ohne etwas vom Eifer derjenigen zu haben, die das Gute wollen, ohne Geld zu haben. Grossgewachsen, mit einem offenen, freundlichen Gesicht und einer Stimme, deren Faszination man sich so schwer entziehen kann wie dem Schnurren eines Katers, lenkt Julian von allem ab, was den Eindruck erwecken könnte, er habe so etwas wie Macht.

Es war am Pack Square, wo wir am letzten Tag mit Roger und ihm standen, da, wo der Platz ins Schwarzenviertel abkippt, als hätte er den Boden verloren, vor dem City Building und dem County Building und all den anderen Gebäuden, die etwas mehr versprechen, als die Stadt je hat halten können. Die beiden erörterten die Möglichkeiten, den Platz menschenfreundlicher zu gestalten und wo das Freilufttheater hinkommen könnte, wo ein Park für Sinfoniekonzerte und wo . . . Ist nicht alles ein bisschen zu klein in Asheville?


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