TROTTET UNS eine Deutsche Dogge entgegen, wieselt ein Dackel um die Ecke, fällt es schwer, in beiden lediglich Varianten des Wolfs zu sehen. Das Wildtier Wolf gibt es schon seit 20 Millionen Jahren. Vor etwa 25 000 Jahren begannen urzeitliche Jäger von ihren Streifzügen erbeutete Wolfswelpen nach Hause zu bringen und zu zähmen. Das Umwandeln des Wolfs zum deutlich unterschiedlichen Haushund mittels gezielter Fortpflanzung über viele Tiergenerationen hinweg fand 10 000 Jahre später statt. Und erst in den letzten Jahrhunderten schuf sich der Mensch dann jenes Spektrum von 150 Hunderassen, das massgeschneidert den verschiedensten Bedürfnissen gerecht zu werden hat: vom jagenden Windhund, vom unermüdlichen Schlittenhund, vom Bernhardiner als Retter bis zum blutrünstigen Kampfhund oder zum niedlichen Pudel der Dame im Rotlichtquartier. Erstaunlich an diesem zoologischen Panoptikum ist nicht zuletzt die Tatsache, dass die ganze Vielfalt nach wie vor zur gleichen Tierart gehört, sich also untereinander wie auch mit dem Stammvater Wolf fast beliebig kreuzen lässt. So war es schon bei den Germanen üblich, läufige Hündinnen im Wald an einen Baum zu binden, damit sie von Wolfsrüden gedeckt wurden und einen gesunden Schuss Wildheit in den Hof zurückbrachten.
Das Haustier Hund ist zwar sehr beliebt, vom Nutzen her gesehen indes eher nebensächlich. Kulturell ungleich mehr Bedeutung hat das Rind. Erstmals gezüchtet vor gut 9000 Jahren in Vorderasien aus dem Ur, dem Auerochsen, ist dieses Haustier zur 1,3 Milliarden starken Wirtschaftsmacht geworden. Heute deckt das Rind die Hälfte des weltweiten Fleischbedarfs, liefert 90 Prozent aller Milch und Milchprodukte, versorgt die Menschheit mit zwei Dritteln der Rohstoffe für die Lederverarbeitung. Und in vegetationsarmen Gebieten ist getrockneter Rinderdung oftmals das einzige verfügbare Brennmaterial.
Die Idee der Haustierhaltung entsprang schierer Not. In Gebieten, wo natürliche Nahrungsquellen knapp waren, wurde es für die wachsenden Völker immer schwieriger, sich als Jäger und Sammler zu versorgen. So gingen die Menschen in den kargen Gebieten Vorderasiens dazu über, geeignete Wildtiere zu Lieferanten von Fleisch, Milch und Wolle zu machen. Als erste Haustiere mit wirtschaftlichem Nutzen entstanden vor 10 000 Jahren aus dem Wildschaf das Hausschaf, aus der Bezoarziege die Hausziege. Mit Hilfe der Pflanzenfresser liess sich nun die für den menschlichen Körper unverwertbare Zellulose zu nützlichem Eiweiss und Fett veredeln und erst noch Bekleidungsmaterial gegen Hitze und Kälte gewinnen. Anstatt den Wildtieren nachzupirschen, mussten die Sippen allerdings mit ihren Nutztieren dort bleiben, wo das Grasfutter wuchs.
Der Wechsel vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit wird zu Recht als neolithische Revolution bezeichnet, denn dadurch wurden überhaupt erst feste Siedlungen, Städte, Staaten und schliesslich Hochkulturen möglich. Da Ackerbau und Tierzucht aber recht beschwerlich waren (und noch immer sind), machte sich nur die Mühe, wer musste. Und so blieben die Menschen in den üppigen Tropengegenden Afrikas und Lateinamerikas weiterhin zufriedene Jäger und Sammler - bis der zivilisierte Teil der Menschheit glaubte, auch den letzten «Wilden» modernes Wirtschaften und Konsumieren beibringen zu müssen.
Zu Schaf, Ziege und Rind sind als Nutztiere auch das Schwein, das Huhn (aus dem Bankivahuhn Südostasiens), das Pferd (aus dem heute noch als Przewalskipferd existierenden Wildpferd) geschaffen worden. Manche Haustiere sind eine Spezialität ganz bestimmter Regionen: Im Wüstengürtel der Alten Welt sind aus der Familie der Kamele das Dromedar und das Trampeltier (mit den zwei Höckern) sowie in den Anden aus dem Kleinkamel Guanako das Lasttier Lama und als Wolleproduzent das Alpaka hervorgegangen. Die Kameldomestikationen machten überhaupt erst die Erschliessung unwirtlicher Lebensräume in Wüste und Hochland durch den Menschen möglich. Haustiere können aber auch wieder aus der Mode kommen. So war im Mittelalter der von den Klöstern in künstlichen Teichen gehaltene Karpfen eine beliebte Fastennahrung. Und mit dem Frettieren hatten die Römer eine effiziente Methode der Wildkaninchenjagd sowie der Bekämpfung von Wanderratten entwickelt: Man liess das abgerichtete Frettchen (ein domestizierter Waldiltis) in den Bau schlüpfen und fing die fliehende Beute an den Ausgängen mit Netzen.
Überhaupt waren die Römer äusserst tüchtige Haustierzüchter. Mit der Erfindung des Maultiers, einer Kreuzung aus Eselhengst und Pferdestute, entstand ein sehr widerstandsfähiges und ausdauerndes Lasttier, das dem Imperium zum wichtigen logistischen Mittel wurde. Dank Maultier konnten Schlemmern Austern sogar nach Augusta Raurica geliefert werden. Optimale Haltung, Fütterung und Zuchtwahl schuf auch bei den herkömmlichen Haustieren eine bisher unerreichte Qualität: Knochenfunde von römischen Rindern lassen auf eine mittlere Schulterhöhe von 127 cm schliessen, während zur gleichen Zeit die Rinder im germanischen Siedlungsgebiet nur 110 cm hoch waren. Mit dem Niedergang des Römerreichs verschwanden auch die kräftigen Rinder wieder, und erst die im Zuge der Industrialisierung einsetzende künstliche Düngung der Felder verbesserte erneut die Fütterung. Wenn heute Milchkühe mit monströsem Euter bis 10 000 Liter pro Jahr liefern und ein Fleischrind gegen eine Tonne auf die Waage bringt, hat die Haustierzucht allerdings ihr Optimum überschritten, denn solche Leistungen gehen auf Kosten der Tiergesundheit.
Die Domestikation bedeutet für das Wildtier in jedem Fall markante körperliche Veränderung. So lässt sich nur schon die Existenz gezähmter Wölfe auf Wohnplätzen eiszeitlicher Jäger durch Anomalien am Gebiss der gefundenen Skelette nachweisen, denn während Abweichungen vom Normalgebiss bei Wölfen in freier Wildbahn selten sind, findet man sie heute bei Zoowölfen als Reaktion auf die veränderten Lebensbedingungen sehr häufig. Ganz allgemein brachte die Domestikation der Säuger eine Abnahme der Körpergrösse. Schuld daran waren eine oftmals wenig artgerechte Ernährung sowie die Einschränkung der natürlichen Partnerwahl, denn wo in freier Wildbahn nur die kräftigsten Männchen zum Zuge kommen, haben frühe Züchter eher schwächere und damit pflegeleichtere Tiere bevorzugt. Erst ein Futterangebot weit über die natürlichen Ressourcen hinaus brachte übergrosse Haustiere. Von früh an grösser als bei der Wildform war der Fettanteil. Während Wildtiere nur mit einem Sprinterkörper gegen schnelle Feinde eine Chance haben, bringt die gemächlichere Lebensart domestizierter Tiere, verbunden mit spezieller Zucht und Mast, entsprechend viel Fett. Zu welchen Extremen dies führen kann, zeigen die grunzenden Schinkenberge - oder jenes Fettschwanzschaf auf einem Stich aus dem 17. Jahrhundert, wo dem Tier ein spezielles Stützwägelchen angehängt werden musste, damit es seinen durch Fettdepots gigantisch verdickten Schwanz überhaupt transportieren konnte. Und dass heute in den Industrieländern auch die Hunde und Katzen oft fettleibig sind, widerspiegelt unser eigenes gestörtes (Fr)essverhalten.
Weitere Folge der Haustierwerdung ist ein Schrumpfen des Hirns. Zeigt das Hauskaninchen eine Abnahme des Hirngewichts von 9 Prozent, sind es bei der Hauskatze bereits 23, beim Haushund 31 und beim Schwein sogar 34 Prozent. Besonders die Grosshirnrinde, wo Sehen, Riechen, Hören und Tasten verarbeitet werden, schwindet stark. Die Erklärung liegt wiederum im «häuslichen» Leben ohne wesentliche Bedrohung, wo das Tier nicht mehr ständig alle Sinne beieinander haben muss. Dass sich solch mentaler Verzicht auch im Verhalten äussert, liegt auf der Hand. Ein ursprünglich subtiles Sozialverhalten wird plump, der Bewegungstrieb schwächt sich ab, das Fluchtverhalten wird seltener und undeutlicher, der Aggressionstrieb verliert seine Heftigkeit. Und Beutefang, ausgedehnte Rivalenkämpfe, Nestbau sowie das Verteidigen der Jungtiere sind weitgehend obsolet und deshalb «vergessen» worden. Andere Verhaltensweisen aber wie Fressen und Sex können extrem gesteigert werden, falls dies im Interesse der Züchter liegt.
Haustiere deshalb als «degenerierte» Wildtiere zu sehen zielt allerdings zu kurz. Vielmehr zeigen just die Haustiere eine enorm hohe Anpassungsfähigkeit an die vom Menschen diktierten Lebensbedingungen. Ja, es kommen als Haustierkandidaten überhaupt nur Wildtierarten in Frage, die von Natur aus ein hohes Adaptionspotential mit sich bringen und selbst mit derart widernatürlichen Gegebenheiten wie dem Leben in einer riesigen Pouletfarm oder dem jahrzehntelangen Trott vor einem Karren fertig werden.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass aus der weltweit enormen Vielfalt an Wildtierarten letztlich nur ein paar Dutzend zu Haustieren gemacht werden konnten. Und wie dünn selbst bei den erfolgreich domestizierten die künstliche Schale ist, zeigen etwa Hausschweine, die man aus der Enge des herkömmlichen Stalls in eine natürlichere Umgebung entlässt. In Kürze benehmen sie sich wieder wie Wildschweine: Sie kümmern sich fürsorglich um den Nachwuchs; sie wühlen und scheuern nach Herzenslust; sie benutzen separate Toiletten und meiden den eigenen Dreck.