NZZ Folio 03/04 - Thema: Gesundheit   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Chaussiert und zugenäht

© Patrick Rohner
Edel-Sneaker, Kalbsleder und Kautschuksohle, Bally, 350 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen

ES IST NOCH gar nicht so lange her, da trug der Mensch beruflich und privat Halbschuhe und zum Sport Turnschuhe. Doch schon die Tatsache, wie sehr sich die Wahrnehmung dieser beiden Begriffe gewandelt hat, lässt erahnen, welch fundamentale Veränderungen das Geschäft mit den Schuhen seither durchlaufen hat. Einen Halbschuh nennt man heute höchstens noch den Menschen, der im Laden nach so etwas fragt. Halbhohe Schuhe heissen Loafer oder Schnürer, höher geschnittene Modelle Boots oder Stiefel. Das Turnen hat dem Running oder Workout Platz gemacht. Und Turnschuhe heissen Sneakers (vom englischen «schleichen»), in frankophonen Gebieten Baskets.

Seit die Sneaker-Manie wieder etwas abgeflaut ist und man realisiert hat, dass Turnschuhe zum Anzug doch ziemlich albern aussehen, hat sich der Markt für die Edel-Sneakers oder «sportiven Freizeitschuhe» geöffnet. Wie das Hybridsegment genau heisst, weiss auch Ruedi Amgwerd nicht, der seit 36 Jahren bei Bally für die Entwicklung von Schuhen zuständig ist: «Es hat sich halt so ergeben. Wenn man früher Laufschuhe machte, sahen die auch danach aus. Heute will man nicht nur funktionelle Schuhe, sondern auch eine moderne Optik.»

Jahrzehnte in Tennisschuhen hätten die Füsse der Konsumenten verändert, so Amgwerd, sie seien breiter geworden. Die sportiven Alltagsschuhe mit ihrem komfortablen Schnitt nehmen darauf Rücksicht. Das Modell «Free» etwa, bei Bally seit drei Jahren der Bestseller, passt sich dem Fuss an, ohne irgendwo zu drücken. Möglich wird dies durch die Verwendung eines besonders weich gegerbten Schaftleders vom Kalb und eine Chaussierung, die dem Fuss etwas mehr Platz gibt. Reguliert wird die Weite mit der Schnü rung am Rist. Entworfen wurde das Stück in der Ära des mittlerweile abgetretenen Kreativchefs Scott Fellows.

Die neue Variante für dieses Frühjahr heisst «Anne» (für Damen) und «Action» (für Herren) und nimmt mit dem Schönenwerd-Wappen heraldische Elemente auf. Gewicht und Tragkomfort entsprechen etwa normalen Schuhen, allerdings ist die Verarbeitung mit 100 bis 120 Kleinteilen und Garnituren pro Paar viel aufwendiger als bei konventionellen Lederschuhen, die aus rund 30 Elementen bestehen.

Um ein Paar in den Tessiner Werkstätten zu fertigen, braucht Bally 80 bis 90 Minuten. Zuerst wird zugeschnitten und vernäht, das braucht rund 50 Minuten. Dabei wird von vorn nach hinten genäht: das Oberleder wird zuerst mit dem Futterleder verbunden, dann werden die Zwischenfutter und die Verstärkungen eingearbeitet. Zum Schluss schliesst man die Fersennaht. Bis dahin muss jede Naht kerzengerade gelingen; wenn eine krumm läuft, wandert der Schuh aufs Abstellgleis der Produktion. Auf das Nähen folgt die Schustereifertigung in exakt 34 Minuten: Der lederne Schaft kommt auf die Zwickmaschine, wird auf den Kunststoffleisten gezogen (chaussiert) und schliesslich mit dem vorgefertigten Sohlenteil italienischer Pro venienz verleimt.




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