NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

«C'est normal»

Über Normalitäten und Abnormalitäten in der Fremdenlegion.

Von Elisabeth Hörler

Jean-Marie Favre ist höflich, zuvorkommend, repräsentabel; sein Gesicht braungebrannt, kurzgeschnitten die dunklen Haare; er ist robust gebaut und gut gewachsen. Seine grossen Hände mit den kräftigen Fingern können zupacken.

In Favres Wohnung sind zwei Bilder der Jungfrau Maria aufgehängt. Wenn Jean-Marie Favre spricht, tut er es in immerfreundlichem Ton, er wird nie wütend und ist selten ungehalten. «Wir haben gelernt, höflich und gesellig zu sein», sagt er und lächelt freundlich. Selbst wenn man ihm militärisch unbedarfte Fragen stellt, Fragen, die klarmachen, dass man keine Ahnung von dieser «einmaligen militärischen Ambiance» hat, selbst dann bleibt er nachsichtig. Nur zwei- oder dreimal während unseres Gesprächs nimmt seine Stimme einen ärgerlichen Unterton an; etwa, wie er von Leuten erzählt, die die Fremdenlegion kritisieren, ohne ein Recht dazu zu haben, weil sie die Legion gar nicht kennen! 1987 wurde Jean-Marie Favre vom Divisionsgericht 10 in Sion zu zwei Monaten bedingt verurteilt; er hatte fünf Jahre in der Fremdenlegion gedient.

Der Sanitärinstallateur aus Saxon (Kanton Wallis) ist 28 Jahre alt. 18 Jahre zählte er - er stand mitten in einer Bäckerlehre -, als er 1981 beschloss, sich in Paris bei der Fremdenlegion zu melden. Die Eltern wussten nichts von seinen Plänen.

Er habe diesen Schritt getan, um frische Luft zu schnuppern. Man hakt ein: Manche gehen zur Fremdenlegion, weil sie etwas ausgefressen haben und untertauchen möchten. Bei andern ist's Abenteuerlust. Oder der Drang, sich selber zu bestätigen. Jean-Marie Favre grinst. «Ausgefressen», «untertauchen»? Da müsse er passen, das frage man einen Legionär prinzipiell nicht. Und die Abenteuerlust? Der Bestätigungsdrang? «Eh bien, von beidem ein bisschen etwas.»

In Paris bestand der Bursche die strengen gesundheitlichen Tests. Während ein Legionär normalerweise einen neuen Namen annimmt, mochte Jean-Louis Favre seine Identität nicht völlig verändern; er nannte sich Jean Favre. Nach kurzem Aufenthalt in Aubagne bei Marseille, wo sich der Hauptsitz der Fremdenlegion befindet, ging es für ein paar Monate zur Ausbildung nach Castelnaudary bei Toulouse. Die ersten Monate seien hart gewesen, erzählt Favre. Da hätten sie häufig keine Zeit zum Essen gehabt. Abends bis 22 Uhr Marschieren. Morgens um vier oder fünf aus den Federn, den Verschlag putzen, die Decken exakt aufeinanderschichten, das Gewehr reinigen. Und wenn es nicht genügend sauber war? Gab es Schläge? - Favre schaut einen eher verwundert an: «Bien sûr, natürlich.» Der Walliser findet es müssig, über diese Seite der Legion zu sprechen; dass man vom Sergeanten bestraft wird, wenn man etwas falsch gemacht hat, ist doch normal, oder? - C'est normal, diesen Ausdruck braucht Jean-Marie Favre häufig.

Und überhaupt: Wenn einer deux ou trois baffes, zwei oder drei Ohrfeigen, nicht ertrage . . . Man hat auch Faustschläge ins Gesicht abbekommen, zur Strafe, oder einen Schlag mit dem Gewehrkolben auf den Kopf. Man ist zum Arzt gegangen, um die Platzwunden nähen zu lassen. Den andern hat man dann etwas von einem Sturz erzählt. «C'est normal.»

Jean-Marie Favre erzählt dies alles sehr ruhig, fast emotionslos. Er gestikuliert kaum, lächelt freundlich. Zwar hat er anfangs Mühe gehabt mit diesem harten Regime. Während des ersten halben Jahres besteht offiziell das Recht, aus der Legion auszusteigen. Darauf berief sich der junge Walliser nach ein paar Monaten, doch liessen sie ihn nicht gehen. «Vous avez signé», sagten sie, und sprachen von fidélité. Sie setzten Druck auf. Ob die Austrittsklausel denn nicht in seinem Vertrag enthalten gewesen sei? Die Information habe man ihm, beim Eintritt, mündlich geben - aber eine Klausel? Jean-Marie Favre überlegt - die gab's wohl schon. Nur, eine Kopie des Vertrages, den er vor Antritt unterschrieben hatte, eine Kopie davon hatte man ihm nicht gegeben. Seine Bitte um Entlassung brachte dem Walliser nur wochenlanges Latrinenputzen ein. Und Desertieren? «Sie nehmen alle Privatsachen in Verwahrung, Kleider, Pass, Papiere.»

Das seien normale Anfangsschwierigkeiten, sagt der junge Mann lächelnd; später gewöhne man sich an den Drill, habe weniger Probleme damit. C'est normal! Und heute, ja heute fehle ihm die Fremdenlegion gar. «Sie ist wie eine grosse Familie.» Wäre er gerne in den Golfkrieg gezogen? Er nickt: «J'aurais bien voulu.» Mag er Krieg? Nein, eigentlich nicht. Aber er mag die militärische Ambiance. Nach seiner Ausbildung wurde Jean-Marie Favre in ein Infanterieregiment eingeteilt, und ab ging's nach Bonifacio auf Korsika. Er zückt ein in rotes Satin gebundenes Photoalbum; auf der Titelseite eine Korsika-Karte und die Inschrift «2ème R. E. I.» (Régiment Etranger d'Infanterie). Dieses Regiment hat rund tausend Legionäre umfasst; darunter etwa zwanzig bis dreissig Schweizer. Man habe jeden einzelnen «Le Suisse» genannt. Oh nein, nicht despektierlich! Schweizer sind in der Fremdenlegion sehr beliebt. Sie werden besser behandelt, gelten als aufrecht und ehrlich, als Männer ohne Fehl und Tadel.

Doch, er sei sehr patriotisch; sei stolz, ein Schweizer zu sein, sagt Jean-Louis Favre. Er sei CVP-Wähler, vertraut er uns an.

Jean-Marie Favre schlägt das Album auf und zeigt uns Photos; da sitzt er, in Béret auf dem Kopf, in einem offenen Militärjeep. Das war 1983, in Libanon, beim ersten Einsatz an der Front. Während vier Monaten war er Mitglied der Multinationalen Sicherheitstruppe in Beirut, patrouillierte er an der Grenze zwischen den Christen- und den Muslimquartieren. Favre zeigt uns eine Medaille des französischen Verteidigungsministeriums: La Médaille d'Outre-Mer.

Wir blättern im Photoalbum. Bilder von zerbombten Häusern und zerschossenen Fassaden. Jean-Marie Favre grinst: «C'était bien!» Da sei etwas los gewesen, endlich ein Einsatz! Eine gute Stimmung! «Les bonhommes», die Männer, die in Korsika zurückbleiben mussten, hatten Tränen in den Augen.

Leider seien während dieses Einsatzes zehn Legionäre gestorben. «Wenn normale Soldaten sterben, veranstaltet die französische Presse ein grosses Tamtam. Aber wenn ein Fremdenlegionär stirbt, schreibt niemand eine Zeile.» C'est normal, fügt er aber hinzu und legt wieder seine sorglos-freundliche Sonntagsmiene auf. Schliesslich würden sie dafür bezahlt! «So gut aber auch wieder nicht?», wende ich ein. Stimmt, sagt er. Er hat umgerechnet nur gut 1000 Schweizerfranken monatlich erhalten. Hat er nie Angst vor dem Sterben gehabt? «Mourir d'un coup, ça me gênerait pas», antwortet er ebenso locker wie bestimmt. Sofort zu sterben würde ihn nicht stören. Hingegen eine Verletzung, einen Arm oder ein Bein zu verlieren, das würde er schon sehr viel weniger schätzen.

Jean-Marie Favre wird nachdenklich: «Das zivile Leben, das ist nichts. Da gibt es keine Solidarität, gar nichts!» Er ereifert sich jetzt fast; zum erstenmal während unseres Gesprächs ist seine kühle Fassade verschwunden. Im zivilen Leben gebe es nur Profiteure, aber in der Legion habe man zusammengehalten wie Pech und Schwefel, eine grosse Familie eben!

«Unsere Vorbilder sind die anciens», sagt er schliesslich. Die anciens, die Veteranen, die Legionäre, die im Kampf starben. Hat er denn schon getötet? Offiziell töte man in der Fremdenlegion nicht, ist die Antwort. Ich frage ihn, ob er sich schon Gedanken gemacht habe über die Rolle der Fremdenlegion, wenn sie in ein Land der Dritten Welt eindringe und die Interessen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich durchsetze? Er sei immer nur Befehlsempfänger gewesen, sagt Jean-Marie Favre in freundlichem Plauderton; er habe stets nur ausgeführt, was andere befohlen hätten.

An der Wand des ausgebauten Dachstockes im Haus seiner Eltern hängen zwei Marienbilder; Jean-Marie Favre ist katholisch, ist sehr religiös. Er gehe sonntags häufig in die Kirche. Er wisse, dass dies alles sehr widersprüchlich sei. «Aber das Leben ist nun mal voller Widersprüche.»

Nächste Station des Befehlsempfängers Jean-Marie Favre war Nîmes, wo er die Korporalsausbildung absolvierte. Darauf folgte Korsika, dann die pazifische Insel Mayotte bei La Réunion; hier gefiel es ihm. Besser als im afrikanischen Djibouti, wo er zwei weitere Jahre bis 1987 verbrachte. Doch hatte der Korporal Jean Favre hier Schwierigkeiten mit Vorgesetzten, allerdings «nur kleine». Jean-Marie Favre hätte sich auch nie ernsthaft mit einem Sergeanten angelegt, wie dies ein Kumpel von ihm in Djibouti tat, ça on le fait pas. Zur Strafe wurde der Mann mit einem Seil an einen Jeep gebunden, und der fuhr los über Stock und Stein. Der Legionär überlebte, kam mit zwei gebrochenen Beinen, gebrochener Rippe und einer Gehirnerschütterung davon.

In einem anderen tropischen Land, dessen Name Favre nicht nennen möchte, hätten Einheimische einmal einen Legionär umgebracht. So etwas habe man sich natürlich nicht bieten lassen können. Seine Legionärskumpel rächten sich, indem sie «ein halbes Dorf niedermachten». Auch diese Geschichte (die er freilich nur vom Hörensagen kennt) erzählt der Walliser mit stoischer Ruhe, so als beschriebe er ein Pfannkuchenrezept. Doch, doch, auch er könnte das unter bestimmten Umständen tun. «Aber das verstehen Zivile nicht.» Einmal habe er mit einem früheren Legionär und zwei «zivilen Freunden» ein Glas in einer Kneipe in Zürich getrunken. Da hätten die beiden «Militärs» erwähnt, dass sie durchaus in der Lage wären, auf Befehl eine halbe Stadt niederzumachen. Die zwei Zivilen hätten sich fürchterlich darüber aufgeregt. «C'était dégoutant.» «C'était dégoutant, dass meine zivilen Freunde keinen Schimmer Verständnis für uns aufbrachten!» So weit hätten sich «Zivile» und «Militärs» schon auseinandergelebt!

Auch wenn Mutter Edmée Favre und ihr Sohn gut miteinander auskommen, macht Frau Favre kein Hehl daraus, dass sie ihren Sohn nicht versteht. Sie, eine Frau mit aufgeweckten Augen, sagt gleich zur Begrüssung, dass sie «allergisch auf die Fremdenlegion» sei. Sie hat sich damals, als der dritte ihrer vier Söhne mit 18 Jahren spurlos verschwunden war, fast hintersonnen. Jean-Marie hatte seinen Eltern gesagt, dass er für ein paar Tage nach Paris in die Ferien fahre. Um dann nicht mehr heimzukehren. Die Eltern alarmierten die Polizei; die Mutter fiel aus allen Wolken, als sie die Wahrheit erfuhr.

Eines Tages hätten sie, die Eltern, ihren Sohn in Korsika besucht. «Da sassen lauter Legionäre in einem Restaurant herum. Sie tranken alle viel Alkohol und hatten Schrammen und Wunden im Gesicht.» Mutter Favre nahm an, dass diese Platzwunden von Schlägereien herrührten. Sie kann bis heute nicht verstehen, wie ihr Sohn ein solch gewalttätiges Milieu ertragen konnte, in der Familie waren Schläge tabu. Aber wenn die Legion einen so jungen Menschen jahrelang mit denselben Ideen traktiere und den Kontakt zur Aussenwelt völlig unterbinde . . . «Die haben eine Art Gehirnwäsche mit ihm gemacht.»

Elisabeth Hörler ist freie Journalistin in Zürich.


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