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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre, wenn die Neandertaler überlebt hätten
© Sibylle Heusser und Marcus Mos...
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| New York, 11. September 2001: Ecke East 34th Street und Madison Avenue. |
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Von Ulrich Bahnsen
Im Sommer des Jahres 42 008 der Nachkriegszeitrechnung eröffnete der amtierende Präsident die letzte Sitzung der Legislaturperiode des eurasischen Parlaments mit einem flammenden Appell. «Bedenken Sie die Tragweite der heutigen Entscheidung! Wir wissen seit vierzig Jahrtausenden, dass Menschen eine gefährliche Spezies sind!»
Der Erinnerung an die historischen Ereignisse hätte es nicht bedurft. Der Überfall der afrikanischen Menschen war für die Neandertalergesellschaft ein Trauma geblieben. Mit Mühe war es den eigenen Verbänden damals gelungen, die Scharen der primitiven Eindringlinge, die bereits den Nahen Osten, grosse Teile Asiens und Südosteuropas besetzt hatten, zurückzuwerfen. Nicht nur aus humanitären Gründen hatte man die gefangenen Menschen damals am Leben gelassen; auf ihrer Arbeitskraft fusste der bald darauf einsetzende Aufschwung der Neandertalerzivilisation.
Und nun sollte man den Menschen per Gesetz begrenzte Hominidenrechte zugestehen? Schutz vor willkürlicher Bestrafung, Anspruch auf medizinische Versorgung, auf Schulbildung gar? Es waren die Radikalen Menschenrechtler, eine von den Konservativen als Spinner verlachte linke Partei, die den Gesetzesantrag formuliert hatten. In Teilen der eurasischen Bevölkerung genossen sie aber inzwischen Sympathie, vielen Neandertalern erschienen die Zustände in den Bergwerken, Fabriken und Agrarbetrieben, wo Menschen für simple und gefährliche Arbeiten eingesetzt wurden, nicht mehr als ethisch vertretbar.
Das Parlament hatte sich die Entscheidung nicht leichtgemacht. Es hatte die Gutachten wissenschaftlicher Experten angehört. Mehrere Anthropologen waren zum Schluss gelangt, dass Homo inferior africanus, wie der Mensch wissenschaftlich bezeichnet wurde, als eine primitive Seitenlinie der Gattung Homo zu gelten habe. Vor allem die rückgebildeten Überaugenwülste und ihr vorspringendes Kinn seien untypisch für Hominiden. Zwar sei ihr Gehirn nicht wesentlich kleiner als das von Neandertalern, doch seien ihre geringen kognitiven Fähigkeiten durch eine weit weniger komplexe Verschaltung der Nervenzellen bedingt. Überdies hätten genetische Untersuchungen ergeben, dass sie nicht als Vorfahren der Neandertaler in Frage kämen, wie manche Gelehrte früher angenommen hatten.
Da die Menschen in ihrer ursprünglichen Heimat Afrika längst ausgestorben waren, war ihr natürliches Sozialverhalten nur schwer zu beurteilen. Die Untersuchungen von Psychologen und Ethnologen an den eurasischen Arbeitsmenschen liessen nach wie vor grosse Risiken bei Freiheitsrechten für Menschen erkennen. Noch immer müsse deren Futter mit Psychopharmaka vermengt werden, um unkontrollierten Gewaltausbrüchen vorzubeugen. Untypisch für echte Hominiden sei auch ihr Sexualverhalten: Dass sich Menschen ständig paarten, sei ein Risikofaktor. Man müsse Verhütungsmittel einsetzen, um ihren Nachwuchs auf das für künftige Arbeitskräfte nötige Mass zu beschränken.
Doch es gab auch andere Ansichten. Ethnologen, die von den Radikalen Menschenrechtlern vorgeladen worden waren, gaben zu bedenken, dass es durchaus möglich sei, Menschen durch sorgfältige Erziehung zu zivilisieren. Eine Pädagogin stellte die gewagte These auf: Würde man Menschenbabies von Neandertalerfamilien grossziehen lassen und sie zur Schule schicken, könnten sie durchaus die Intelligenz ihrer Klassenkameraden erreichen. Das Protokoll verzeichnete an dieser Stelle Heiterkeit im Plenum.
Es war das vorletzte Mal, dass sich das eurasische Parlament mit Menschen befasste. Der Antrag auf Gewährung von Menschenrechten wurde mit einer klaren Mehrheit abgelehnt. Als daraufhin ein Aufstand unter den zwei Millionen Arbeitsmenschen ausbrach, beschloss man aus Gründen der nationalen Sicherheit, die gefährlichen Wesen zurück nach Afrika zu deportieren. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.
Anmerkung: Vor 45 000 Jahren drang der moderne Mensch aus Afrika nach Europa vor. Zu dieser Zeit lebten dort die Neandertaler, eine ebenfalls hochentwickelte Hominidenart. Archäologische Funde zeigen, dass beide Arten bis zu 10 000 Jahre in Europa nebeneinander existierten, bevor die Neandertaler ausstarben. Über die Gründe für ihr Verschwinden gibt es verschiedene Annahmen: Eine allmähliche Verdrängung durch die mit überlegenen sozialen und kognitiven Fähigkeiten ausgestatteten Menschen ist wahrscheinlich, möglich ist aber auch, dass die Neandertaler durch eingeschleppte Infektionen oder direkte Konfrontationen dezimiert wurden. Es gibt keinen Grund, weshalb bei einem anderen Verlauf der Evolution nicht sie hätten zur dominierenden Art aufsteigen können.
Ulrich Bahnsen ist Wissenschaftsredaktor der «Zeit»; er lebt in Hamburg.
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