NZZ Folio 04/92 - Thema: Drogenpolitik auf Irrwegen   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Hexen ohne Besen

Diesen Dialog führen zwei Figuren aus verschiedenen literarischen Werken. Wer sind sie?

Von Daniele Muscionico

Die Macht unserer Wünsche führt zwei Frauen zusammen, die in derselben Gegend der Schweiz aufgewachsen sind, aber auf zwei verschiedenen Kontinenten und durch ein Jahrhundert getrennt leben. Nun treffen wir sie im Halbdunkel einer Scheune sitzend - ein schicksalhafter Ort, wie sich später herausstellen wird. Während B sich ärgert, dass sie an diesem schwülen Tag dem Luxus einer Kappe mit Rosshaarspitzen verfiel, raucht A, in schwarze Seide gekleidet, eine Zigarre.

A:    (hustet) Zum Ersticken hier. Aber ich liebe diese Scheune, den Geruch von Heu, Stroh und Wagenschmiere. Erinnerungen.

B:    Ein besinnlicher Ort.

A:    (nimmt einen Zug ihrer Zigarre) Geschwätz! (nach einer Pause) Schau mich nicht so an, als wäre ich vom Himmel gefallen. Du hast schon richtig gehört: Ich kaufe mir die Gerechtigkeit! Wer Gerechtigkeit will, muss sie sich leisten können.

B:    (löst einen Strohhalm aus ihrer Strumpfhose) Eine Sünderin sind Sie, zänkisch und eitel. Gott ist der Richter über uns alle, ob eine jetzt eine Kappe trägt wie ich oder Federn auf dem Kopf und Madame heisst. Schämen würde ich mich, wie Sie solche Hüdeli umzuhängen, in die man nicht einmal richtig schneuzen kann.

A:    (fährt ihr über den Mund) Red nicht. Dumm bist du. Ich kenne das Geschäft. Gott haben sie erfunden, wie sie die Polizei erfunden haben. Weil die Menschen feige sind. Ich kenne die Welt . . .

B:    (giftig) . . . weil Sie viel gereist sind.

A:    (genüsslich) . . . weil sie mir gehört.

B:     (ereifert sich) Sie reden grad so wie gewisse Quacksalber und Wunderdoktoren, die ohne Frömmigkeit Pferdekuren statt die heilende Wahrheit verschreiben. Die Welt gehört unserem Schöpfer. Dem Menschen gehört, was er sich mit seiner Hände Arbeit geschaffen hat. Ein schuldenfreies Haus und ein gefüllter Speicher.

A:    (nun ihrerseits erregt) Ich habe zum Wohl der Menschen genügend geleistet: Habe Suppenanstalten gestiftet, Künstlerhilfen und Kinderkrippen. Was brauche ich da noch einen Gott? (wie ein wenig Zigarrenasche auf ihr Kleid fällt, taucht blitzschnell ein kaugummikauender Mann aus dem Hintergrund auf und will sie wegwischen; A faucht ihn an) Auf deinen Platz!

B:    (nutzt den Moment) Seit man Gott die Autorität genommen hat, will jeder Bube eine Autorität sein.

 A:    (greift flink das Stichwort auf) Deinem Buben übrigens hätte ich meine Platz-an-der-Sonne-Hütte auch gegönnt. War eine gute Sache, diese Einrichtung.

B:    (mit Bauernschläue) Ich weiss, dass Sie aus Bitterkeit so reden, Ihr Kind war Ihr Unglück.

A:    (die Wunde ist alt, sie nimmt den Angriff gelassen) Mein Kind war mein Glück! Ich war siebzehn, er noch nicht zwanzig . . . Aber dann: Ich sah das Kind nur einmal, bei der Geburt. Dann wurde es mir genommen. Wer nicht blechen kann, muss hinhalten. Meinen Jugendtraum aber habe ich mir erfüllt.

B:    Einen reichen Mann?

 A:    (schnaubt) Bah! Einen Mann hält man sich zu Ausstellungszwecken, nicht als Nutzobjekt. Meine Ehen waren alle glücklich. Vom nahen Dorf weht der Geruch von Mist herüber. Ein Windstoss schlägt die Scheunentür zu.

A wird nach dieser Unterhaltung grausam handeln wie Medea; B wird, gefangen von den Mächten des Wahnsinns, zwei Selbstmordversuche unternehmen. 

Auflösung Rätsel Folio Nr. 4: A ist Claire Zachanassian aus Friedrich Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» (1956); B ist Anne Bäbi Jowäger aus Jeremias Gotthelfs gleichnamigem Roman (1844).


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