BEIM ERSTEN VERSUCH zu verstehen, worum es sich bei Armut wirklich handelt, schwindet die intuitive Klarheit dieses Begriffs. Extreme Fälle von Armut, wie der Hunger in Somalia, bedürfen keines Kommentars. Die äusserst malerischen Moskauer Obdachlosen und professionellen Bettler jedoch können bei allen äusseren Anzeichen ihrer Armut nur schwerlich zu den wirklich Armen gezählt werden. Deren Tageseinnahmen betragen gemäss mehreren Untersuchungen bis zu einhundert Dollar, mehr als die Monatseinkünfte der Mehrheit der Einwohner Russlands. Professionelle Bettler - und andere gibt es in Moskau kaum - zahlen für ihren Arbeitsplatz festgelegte Abgaben und teilen ihre Einnahmen mit der Mafia und mit den Mitarbeitern der zahlreichen öffentlichen Ordnungsdienste. Die so demonstrierte Armut ist nur eine Form des weitverzweigten Geschäfts mit der Armut, das in Russland betrieben wird.
Im heutigen Russland treten Fälle von Hungertod kaum häufiger auf als unter der Sowjetmacht, und eine Armut, die unverzügliche Hilfe mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern erfordern würde, gibt es - entgegen den von der radikalen kommunistischen Opposition verbreiteten Meldungen - in diesem Land aller Wahrscheinlichkeit nach nicht.
In der von siebzig Jahren Sozialismus geprägten Kultur Russlands gilt als arm, wem prestigebringender Konsum verwehrt ist, und als reich, wer sich diesen leisten kann. Die einen Russen hungern demonstrativ und sagen, der Staat zahle ihnen keinen Lohn, weshalb sie nichts zu essen hätten; die andern geben ebenso demonstrativ ihr Geld für Luxusgegenstände aus, was einzig der Zurschaustellung ihres Reichtums dient. Und der russische Staat selbst demonstriert fortwährend, dass er zu arm ist, um seine Kernkraftwerke zu überwachen und zu sanieren. Gleichzeitig aber wird der Kapitalexport aus Russland und werden die Investitionen in den Wohnungsbau rund um die Hauptstädte der Föderation auf Hunderte Milliarden Dollar geschätzt.
Zu den weiteren Besonderheiten der russischen Wirtschaft gehört, dass ihre Grundlage ein Markt der Schulden ist. Der Staat schafft Schulden, verteilt sie und bemüht sich, den Handel mit ihnen zu kontrollieren. Wie der Markt der Kredite in einer echten Marktwirtschaft schafft der Markt der Schulden eine Abhängigkeit unter den verschiedenen Teilnehmern. Das Ausmass der Schulden bestimmt den Status der jeweiligen Akteure. Am reichsten an Schulden sind die energieproduzierenden Unternehmen und Organisationen. Mit ihren Schulden handeln diese Unternehmungen wie mit Aktiven, um sie schliesslich beim Staat einzufordern. Der Staat wiederum demonstriert die angehäuften Schulden gegenüber der internationalen Finanzgemeinschaft und ersucht um Auslandanleihen, um sie zu tilgen. Reich ist in Russland, wer Schulden hat und die Möglichkeit, mit ihnen zu handeln; arm ist, wer keine Schulden hat und folglich beim Staat bloss seinen unbefriedigten Konsumbedarf einfordern kann.
Die scheinbar unerschöpflichen natürlichen Ressourcen der Energiekonzerne wiegen den potentiellen Kreditor in Sicherheit, dass er seine Kredite irgendwann zurückerhalten wird. Annähernd dieselbe Funktion erfüllen gegenüber auswärtigen Finanzinstitutionen die sogenannten Reformer, offizielle und äusserst präsentable Bettler, die völlig aufrichtig und professionell Kredite beschaffen, um sie unter jenen weniger präsentablen Russen zu verteilen, die dem Staat mit Aktionen sozialen Protests drohen.
Ein wesentlicher Grund für die öffentlich demonstrierte Armut und das florierende Geschäft mit Schulden liegt darin, dass Russland in weit höherem Grad von der ehemaligen UdSSR geprägt ist, als es die einstigen KP-Mitglieder wahrhaben wollen, die heute das Land regieren. Die Wirtschaft Russlands wurde bloss in dem sehr engen Bereich der Beziehungen zu den Weltmärkten zu einer Marktwirtschaft. Korruption und Diebstahl, wie auch das Geschäft mit der Armut, sind insofern keineswegs zufällige Erscheinungen im Gefolge des Überganges zu Demokratie und Marktwirtschaft, sondern eine typische Erscheinung des heute in Russland geltenden administrierten Marktes.
Die UdSSR strebte für alle ihre Bürger Gleichheit im Konsum an und machte damit alle gleichermassen arm. Gleichheit wurde in der UdSSR verstanden als potentielle Gleichheit unter dem Kommunismus, auf dem Weg zu welchem eine vorübergehende sozialistische Ungleichheit im Status unumgänglich sei.
Gemäss der Theorie des sozialistischen Aufbaus wurde die gesamte Bevölkerung in sozial-statistische Gruppen aufgeteilt: Arbeiter, Bauern, Angestellte - je nach Geschlecht, Alter und Wohnort. Jede Gruppe wurde nach dem Grad ihrer Bedeutung für den Aufbau des Sozialismus eingestuft, und nach Massgabe dieses Grades wurde ihren Mitgliedern ein bestimmtes garantiertes Minimum an Konsum zugestanden, in Form von Lebensmitteln, Zugang zu bestimmten Läden, medizinischer Versorgung und Wohnungen. Das KGB und das Innenministerium achteten streng darauf, dass soziale Karriere und Konsumniveau der Bürger des sozialistischen Staates den Parteinormen entsprachen. Dabei folgten sie den Rechtsnormen, die in der Einrichtung der Niederlassungsbewilligung (Bindung an den Wohnort), der Arbeitsgesetzgebung (Bindung an den Arbeitsort) und im Gesetz über die Kriegsmobilmachung enthalten waren. Ein Mensch ohne Niederlassungsbewilligung konnte nicht angestellt werden und umgekehrt. Leute, die aus dem Netz der sozialen Gliederung und Kontrolle herausgefallen waren, gingen als Obdachlose automatisch aller Rechte verlustig, mit Ausnahme des Rechts, eingesperrt zu werden.
Die aus der Sicht der Ideologen gerechte Differenzierung der Bevölkerung nach dem Konsum wurde als vorübergehend betrachtet. Die gesamte offizielle Staatspolitik war auf eine Annäherung der verschiedenen Konsumniveaus ausgerichtet: Partei und Regierung deklarierten die Notwendigkeit, Unterschiede zwischen Stadt und Dorf, zwischen physischer und geistiger Arbeit zu verringern.
Eine solche Gerechtigkeit passte den Zwangsbürgern des sozialistischen Staates nicht. Sie wollten so konsumieren wie die Gruppen mit höherer sozialer Stellung. Leute aus der Provinz missgönnten Moskauern und Vorgesetzten, wie sie assen und tranken, missgönnten ihnen die Wohnungen, in denen sie lebten. Moskauer und Vorgesetzte ihrerseits beneideten die Ausländer. Die Menschen strebten nach sozialen Charakteristika, die ihnen Zutritt zur «Futterkrippe» zu verschaffen vermochten. Sie waren genötigt, einerseits ihre Benachteiligung zu demonstrieren, andererseits dem Staat alles zu stehlen, was für den Austausch von Waren und Dienstleistungen mit ihresgleichen verwendet werden konnte. Dieses Diebesgut bildete die materielle Grundlage der Schattenwirtschaft, die je nach Schätzung 20 bis 50 Prozent des Bruttonationalprodukts der UdSSR ausmachte. Unter dem Sozialismus lebte man besser, als man es zur Schau stellte.
Im Russischen existiert der Begriff «sich arm stellen». Er bezeichnete das Bemühen eines Menschen, sich so darzustellen, dass er bemitleidet und ihm gewährt wurde, worauf er kein vom sozialistischen Staat verbrieftes Recht hatte. Die Bürger der UdSSR stellten sich vor den staatlichen Verteilungsbehörden arm, um Wohnungen, Lebensmittelrationen oder Zugang zu angesehenen Kliniken zu erhalten. Wirtschaftszweige, Unionsrepubliken, einzelne Unternehmen stellten sich gegenüber den Organen der KPdSU arm, um die zur Befriedigung des Konsums ihrer Angehörigen benötigten Summen zu erhalten. Der sozialistische Staat institutionalisierte die Armut und verwandelte die gesamte Bevölkerung in mehr oder weniger unverschämte, ihre Armut demonstrierende und vom Staat Almosen fordernde Bettler.
Im Russland nach der Perestroika blieben die Einrichtungen erhalten, welche die Bevölkerung in sozial-statistische Gruppen gliedern. Das System der Niederlassungsbewilligung der Gesamtföderation wurde durch ein sich kaum von ihm unterscheidendes System regionaler Registrierung ersetzt. Die Arbeitsgesetzgebung und das System der Wehrüberwachung blieben bestehen. Zusammen mit der Verteilung der Güter reproduzieren sie sozial-statistische Struktur des Sozialismus, allerdings ohne sowjetische ideologische Einfärbung.
Auch der heutige Staat in Russland teilt die Bevölkerung in verschiedene Gruppen auf; er beschafft und verteilt die Ressourcen. Ebenso teilt er Unternehmen und Gelder jenen zu, die aus seiner Sicht ein Recht darauf haben. Ausserdem erweist sich der russische Staat selbst als geeignetes Instrument für die Demonstration und Kapitalisierung von Armut, das heisst für die Aufnahme und Verteilung auswärtiger Kredite.
Heute wird der Grad staatlicher Bedeutung einer bestimmten Gruppe durch die Grösse der Verschuldung des Staates ihr gegenüber bestimmt. Die Grösse der Schuld erweist sich als Kapital, mit dem die politische Vertretung dieser Gruppe (z. B. Gewerkschaft, politische Partei) auf dem administrierten Markt Handel treibt, indem sie für Kompensation kämpft. So konkurrieren die Organisationen der Kommunisten und der Agrarier mit verschiedenen Formationen der an der Macht befindlichen Partei um das Recht, die Interessen der Bergarbeiter, Armeeangehörigen, Lehrer, Ärzte zu vertreten - und damit um das Recht, die Verteilung der Ressourcen zu kontrollieren, die der Staat zur Tilgung seiner Schulden gegenüber diesen Bevölkerungsgruppen einsetzt.
Der Staat anerkennt wenigstens drei relativ unabhängige Formen der Armut. Arm ist, wer einer sozial-statistischen Gruppe mit niederem Status, das heisst mit niedrigem Konsumniveau, angehört. Deren Mitglieder verfügen allerdings in der Regel noch über andere Einnahmen, vor allem in Naturalien.
Arm ist weiter der, dem gegenüber der Staat die Verpflichtung, ihn gemäss seinem Status zu versorgen, nicht erfüllt; das heisst, der Staat gibt ihm nicht, was seiner Gruppe im Normalfall garantiert ist: Wohnung, Lebensmittelration, Lohnzahlung. Es ist jedoch bekannt, wie etwa Offiziere der russischen Armee ihren Lebensunterhalt aufbessern.
Arm ist schliesslich, wer sich nicht mit Business befasst, aber auch nicht in den Genuss der Schattenwirtschaft kommt, die in der Regel einen niedrigen Status und nicht erfüllte Verpflichtungen des Staates kompensiert.
Als wirklich arm im heutigen Russland können schliesslich jene gelten, die Pech hatten und sich im obgenannten Sinn als dreifach arm erwiesen: Sie haben einen niedrigen Status, der Staat erfüllt ihnen gegenüber auch die geringsten Verpflichtungen nicht, und sie haben tatsächlich keine Möglichkeit, von der Schattenwirtschaft zu profitieren.
Die Anzahl dieser wirklich Armen zu bestimmen ist ziemlich schwierig, da es keine staatlichen und öffentlichen Institutionen gibt, die sie erfassen. Mehr noch, es ist unklar, wie solche Institute auszusehen hätten und von welchen Kriterien sie sich leiten lassen müssten. Wirklich Reiche als soziale Gruppe auszumachen ist umgekehrt ebenso schwierig, weil auch verbindliche Kriterien zur Bestimmung von Reichtum fehlen.
Der Hauptteil der Bevölkerung ist jedoch weder arm noch reich. Angehörige sozial-statistisch niedrig eingestufter Gruppen beteiligen sich gewöhnlich aktiv an der Schattenwirtschaft, sind aber dadurch beeinträchtigt, dass der Staat ihnen gegenüber nicht einmal die minimalen Verpflichtungen erfüllt. Angehörige hoch eingestufter Gruppen sind über den Staat ungehalten, weil er das Staatseigentum nicht auf für sie vorteilhaftere Weise verteilt. Deshalb halten auch sie sich für benachteiligt.
Es lässt sich feststellen, dass die Bevölkerung Russlands sich im Gefolge der Veränderungen der Nach-Perestroika-Zeit in zwei Gruppen geteilt hat. Die eine besteht aus Menschen, die auf Bezahlung der Löhne und Pensionen Anspruch erheben, die andere aus jenen mit Ansprüchen auf die Privatisierung von Staatseigentum. Wer auf Auszahlung von Löhnen und Pensionen Anspruch erhebt, hungert und streikt demonstrativ, wenn er vom Staat nichts erhält. Wer Staatseigentum beansprucht, benützt die Manifestationen sozialen Protests jener, die auf die Auszahlung ihrer Arbeitslöhne warten, zur Begründung seiner Vorrechte auf das vom Staat zu verteilende Eigentum. Beide Gruppen sprechen sich mehr oder weniger offen darüber ab, innerhalb welcher Grenzen Diebstahl und andere Formen der Teilnahme an der Schattenwirtschaft zulässig seien, was der Gruppe der Lohnempfänger nicht bloss ein Überlebensminimum, sondern auch Ersparnisse ermöglicht. Beide Gruppen halten sich für arm und demonstrieren ihre Armut, die einen, indem sie behaupten, nichts zu essen zu haben, die anderen, indem sie behaupten, das Geld reiche ihnen nicht für die Bestechungen, ohne die der Kauf eines Unternehmens nicht zustande kommt.
Voraussetzung für die Erhaltung und Erhöhung des Konsums bildet die Demonstration von Armut. Periodisch werden in russischen und in ausländischen Medien Propagandakampagnen gestartet, die ein Bild davon vermitteln sollen, wie arm die Bergleute, Lehrer, Ärzte, Armeeangehörigen oder die von den Spätfolgen der Explosion des Atomreaktors in Tschernobyl Betroffenen seien. Das postsozialistische Russland stellt sich vor der Weltgemeinschaft als arm dar, um Kredite und Hilfe zu erhalten, und seine Bürger pochen auf ihre Armut gegenüber ihrem Staat, um so konsumieren zu können, wie das ihrer Meinung nach reiche Leute tun.
Der innere Aufbau des sich arm stellenden Staates bleibt Geheimnis, allein der potentielle Reichtum an Rohstoffen und die demonstrierten Anzeichen von Armut geraten ins Blickfeld ausländischer Beobachter. Russland hat seinen eigenen Weg des Kapitalismus gefunden, zu dem besonders die Schaffung des Mythos von Armut und der Handel damit auf dem inneren und äusseren Markt gehören. Die demonstrative Armut der Sowjetarmee zum Beispiel verwandelte sich nach erfolgreicher Kapitalisierung dieses Mythos in den persönlichen Reichtum vieler russischer Offiziere und Generäle, in mit deutschem Geld gebaute Offizierssiedlungen und Kasernen. Das mythologisierte Leiden der Opfer von Tschernobyl verwandelte sich in den Reichtum der Leiter der zahlreichen Organisationen, welche die Interessenvertretung der Geschädigten beanspruchen. Die Armut von Regionen wie Tatarstan, Baschkirien oder Jakutien wurde kapitalisiert in zahlreichen Vergünstigungen und einer damit verbundenen Bereicherung der nationalen Eliten.
Armut hat sich als gute Ware erwiesen. Vom Staat insgesamt und von einzelnen seiner Einrichtungen produziert, wird sie exportiert und vom weltweiten politischen und finanziellen Establishment, das um die Stabilität im atomaren Staat besorgt ist, konsumiert. Im Austausch dagegen erhält Russland reale Kredite und die scheinbare Anerkennung seines Status als Supermacht.
Die Diskussionen über den Aufbau des Kapitalismus in Russland endeten in der Bildung eines spezifisch russischen administrierten Marktes, in dem Schulden zur hauptsächlichen Ware wurden. Die sozialen Grundlagen des Sozialismus wurden wiederhergestellt, wenn auch ohne offizielle Ideologie und ohne staatlichen Repressionsapparat. Weil die Verteilungs- und Schuldenwirtschaft ohne verbindende Idee jedoch wenig Sinn ergibt, erteilt der Staat seinen intellektuellen Zudienern periodisch den Auftrag, in Worten zu formulieren, was er praktisch realisiert. Die Privatisierung der Repressionseinrichtungen erlaubt dem Staat nicht, mit den bekannten sozialistischen Methoden «für Ordnung zu sorgen». Ist die vereinigende Idee einmal formuliert und sind die Repressionseinrichtungen nationalisiert, ist es aber gut möglich, dass die näheren und ferneren Nachbarn die konsolidierte innere Aggression der «armen», neidischen und gut bewaffneten Russen bald zu spüren bekommen werden.
Simon Kordonski ist Soziologe; er lebt in Moskau.