NZZ Folio 12/03 - Thema: Kitsch und Kult   Inhaltsverzeichnis

Die singende Eiche

Frohgemut durchschreitet er seit Jahrzehnten die heile Welt, höher als die Verkaufszahlen ist nur sein Kultstatus: Ein Gespräch mit Heino, dem Monument der deutschen Volksmusik.

Von Andreas Dietrich

Heino, am 13. Dezember 1938 als Heinz-Georg Kramm in Düsseldorf geboren, hat so viele Schallplatten aufgenommen, Auszeichnungen erhalten, Konzerte gegeben, Fernsehauftritte absolviert, dass er das Zählen eingestellt hat. Erwähnt sei die tiefste Ziffer: Laut einer neuen Umfrage weiss 1 Prozent der Deutschen nicht, wer Heino ist. Eine kanadische Punkband würdigte den Bekanntheitsgrad in einem Heino-Song mit den Zeilen: «Down in the Ratskeller / Up in the Schloss / Everyone in Deutschland / Knows who’s boss.»

Seit sie 1965 entdeckt wurde, dreht sich die musikalische Welt der «Stimme Deutschlands», eines Baritons, um Heimat, Berge, Seefahrt, Wander- und verwandte Freuden sowie um die Liebe in jeder rechtschaffenen Form. Schätzungsweise tausend Lieder gehören zu Heinos Lebensrepertoire, darunter die Evergreens «Die schwarze Barbara», «Schwarzbraun ist die Haselnuss» und «Blau blüht der Enzian»; diesen legte er 1988 in einer Rap-Version neu auf, womit er sich über Nacht ein neues, junges Publikum erschloss. Es gab immer wieder Zeiten, in denen es still wurde um ihn – doch die Legende lebt: Heino hält sich munter und beharrlich im Geschäft der Volksmusik im weitesten Sinn.

Der 65-Jährige lebt in Bad Münstereifel, einem Kurort in der Nähe Kölns. Hier betreibt er das Heino-Rathaus-Café, das zur Pilgerstätte geworden ist. Serviert wird die Heino-Haselnusstorte (er hat Bäcker gelernt), zu kaufen gibt es allerlei, unter anderem Heino-Parfum, Heino-Sekt, Heinos Kultbrille. Diese trägt er auch, als er sich in einer anfangs ruhigen Ecke des Cafés zum Interview setzt. «Hier sind wir ungestört», sagt er und zündet sich eine sehr lange Zigarre an.

Herr Kramm, Sie sehen ja immer noch aus wie Heino.

Ein paar Falten sind dazugekommen, aber das ist auch schon alles. Gross verändert habe ich mich tatsächlich nicht. Im Wesen nicht, im Äusserlichen nicht. Das Herz ist immer noch jung, die Seele auch.

Und immer noch sind Sie der Blonde mit der dunklen Brille.

Heino eben, wie man ihn kennt.

Stört es Sie nicht, dass man Sie auf Haarfarbe und Brille reduziert?

Überhaupt nicht. Das ist das einprägsame Bild, das man von mir hat. Es hat sich so ergeben, ohne dass es je beabsichtigt gewesen wäre. Ich habe nie bewusst an einem Image gearbeitet. Ich war immer der, der ich bin.

Ihr Entdecker hat Ihnen anfänglich allerdings schon ein Image verpasst: Heino ist arm, blass und einsam.

Bis zu einer gewissen Zeit war das ja auch in Ordnung. Wir hatten uns überlegt: Wie muss einer daherkommen, der Lagerfeuerromantik heraufbeschwört? Rollkragenpullover, Gitarre – das ist doch klar. Krawatte hätte nicht gepasst. Aber ich habe mich nie verstellt, nur um einem Image gerecht zu werden. Ich habe auch nie die Dienste von Imageberatern beansprucht.

(Eine Gruppe Schüler tritt an den Tisch. «Entschuldigung, wissen Sie, wie die Strasse bei der Kirche heisst?» – «Ich bin grad in einem Interview.» – «Wir müssen das für ein Quiz herausfinden.» – «Tut mir leid, da kann ich euch nicht weiterhelfen. Fragt doch an der Theke nach. Tschüss.»)

Kein anderer Musiker hat eine derart starke Corporate Identity wie Sie. Ist Heino als Markenartikel geschützt?

Wenn ein anderer Künstler sich Heino nennen würde, wäre das lächerlich. Einer hat es mal getan, dem haben wir das Singen verboten. Geschützt ist die Brille mit dem Heino-Schriftzug.

Die dunkel getönte Brille tragen Sie wegen eines Augenleidens, was viele nicht wissen und einige Ihnen nicht glauben. Wie oft wurden Sie schon aufgefordert, mal die Brille abzunehmen?

Fast bei jedem Interview. Aber ich behalte sie auf. Ich sage andern ja auch nicht: Nehmen Sie doch bitte mal Ihre Zähne raus.

«Meine Brille» heisst eines Ihrer neueren Lieder. Sie singen, Ihre Brille sei genau wie Sie, «cool und heiss begehrt». Sind Sie noch begehrt?

Ich habe schon das Gefühl, begehrt zu sein. Die Medien und die Menschen kommen immer noch zu mir. Aber das kann mein Manager besser beurteilen.

(Der Manager Dieter Mauritz, der dabeisitzt, sagt: «Wer in seinem Alter hat immer noch einen Schallplattenvertrag, und zwar nicht bei irgendeinem kleinen Label? Das sagt doch schon fast alles. Dieses Jahr war vollgestopft mit Terminen, das Highlight ist eine Fernsehgala im Dezember zu seinem 65. Geburtstag, nächstes Jahr geht er wieder auf Tournee …»)

Und was ist «cool» an Ihnen?


Ich bin der Typ, der seit bald 40 Jahren ein Thema ist in deutschen Familien. Über den wird immer gesprochen: Die Jungen tun es eher negativ, die Mittelalterlichen enthalten sich der Stimme, die etwas Älteren lieben ihn. Wobei mich viele Junge, sobald sie mich am Fernsehen sehen, plötzlich toll finden. Sie merken: Hey, das ist ja gar nicht Lederhose, was der macht. Heino ist ja cool!

(Heinos Handy läutet bzw. spielt als Klingelton eine synthetische Klavierversion des «Ave Maria» von Bach. Die «Welt am Sonntag» ist am Apparat, Heino reicht das Handy an Dieter Mauritz weiter.)

Soeben haben Sie den letzten Teil einer CD-Trilogie fertiggestellt, die «Kult 1–3» heisst. Kult ist ein grosses Wort.

Wenn die Jungen auf einen zukommen und sagen: Mann, du bist einfach Kult – dann macht man sich das auch zu eigen. Ob ich wirklich Kult bin, wissen andere besser. Aber ich freue mich, wenn Junge das so sehen.

Kult hat zwei Seiten, die eine ist echte Verehrung. Ihr Café ist ein Wallfahrtsort, für die Fans sind Sie die Mutter Teresa mit der tiefen Stimme. Fühlen Sie sich solchen Leuten gegenüber verpflichtet?

Sicher, der Verantwortung stelle ich mich. Mit meiner Musik habe ich den Menschen viel gegeben. Als vor 38 Jahren meine erste Schallplatte erschien, «Jenseits des Tales», merkte ich, wie unheimlich gross die Nachfrage nach traditionellen deutschen Volksliedern ist.

Sie wurden auch schon als «Professor Grzimek der Schlagerbranche» bezeichnet, der Natursehnsüchte weckt und vom Aussterben bedrohte Werte hervorholt. Sehen Sie das auch so?

Ich habe einfach gespürt, dass die Menschen sich nach dem schönen, alten Liedgut sehnen. Diesen Wünschen habe ich entsprochen. Später habe ich auch anderes gemacht, Tagesschlager, die in mein Repertoire hineingewachsen sind. Aber lange war ich der Einzige, der sich nicht geschämt hat, auf der Bühne «Am Brunnen vor dem Tore» zu singen, «Ännchen von Tharau», «Loreley» – wunderschöne Lieder. Die wurden zu einer Zeit komponiert, als die Welt noch in Ordnung war.

Womit Sie unter Kitschverdacht stehen.

Ich weiss, dass man mir vorwirft, ich besänge eine heile Welt. Aber viele Menschen identifizieren sich lieber mit der heilen Welt als mit der kaputten. Wir leben in einer Spassgesellschaft, keiner nimmt den andern ernst, und das ist nicht schön. Deshalb gesellen sich so viele zu mir, weil ich noch die historischen Lieder pflege. Für nächstes Jahr plane ich Auftritte in Konzerthäusern, um mich von dem ganzen Bummbumm und Gesumse abzusetzen. Das sollen kulturelle, festliche Abende werden, mit Mozart, Schubert, Bach. Die gehören ja auch zu Heino.

In Ihrer Autobiographie beschreiben Sie den Moment, als Ihr «tiefes Gefühl für die Lieder der Wandervögel» geweckt wurde: Sie sassen als junger Bursche in einer Gartenlaube, einer spielte Gitarre, der Himmel färbte sich rot, alles war wunderbar. Dann fiel Ihnen auf, dass das Abendrot von einem Hochofen stammte – ein treffendes Bild für das Trügerische der Idylle. Warum hat es keine Spuren bei Ihnen hinterlassen?

Viele Sachen, über die ich singe, das gebe ich ehrlich zu, entsprechen nicht mehr der heutigen Zeit und sind nicht mehr realistisch. Aber deswegen darf das Liedgut doch nicht aussterben! Mit meinen Texten sage ich, wie schön es früher war und wie schön es eigentlich sein könnte. Und, wenn ich es böse ausdrücken will: wie schlecht wir Menschen die Welt gemacht haben.

Kult hat eine zweite Seite, eine ironische. Man findet etwas so schlecht, dass es schon wieder gut ist.

Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn Leute meine Lieder nicht mögen. Ich habe ein gesundes Empfinden dafür, was Leute, die zu mir kommen, von mir hören wollen. Nur für die singe ich. Für die, die mich nicht mögen, singe ich ja nicht. Und der Kreis derer, die mich mögen, ist wesentlich grösser als der andere.

Ich meine aber die Schnittmenge, wo die Anziehungskraft des Abstossenden wirkt. Rainer Moritz, der Verlagsleiter von Hoffmann und Campe und ein grosser Schlagerfan, nennt es «Ekelfaszination».

Vielleicht ist er selber ein Ekel.

Sie dürfen das wohl sagen. Er bezeichnet Heino als «das Brechmittel mehrerer Generationen».

Da mach ich mir keinen Kopf drüber.

Sie haben sich Feinde geschaffen.

Gott sei Dank. Wobei ich glaube, dass das Neider sind, und das ist noch viel schlimmer. Jede Arbeit ist ihren Lohn wert, da kommt Neid auf. Mein Repertoire muss man nicht mögen. Aber wenn einer mich nicht kennt und mich persönlich kritisiert, ist er ein Arsch.

Auch Sie teilen gern aus. Zum Thema volkstümlicher Schlager sagten Sie einmal, dass Sie eine Augenentzündung kriegen, wenn Sie eine Lederhose sehen.

Tatsächlich denken viele, Volksmusik bestehe aus Lederhose und Jodeln. Was ich mache, hat mit dem einen und dem andern überhaupt nichts zu tun.

Sondern?

Als ich anfing, haben alle über Volksmusik gelacht. Ich war der Einzige, der das Wort in den Mund genommen hat. Aber irgendwann konnte man nicht mehr verschweigen, dass ich in Deutschland besser verkaufte als die Beatles. Und das zur Hochblüte des Beats.

Sie waren das Gegenprogramm zum Beat.

So ist es, Heino schwimmt immer gegen den Strom. Selbst in meiner damaligen Plattenfirma haben ein paar über mich gelacht und nicht gemerkt, dass ich ihren Arbeitsplatz sicherte. Aber dann haben immer mehr Musiker versucht, auf meine Schiene zu kommen. Der Zug rollte, die Lokomotive Heino vorn, und alle sind noch schnell hinten draufgesprungen. Da sind viele Lieder entstanden, die zu singen ich mich schämen würde. Ich will jetzt keine Namen nennen … Mich kann man nicht vergleichen mit den Leuten, die sich heute erlauben, Volksmusik zu machen. Da ärgere ich mich manchmal schon drüber. Viele von denen identifizieren sich gar nicht damit. Auf der Bühne stehen sie in Lederhose und schunkeln zu schlechten Arrangements – nach dem Auftritt schlüpfen sie in Jeans und reden über Heavy Metal. Da krieg ich einen Hals. Da sind doch Betrüger am Werk, die den Menschen nur das Geld aus der Tasche ziehen. Wenn es um das schöne, deutsche Kulturgut geht, bin ich mit meinen 65 Jahren immer noch der, der das am besten kann. Und der über die ganze Zeit am meisten verkauft hat.

Sie haben das Selbstbewusstsein einer deutschen Eiche …

… aber ich war mal ein Strauch, der gewachsen ist. Man sät, dann erntet man.

Politisch standen Sie lange unter dem Verdacht des Rechtsextremismus: deutsch, blond, rückwärtsgewandt und Halter von Schäferhunden.

Das ist doch Quatsch. Von den tausend Liedern meines Repertoires stammt kein einziges aus der Nazizeit. Von einem wusste ich es nicht, und als man mich darauf aufmerksam machte, sang ich es nicht mehr. Dass die Nazis alte Lieder missbraucht haben, darf nicht den Liedern angelastet werden. Sonst müsste ich in meinem Café ja auch alles braune Holz grün anstreichen.

(Dieter Mauritz unterbricht: «Wie viel Zeit brauchen wir noch für das Interview? Vor dem Café warten nämlich zehn Kinder, die Heino ein Ständchen bringen möchten.» Heino: «Dann lasst uns eine Pause machen.» Die Kinder singen «Alle meine Entchen» und erhalten als Dankeschön eine Handvoll Heino-Köpfe aus Fruchtgummi geschenkt.)

Sie wählten jahrelang SPD, später pendelten Sie zwischen CDU und FDP, als ersten Grünen haben Sie sich auch schon bezeichnet. Wo stehen Sie politisch?

Ich bin «einer von uns», einer vom Volk. Links würde ich nicht sagen, aber ich bin für die arbeitende Schicht, den Malocher. Weil ich selber ein Malocher bin. Mein Herz schlägt nicht für die oberen Zehntausend, sondern für die unteren.

Einer von denen sind Sie allerdings nicht. Sie sind reich.

Aber mir macht das Arbeiten Spass. So ist das.

(Eine ältere Dame stürmt heran: «Entschuldigung, ich bin eine 75-jährige Witwe und ein grosser Heino-Fan, ich verehre Sie seit Jahrzehnten. Darf ich bitte ein Foto machen?» Sie setzt sich neben Heino, Mauritz nimmt den Fotoapparat, nach einem Klick stellt sich heraus, dass der Film voll ist. «Macht nichts, ein Bild ist ja drauf.» Sie bedankt sich, Heino bedankt sich auch.)

Ans Aufhören denken Sie nicht?

Solange mir der liebe Gott meine Stimme lässt und ich Spass daran habe, werde ich singen. Aber nur, weil ich will. Ich muss nichts mehr. Ich lasse mich nicht mehr hetzen und schaue gelassen in die Zukunft.

Sind Sie glücklich?

Sehr, ja doch. Man kann sich nur glücklich schätzen, wenn einem solches passiert wie vorhin: In kürzester Zeit darf man einer Schar Zehnjähriger und einer 75-jährigen Witwe Freude bereiten – ist das nicht herrlich?

Lüften Sie noch ein Geheimnis: In «Blau blüht der Enzian» geht es mit einem Schweizer Maderl von Berghütte zu Berghütte, «in der dritten Hütte hab’ ich sie geküsst, keiner weiss, was dann geschehen ist». Was ist dann geschehen?

Der Text stammt ja nicht von mir … Ich habe nie in dieser Form in einer Hütte mit einer jungen Dame rumgemacht oder was auch immer, dass ich das hier, wie andere Kollegen es in ihren Büchern tun, ausbreiten möchte. Da ist nichts in der dritten Hütte passiert.

In Ihrer Autobiographie geht es allerdings auch hoch zu und her: uneheliche Tochter, Frauengeschichten, Scheidungen, Betrug in der Branche – das ist alles andere als heile Welt. Dennoch hat Ihr tugendhaftes Image nicht gelitten. Warum nicht?

Weil ich immer ehrlich war. So bin ich erzogen worden. Ich kann nicht ehrliche Lieder singen und nebenbei lügen. Ich stehe zu allem, was ich getan habe. Wir sind ja alles nur Menschen. Man muss dem Feind immer ins Auge schauen, immer tun, was man fühlt. Sonst hätte meine Karriere nicht so lange gedauert. Ich mache ja etwas, das den Menschen gefällt, und mit Lügen und Unehrlichkeit kommt man da nicht weit.

Sie sind seit bald 25 Jahren mit Ihrer dritten Frau, Hannelore, verheiratet, einer Postbeamtentochter und ehemaligen Prinzessin von Auersperg …

… die Medien gaben uns damals genau ein Jahr.

Der heilige Antonius, von dem in der Nähe Ihres Wohnortes eine Statue steht, ist so etwas wie Ihr gemeinsamer Schutzpatron. Besuchen Sie ihn regelmässig?

Klar gehen wir immer wieder mal vorbei. Einen muss man ja haben, dem man eine Kerze anzünden kann. Wenn wir sonntags unsere Open-Air-Veranstaltungen vor dem Café machen, bitten wir ihn vorher um schönes Wetter. Und wissen Sie was? Wir haben sonntags noch nie Regen gehabt.

Andreas Dietrich ist NZZ-Folio-Redaktor.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.