NZZ Folio 09/98 - Thema: Japan   Inhaltsverzeichnis

Mangamania

Warum der Japaner am liebsten Comics liest.

Von Cuno Affolter

DA STAUNT DER JAPAN-TOURIST: Geschäftsleute in dunklen Anzügen, die man eher beim sorgenvollen Studium von Börsenkursen erwartet, lesen Comics in der U-Bahn, beim Schnellimbiss, ja sogar beim Gehen durch die Strassen. In aller Öffentlichkeit und in jeder kleinen Arbeitspause greift der Japaner, aber auch die Japanerin, zum Comic-Heft, zum Manga. Wie ein Virus hat die Mangamania alle Alters-, Geschlechts- und Sozialschichten erfasst und eine Industrie hervorgebracht, die jährlich 2,3 Milliarden Mangas absetzt und mit einem Umsatz von 6,5 Milliarden Franken zu den grössten Wirtschaftszweigen des Landes gehört.

Japan ist der grösste Comic-Markt der Welt. Über ein Drittel aller Druckerzeugnisse des Landes gehören zu diesem Genre, das sich hier zu einer ganz eigenen Form entwickelt hat. Ein klassisches Manga-Magazin ist über 300 Seiten stark. Es kann aber auch, wie etwa das monatlich erscheinende tausendseitige «Afternoon», Telefonbuchdimension annehmen.

IM STADTTEIL BUNKYO-KU im Zentrum von Tokio befindet sich die Redaktion des Manga-Magazins «Morning», das in einer wöchentlichen Auflage von derzeit 800 000 Exemplaren vom Verlagsgiganten Kodansha herausgegeben wird. «Morning» ist der gehobene Manga für 20jährige Männer und bietet trotz dieser Fokussierung eine äusserst breite Stil- und Themenvielfalt. Die Palette reicht von turbulenter Science-fiction bis hin zu minuziös recherchierten Historienschinken. Da hat der anarchische Sumo-Kämpfer Harimana, der in der Serie «Aa! Harimana da» regelmässig gegen die starren Konventionen und rigiden Regeln des Sumo ankämpft, genauso Platz wie «Cooking Papa», der Kochprobleme bespricht, Handgriffe erklärt und auch gleich Rezepte in Manga-Form liefert.

Am späten Nachmittag trudeln die ersten Mitarbeiter im Grossraumbüro mit Bonsai-Dimension ein, es beginnt ein Arbeitstag, der nicht selten bis zum Morgengrauen dauert. Dresscodes wie in anderen Berufen gibt es in diesem Business nicht. Wer hier arbeitet, ist hochgeachtet und kann es sich deshalb leisten, unrasiert in der rund vierzigköpfigen Redaktion zu erscheinen. Die kleinen Arbeitstische sind dicht gedrängt und streng hierarchisch geordnet. Je näher man beim Chef sitzt, desto wichtiger ist man. Ganz hinten sitzen die Studentinnen. Sie schneiden computergeletterte Sprechblasen von Hand aus und leimen sie auf die Originale. Als ob es im Lande der Roboter und Computer noch keine Scans gäbe.

Aber die schräg geklebten Lettern wie auch der billig wirkende, meist schwarzweisse Druck auf Recyclingpapier sind beabsichtigt. Sie verweisen auf die Wurzeln des Mangas, die bis in die Edo-Zeit (1600?1867) zurückreichen. Eine neue Holzdrucktechnologie ermöglichte die Massenproduktion der 15 Bücher des Holzschnittmeisters Katsushika Hokusai (1760?1849), in denen Alltagsszenen und Landschaften abgebildet sind und die unter dem Namen «Hokusai Manga» gesammelt wurden.

Der moderne japanische Manga mit sequenzierter Bildfolge und Sprechblasen ist allerdings ein Nachkriegsphänomen und geht auf den Zeichner Osamu Tezuka (1929?1989) zurück, der in Japan als manga no kamisama (Gott der Mangas) verehrt wird. Der Disney-Fan, der auch noch gleich seine Autobiographie in Manga-Form schrieb, verband moderne, filmische Elemente mit der Holzschnitttradition des Mangas. Er verstand den Manga als eine Art gezeichneten Film. Noch heute ersetzen raffinierte Bildfolgen die Wortsprache. Ein Samuraikampf kann wortlos auf über 50 Seiten ausgedehnt werden, jedes Bild entspricht einer anderen Einstellung. Ein 320-Seiten-Manga, so haben Untersuchungen ergeben, kann in 20 Minuten einverleibt werden, das macht 16 Seiten pro Minute oder 3,75 Sekunden pro Seite. Manga lesen ist wie Daumenkino im Slowmotion-Tempo.

ES IST MITTERNACHT geworden auf der «Morning»-Redaktion. Einer döst vornübergebeugt auf seinem winzigen Arbeitstischen, auf dem sich mehrere Lagen Papier, Magazine, Notizen häufen. Die Luft ist stickig heiss, die Faxmaschinen laufen auf Hochtouren. Aus dem ganzen Lande treffen skizzierte Bildfolgen ein. Es gilt, jede Woche ein Magazin mit annähernd zwanzig verschiedenen Geschichten zu füllen, die wie Sushi häppchenweise serviert werden. Ein Kapitel einer Serie ist gerade so lang, dass es zwischen zwei Untergrundstationen verschlungen werden kann.

Jede «Morning»-Serie wird von einem eigenen Redaktor betreut. Er ist das Bindeglied zwischen dem Zeichner, der Redaktion und den Lesern und massgeblich an der Entwicklung einer Geschichte beteiligt, auch wenn er nicht im Impressum erscheint; in Japan wird üblicherweise der Zeichner als alleiniger Szenarist aufgeführt. «Der japanische Comic ist ein komplizierter, für Europäer schwer nachzuvollziehender Gruppenprozess», sagt der Franzose Pierre-Alain Szigeti. Sieben Jahre lang war er - als erster und bisher einziger Nichtjapaner - Redaktor bei «Morning». «Jedes Detail, von der ursprünglichen Idee über den Szenariumsentwurf bis hin zur Reinzeichnung, wird immer wieder in Gruppen diskutiert.» Ständig werden Veränderungen vorgenommen, Ideen von anderen Redaktionsmitgliedern fliessen ein. Der Zeichner führt alle Vorschläge, oft in letzter Minute vor dem Abgabetermin, widerstandslos aus. Er versteht sich nicht als Künstler im europäischen Sinne, sondern als Diener seiner Leserschaft.

Um diese bei der Stange zu halten, liegt jedem Manga-Magazin ein Fragebogen bei, man will den Vorlieben der Leserschaft empirisch auf den Grund gehen: Welches Bild hat Ihnen am besten gefallen? Welche Comic-Helden bevorzugen Sie? Welche Weiterentwicklung der Figuren wünschen Sie? «Lange vor den interaktiven Medien war der Manga interaktiv», sagt Szigeti. «Die Leserumfragen werden sehr ernst genommen. Stellt es sich zum Beispiel heraus, dass die Leser lieber Milch als Cola trinken, trinken Manga-Helden künftig Milch. Kommt eine Serie nicht an, wird sie sofort eingestellt. Ist eine Serie erfolgreich, dann kann sie schon mal auf über 20 000 Seiten gestreckt werden, obwohl die Geschichte ursprünglich auf 400 Seiten angelegt war. Was die Leser verlangen, bekommen sie.»

In der Regel produziert ein Zeichner pro Woche 16 bis 32 Seiten, allerdings hat er Assistenten, die ihm helfen. Da gibt es Spezialisten für den Hintergrund, für technische Geräte und vieles mehr. Keiji Kawaguchi, Zeichner der Politfiktion «Silent Service», arbeitet an mehreren Serien gleichzeitig und bringt es mit sechs jungen Assistenten auf über 100 Seiten pro Woche. Er versteht sich als Regisseur der über 4000 Seiten langen Serie, zu der er die Grundidee hatte: Während eines Seemanövers macht sich das japanische Nuklear-U-Boot «Seabat» unter Captain Shiro Kaieda selbständig; Kaieda erklärt sein U-Boot zur Nation und droht der übrigen Welt mit einem Nuklearkrieg.

Kawaguchi, der das Privileg geniesst, die Hauptfiguren zeichnen zu dürfen, arbeitet ohne Unterbruch sieben Tage die Woche. Nur einmal pro Jahr nimmt er einen Tag frei. Dann trifft er andere Manga-Zeichner zum traditionellen Manga-Baseball-Turnier. Kawaguchis Assistenten tun alles, um seinen Stil zu imitieren. Jahre später werden sie selber erfolgreiche Mangaka sein. Dass sie dabei im Stil ihres Meisters zeichnen werden, ist nicht verpönt, sondern wird als Huldigung an den Meister angesehen.

EINMAL GELESEN, landet das Manga-Magazin auf dem Müll. Die dicken Schinken lassen sich in den kleinen Wohnungen schlecht horten, und auch die Tiefpreispolitik fördert die Wegwerfmentalität. Durchschnittlich 250 Yen kostet ein Manga-Magazin, das ist weniger als ein U-Bahn-Ticket. Ein Magazin wird zuweilen auch bloss wegen einer einzigen Serie gekauft. «Sailor Moon» etwa, die rührige Geschichte der Schülerin Bunny Sukino, die eines Tages auf die als Katze wiedergeborene Mondprinzessin Celenity trifft und dadurch selbst zu magischen Kräften kommt, verdoppelte die Auflage des Magazins «Nakayoshi» innerhalb weniger Monate von einer auf zwei Millionen. Magazingeschichten, die einen solchen Erfolg haben, werden später in Tankobon, in Sammelausgaben auf gutem Papier, nachgedruckt. Sie enthalten 10 bis 15 Magazinepisoden und kosten rund 400 Yen. Über 300 solcher Tankobon umfasst das Gesamtwerk des Manga-Doyens Tezuka. Aber auch die Sammelausgaben werden nicht gesammelt. Will man eine Geschichte später erneut lesen, ersteht man eine neue Ausgabe, und der Zeichner schöpft zum zweitenmal Tantièmen. Die Auflagen einzelner Serien erreichen dabei traumhafte Zahlen. 70 Millionen Mal verkauften sich die rund 90 Bände der Detektivserie «Golgo 13», und ein Ende ist nicht abzusehen. Was der Müllschlucker einsammelt, wird gleichzeitig irgendwo wieder nachgedruckt und wartet darauf, wiedergelesen zu werden. Nichts ist endgültig, alles ist im Fluss in dieser Industrie, in der es für jeden Geschmack und für jedes Alter etwas gibt.

Auf Sportfreunde zugeschnitten sind spezielle Mangas aus der Welt des Golfs, Baseballs oder Sumo. Von erfolgreichen Sportlern liegt eine Biographie oder ein Lehrbuch in Comicform vor. Der heranwachsende Jüngling greift zu einem Shonen-Manga mit Action-Sagas oder dramatischen Geschichten aus dem Schulmilieu. Sekretärinnen bevorzugen sogenannte Office-Ladies-Mangas, die aus dem Büroleben erzählen, einmal realistisch, einmal humorvoll wie in «OL Shinkaron», wo die Frauen ganz im Sinn eines neuen Bewusstseins der Japanerinnen das Sagen haben. Aber zur Zerstreuung tut es bisweilen auch eine romantische Liebesgeschichte, gewürzt mit einer Prise Sex.

Bis vor wenigen Jahren richteten sich Mangas je nachdem an Männer oder an Frauen. Heute sind vor allem Unisex-Magazine im Trend. Der Manga-Markt entwickelt sich mit seiner Leserschaft weiter. Die Industrie arbeitet daran, spezielle Mangas für Rentner und deren Probleme zu entwickeln, und längst hat sie auch ins Ausland expandiert. Bereits in den achtziger Jahren wurde der japanische Comic in den ostasiatischen Raum exportiert, in den neunziger Jahren dann auch in die USA und nach Europa, vor allem nach Frankreich und Spanien. IN WESTLICHEN VORSTELLUNGEN sind japanische Comics geprägt von bluttriefenden Stories und expliziten Darstellungen sämtlicher sexuellen Perversionen. Tatsächlich findet man in den Mangas davon im Überfluss. Doch gibt es auch genügend Beispiele grossartiger Werke, welche die Alltagskultur Japans, seine Geschichte oder gar philosophische oder religiöse Themen behandeln. «Ikkyu» von Hisashi Sakaguchi etwa erzählt den Werdegang eines Novizen zum Zen-Meister. Und der 35jährige Oda wagt es, in «Dispersion» die Zwischenwelt von Tod und Leben bildlich einzufangen und aus einer Liebesgeschichte einen buddhistischen Diskurs über den Sinn des Lebens zu entwickeln. Beide Werke zeichnen sich aus durch einen Mut zu Leere und Stille, durch Sequenzen von meditativer Durchlässigkeit, wie sie im Westen unbekannt ist.

«Die japanische Schrift ist aus Bildern entstanden. In den Mangas wird die Grenze zwischen Schrift, Text und Bild aufgehoben», sagt die Manga-Übersetzerin Junko Iwamoto. «Der Manga ist nicht, wie im europäischen Comic, ein Bild, er ist eher Kalligraphie. Aus der Shodo-Kalligraphie, einer der traditionellen Künste Japans, bezieht der Manga noch immer seine ursprüngliche Energie.»

Der Manga dient sowohl der Unterhaltung und Ablenkung als auch der Bildung und Information. «In einem Land, in dem politische Skandale nicht in der Zeitung behandelt werden, übernehmen die Mangas - allerdings stark kodiert - diese Aufgabe», sagt der Argentinier Eduardo Oerenstein, der einen Dokumentarfilm über das Manga-Phänomen gedreht hat.

Für reichlich Stoff ist damit auch in diesen Tagen gesorgt.

Cuno Affolter, Comic-Kritiker, lebt in Olten.


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