NZZ Folio 09/01 - Thema: Europa   Inhaltsverzeichnis

Richtig leben mit Geri Weibel -- Wollkappe und Edelweiss

Von Martin Suter

GERI IST KEIN Pessimist. Er ist ein vorsichtiger Optimist. Das äussert sich in Kleinigkeiten. Das graue Septemberwetter lässt zwar nicht befürchten, dass er in die Verlegenheit kommen könnte, seinen nackten Oberarm zu zeigen. Aber das Wetter ist ja nicht der einzige Anlass, sich vor einem anderen Menschen zu entblössen. Deswegen trägt Geri jeden Tag ein frisches, antiallergisches Heftpflaster über seinem Edelweiss-Tattoo.

Am Anfang hatte das auch seine medizinische Berechtigung. Der Tätowierer in Ibiza hatte ihm ein Bio-Tattoo gemacht. So nennen das die Fachleute, wenn sie ausschliesslich in der zweiten Hautschicht arbeiten, damit das Werk im Lauf der Zeit verblasst.

Geri hatte gehofft, den Prozess mit Saugen, Scheuern und Bürsten etwas beschleunigen zu können. Aber alles, was er dadurch erreichte, war eine nässende Entzündung. Nachdem sie abgeheilt war, trat das Edelweiss wieder in seiner ganzen Pracht hervor. Klarer und deutlicher noch als vorher, wie ihm schien.

Auch eine diskrete Konsultation bei einem hiesigen Tattoo-Artisten brachte ihn nicht weiter. Als Geri ihm - nachdem er ihn ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass alles hier Besprochene unter das Tätowierer-Geheimnis falle - das Edelweiss zeigte, hatte dieser einen Lachanfall.

Nicht wegen des Motivs - das sei ganz ansprechend gelungen -, sondern wegen des Bio-Tattoos. «Kein Mensch kann ausschliesslich in der zweiten Hautschicht arbeiten. Die einzigen Tattoos, die in weniger als fünf Jahren verschwinden, sind Henna-Tattoos und Abziehbildchen», grinste er. Er bot ihm an, das Edelweiss in ein Marihuanablatt umzuarbeiten. Geri bat sich Bedenkzeit aus. Aber der Trend arbeitet diesmal für Geri. Seit Manu Chao deutet alles auf eine Abwendung vom hedonistisch Coolen hin zum altruistisch Engagierten.

An einem frischen (18 Grad), aber keineswegs winterlichen Mittwoch taucht Robi Meili mit einer zwar schwarzen, aber handgestrickten Wollkappe im Steel auf und macht keine Anstalten, sie abzulegen. Er stellt sich an die Chrombar und bestellt einen Tequila mit nichts als Eis.

Was Geri hellhörig macht, ist die Reaktion der anderen. Sie bleibt aus. Zumindest von Freddy Gut, in dessen Gebiet - Mode - die Sache fällt, hätte er eine Bemerkung erwartet. Aber er übersieht die Wollkappe mit der gleichen Nonchalance wie die anderen.

Was nur bedeuten kann, dass der Trend gegen die Kunstfaser, gegen die Marke und gegen die Globalisierung das Steel nun doch erreicht hat.

Lange Zeit hatte es nicht danach ausgesehen. Carl Schnell hatte der Bewegung den ideologischen Unterbau abgesprochen. «Alternative Technoparaden» hatte er die Aufmärsche der Globalisierungsgegner genannt. Und die Musik von Manu Chao «Quartierfest-Sound». Geri fürchtete schon, das Steel könnte mit dieser Haltung in die Isolation geraten. Aber wer war er, um daran etwas zu ändern? Da musste schon ein Robi Meili kommen und mit einer handgestrickten, markenlosen Strassensängerkappe den Bann brechen.

Geri reagiert noch am gleichen Abend. Er mustert seine fast neuen Stretch-Sachen aus und ruiniert zwei teure Hemden beim Versuch, mit dem Nagelscherchen den Polospieler herauszutrennen.

Er entglobalisiert seinen Kühlschrank um zwei Danone-Joghurts, einen Ice-Tea (Nestlé!) und ein Fanta (Coca-Cola!). Bei einer angebrochenen Flasche Perrier (Nestlé?) ist er sich nicht ganz sicher und lagert sie im Besenschrank zwischen.

Im Bad, beim Entfernen des Heftpflasters über dem Edelweiss, betrachtet er sein Tattoo zum ersten Mal unter dem Aspekt der jüngsten Trendwende. Könnte es nicht als sein persönlicher Protest gegen Globalisierung verstanden werden? Ist es nicht sein ureigenes Bekenntnis zum Kleinen, Nationalen, Regionalen sogar?

Könnte es nicht - wie Robi Meilis Wollkappe, aber nachhaltiger - als Symbol für Geris Solidarität mit der Erhaltung des Multikulturellen, als Fanal gegen den globalen Gleichmachungstrend interpretiert werden?

Am nächsten Abend kreuzt Geri in einem markenlosen T-Shirt Grösse XL im Steel auf. Die Ärmel sind so weit, dass sie hochrutschen, wenn Geri für eine Bestellung den Arm hebt. Und den Blick auf sein Edelweiss freigibt.

Geri muss vier Tequila mit Eis bestellen, bis Susi Schläfli endlich aufschreit: «Iiii, Geri hat ein Edelweiss tätowiert!»

«Jedem Kulturkreis sein Blümchen», sagt Geri, wie geplant.

«Das Edelweiss ist kein Blümchen», korrigiert ihn Robi Meili. «Das Edelweiss ist ein Markenzeichen.»


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