Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind Sie?
IN EINER Künstlerkneipe begegnen sich zwei in Zerrissenheit geübte Individuen. Beide wirken hier fremd, obwohl A, ein möblierter Herr Ende vierzig, kurzhaarig, glatt rasiert, im übrigen anständig, aber unsorgfältig gekleidet, Stammgast zu sein scheint und vor seinem üblichen halben Elsässer sitzt. Der eben eingetretene, äusserst sorgfältig und gediegen gekleidete, um zehn Jahre jüngere B zieht erst vornehm die Nase kraus und geht dann zögernd auf A zu, den er flüchtig kennt.
A: (erhebt sich, gichtgeplagt) Ach Sie, Herr äh . . .?
B: (abwehrend) Ein alberner Name, ich möchte weiss Gott lieber Heinrich oder Wilhelm heissen, das können Sie mir glauben.
A: (mitfühlend, da er selber die Initialen seines Schöpfers erdulden muss) Auch ich nenne mich gern anders, mit unbürgerlichem Namen. Überhaupt, die Menschen! Rundheraus gesagt: Ich fühle mich einer anderen Spezies zugehörig. Manchmal glaube ich, ich sei eine Bestie, nur mit einem dünnen Überzug von Erziehung und Menschentum darüber.
B: (streicht sich über sein korrekt gescheiteltes Haar) Es ist nötig, dass man irgend etwas Aussermenschliches und Unmenschliches sei, dass man zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe, um imstande zu sein, damit zu spielen, es wirksam und geschmackvoll darzustellen. Das gesunde und starke Gefühl hat keinen Geschmack.
A: (erregt) Es ist eine schöne Sache um die Zufriedenheit, um die Schmerzlosigkeit, um diese erträglichen geduckten Tage. Nur steht es mit mir leider so, dass ich gerade diese Zufriedenheit gar nicht gut vertrage. Denn dies hasse ich von allem doch am innigsten: diese Gesundheit, Behaglichkeit, diesen gepflegten Optimismus des Bürgers, diese fette gedeihliche Zucht des Mittelmässigen.
B: (mit nervösem Zucken) Gewiss, dieser Fluch. Schon früh fängt man an, sich in einem rätselhaften Gegensatz zu den anderen, den Gewöhnlichen, den Ordentlichen zu fühlen. Der Abgrund von Ironie, Unglaube, Opposition, Erkenntnis, Gefühl, der einen von den Menschen trennt, klafft tiefer und tiefer. Was für ein Schicksal! (indem er wohlgefällig seiner ersten literarischen Erfolge gedenkt) Wenn nicht die Vergnügungen des Ausdrucks uns wach und munter erhielten . . .
A: (gequält) Ich weiss nicht, wie das zugeht, aber ich, der einsame Hasser der kleinbürgerlichen Welt, ich wohne immerzu in richtigen Bürgershäusern, das ist eine alte Sentimentalität von mir. Wie liebe ich nur schon den Geruch von Terpentin und Seife, von Bodenwachs und Araukarien!
B: (vertraulich) Wie Sie stehe ich zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolgedessen ein wenig schwer. Aber meine tiefste und verstohlenste Liebe gehört den Blonden und Blauäugigen, den Gewöhnlichen. Schelten Sie diese Liebe nicht, sie ist gut und fruchtbar. Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit. A murmelt etwas von «schizophren», steht auf und empfiehlt sich.
A und B gehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Nicht so ihre Verfasser, die zeit ihres Lebens eine mehr oder weniger temperierte Freundschaft verbindet. Anlässlich des 70. Geburtstages des Schöpfers von A steht sein Kollege nicht an, dessen Opus in der «experimentellen Gewagtheit» mit einem literarischen Meisterwerk des Jahrhunderts zu vergleichen, einem freilich, das beiden Autoren nicht sonderlich geheurer sein mochte.
Wer und wer?
A ist der Steppenwolf Harry Haller aus dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse (1927); B ist Tonio Kröger aus der gleichnamigen Novelle von Thomas Mann (1903). Der Vergleich bezieht sich auf James Joyces «Ulysses».