NZZ Folio 10/95 - Thema: Das Volk   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Wir sind kein Volk

Von Lilli Binzegger

Mit dem Schlachtruf «Wir sind das Volk!» haben Millionen von DDR-Bürgern 1989 eine Einigkeit demonstriert, wie sie ein Volk wohl nur in Revolutionen, im Krieg oder in Zeiten der Bedrohung aufbringt. Wir sind das Volk: Da waren gleich zwei der ganz grossen Dinge auf eine einfache Chiffre gebracht. Denn wer ist das Volk, wenn es nicht, wie die DDR-Bürger es taten, ein gemeinsames Ziel verfolgt, beseelt ist vom Wunsch nach etwas derart Fundamentalem wie Freiheit, Bewegungsfreiheit, vom Wunsch, nicht mehr in einem ummauerten Land zu leben? Eine andere Frage ist, was Freiheit im einzelnen bedeutet, wenn man sie einmal hat, und wie man mit ihr umgehen soll. Volk und Freiheit, das sind zwei gleichermassen schwer fassbare Begriffe.

In der Schweiz hat sich die Bevölkerung letztmals während des Zweiten Weltkriegs als Volk gefühlt, als sie in legendärer Einigkeit Pflöcke gegen geistige und reale Bedrohung einschlug. Erst die gemeinsame Sache macht eine Bevölkerung zum Volk (dass das so gut ins Unheil wie ins Heil führen kann, hat uns dieselbe Geschichte gelehrt). In sicheren Zeiten, in denen stets weit mehr Werte Gültigkeit haben, mag man sich vielleicht einmal als «das Volk» (das arme) fühlen, wenn die Politiker wieder einmal an einem vorbeipolitisiert haben, oder man nennt jene «das Volk» (das dumme), die wieder einmal falsch abstimmten, und je nachdem gehört man dazu oder nicht. Ein wirkliches Volk haben wir nicht. Weiss man, wozu es imstande sein, welche Flächenbrände eine einheitliche Volksmeinung entfachen kann, dann möchte man sich auch gar keines wünschen.

Natürlich ändert das nichts daran, soll es auch nicht, dass in diesen Tagen und Wochen in unserem Land wie alle vier Jahre alle unsere Volksparteien wieder in unser aller Volksseele zu gucken versuchen, um dort auszumachen, was diese sich wünscht. Sie werden diese Wünsche zwar wohl nicht erfüllen, aber immerhin wohlmeinend ins Parteiprogramm aufnehmen. So soll in unserem Heft denn auch von dem im grossen und ganzen freundlichen und gutartigen - nämlich uneinigen - Volk die Rede sein, vom Volk also, das es gar nicht gibt, und von jenen, die es auf sich nehmen, es dennoch zu vertreten.


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