NZZ Folio 10/05 - Thema: Reich und Schön   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Die Flüchtigkeit

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

Bei einem Duftstoffhersteller lernte ich einmal einen Techniker kennen, der sich in einem Chemie-Abendkurs weiterbildete. Bei der Abschlussprüfung musste er vier unbekannte Substanzen bestimmen, aber statt sich der Laborinstrumente zu bedienen, roch er bloss daran – und schrieb die richtige Formel hin.

Der Geruch der Dinge versetzt uns auf wunderbare Weise in die Lage, Moleküle zu «sehen», und die Pafumerie folgt den Gesetzen dieser unsichtbaren Welt. Ein Molekül hat einen Geruch (nach Pfirsich, Salami, Vanille); eine Flüchtigkeit (bei kleinen Molekülen dauert es Sekunden, bis sie verdunstet sind, bei grossen bis zu Tagen); und eine Intensität (wie viel es braucht, bis man es riechen kann).

Wenn Sie ein Parfum auf Ihre warme Haut sprühen, ist das etwa so, als schössen Sie auf einem Strand, der von vielen Vogelarten bevölkert wird, mit einer Startpistole: Zuerst flattern die kleinen Vögel in die Luft – Reiher und Pelikane brauchen viel länger. Wäre der Strand ein Duftstreifen und der Pelikan ein Moschusmolekül, dann hätte der Strand eine Breite von 200 Kilometern. Ein Duftakkord aus einer Mischung von Vögeln unterschiedlicher Grösse stellt sich nur zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt nach dem Startschuss ein und hält vielleicht nur wenige Sekunden an.

Für den Geruch von Lychee in einem fruchtigen Duftensemble braucht man ein kolibrigrosses Molekül namens Dimethylsulfid. Es haftet nur für Sekunden auf der Haut, darum kommt Lychee nur als flüchtige Kopfnote vor. Umgekehrt ist es unmöglich, eine Kopfnote aus Moschus herzustellen, es sei denn, die ganze Komposition beschränkt sich auf diese eine Substanz, wie Helmut Langs Velviona.

Parfumeure wissen solche Dinge aus Erfahrung, trotzdem ist es erstaunlich, dass es nur eine seriöse Untersuchung dazu gibt. Sie wurde in den 1980ern von der grossen (inzwischen untergegangenen) Firma Roure durchgeführt: Eine Lehrtochter bestimmte den Duftwert (Flüchtigkeit vs. Intensität) von Hunderten von reinen Molekülen. Das Ergebnis der mehrjährigen Plackerei kann man noch heute an den Bürowänden von Givaudan R & D bewundern (die Roure aufgekauft haben). Angeblich handelt es sich um ein Betriebsgeheimnis, aber dank dem Fotokopierer ist es in die Hände der meisten Parfumeure gelangt.

Wer sich auf diese Werte versteht (was nur die wenigsten tun), beherrscht die Parfum-Zeit: Der kann Düfte komponieren, bei denen das Spiel nie unterbrochen und das Bühnenbild nie gewechselt werden muss; Düfte, bei denen, wie in den Akkordmodulationen des späten Richard Strauss, jeder einzelne Moment im nachfolgenden verschwimmt. Das beste Beispiel dafür sind die beiden Beyond-Paradise-Parfums von Calice Becker. Wie die Lehrtochter hiess, die seinerzeit die Tabelle erstellte? Dreimal dürfen Sie raten!




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