Milo Zachmann wurde 1936 in Basel geboren und lebt heute in Zumikon bei Zürich. Als Kinderarzt hat er sich auf die hormonellen Ursachen von Wachstumsstörungen spezialisiert. Nach Forschungsaufenthalten an verschiedenen Kinderspitälern in den USA und nach einem Forschungsstipendium an der School of Medicine der Universität von Miami habilitierte er sich 1972 an der Universität Zürich. Von 1978 bis 1998 arbeitete er am Kinderspital Zürich als Professor für pädiatrische Endokrinologie. Ausserdem war Milo Zachmann Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (SGP) und der Europäischen Gesellschaft für pädiatrische Endokrinologie (ESPE). Er hat für seine Tätigkeit zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderen 1986 den Fanconi-Preis der SGP und 1988 den Andrea-Prader-Preis der ESPE. Hat sich seine Arbeit im Lauf der Zeit verändert? «Die Patienten sind mündiger geworden und fragen mehr.»
Herr Zachmann, die Ritterrüstungen des Mittelalters, die man im Museum sehen kann, sind für Männer von einer Grösse von etwa 150 Zentimetern. Von heute aus betrachtet, wären sie alle kleinwüchsig und könnten also Ihre Patienten gewesen sein.
Es ist tatsächlich so, dass in unseren Breitengraden die Menschen im Laufe der Jahrhunderte durchschnittlich immer grösser geworden sind. Man spricht in diesem Zusammenhang von der säkularen Akzeleration.
Geht das so weiter?
Es sieht nicht danach aus. Den stärksten Wachstumsschub stellte man in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts fest, seit 1950 sind die Unterschiede von Generation zu Generation nicht mehr so gross.
Wie erklärt man sich das?
Mit den verbesserten Lebensbedingungen. Eine vitamin- und proteinreiche Ernährung verhindert Mangelerscheinungen, und die Impfungen bringen Infektionskrankheiten zum Verschwinden. Und dann gibt es noch die Theorie, dass das elektrische Licht eine Rolle spiele und stimulierend auf das Wachstumshormon wirke. Man stellte zum Beispiel fest, dass Ratten, die 24 Stunden beleuchtet sind, grösser werden als solche, die nur während 12 Stunden beleuchtet sind.
Männer werden meistens grösser als Frauen. Warum eigentlich?
Nun, mit dem Testosteron, dem männlichen Hormon also, hat das nichts zu tun, denn auch Männer ohne Testosteron werden grösser als Frauen. Einen Einfluss auf die Grösse hat das Y-Chromosom und auch die Tatsache, dass Buben zwei Jahre später in die Pubertät eintreten, nämlich etwa mit dreizehn, und dann den grösseren Wachstumsschub haben als die Mädchen. Bis zur Pubertät sind Mädchen und Knaben gleich gross. Mit dem Ende der Pubertät ist das Wachstum abgeschlossen. Übrigens: Der Grössenunterschied zwischen Männern und Frauen hat seit den fünfziger Jahren leicht zugenommen. Waren Männer um 1950 im Mittel 12 Zentimeter grösser als Frauen, so sind es heute 13 Zentimeter. Warum, weiss man nicht.
Sie haben sich spezialisiert auf Zwergwüchsige.
Stop. Wir sprechen von Kleinwuchs. Das Wort Zwergwuchs verwenden wir nie, nie. Denn ein Kind stellt sich da ein Männchen vor mit Käppi und einem grauen Bart und denkt: Bin ich das jetzt? Damit machen Sie einem Kind Riesenprobleme.
Was sind Ursachen von Kleinwuchs?
Da sind einmal die Knorpel- und Knochenkrankheiten, die verhindern, dass der Knochen richtig wächst. Sie sind genetisch bedingt. Musterbeispiel dieser Gruppe ist die sogenannte Chondrodystrophie, das ist, sagen wir, der Zirkusliliputaner. Kopf und Rumpf wachsen normal, Beine und Arme weichen von der Norm ab. Chondrodystrophie wird meist autosomal rezessiv vererbt, das heisst, beide Eltern sind Träger des Gens, aber gesund. Hier können wir nichts tun.
Welche Rolle spielen die Hormone beim Wachstum?
Eine Unterfunktion der Schilddrüse kann Wachstumsstörungen zur Folge haben. Dagegen haben wir heute in der Schweiz ein Screening-Programm, jedes Neugeborene wird automatisch untersucht. Stellt man eine Störung fest, gibt man Schilddrüsenhormone, das sind Tablettchen, die sind billig und einfach zu nehmen, und das Kind ist geheilt. Das ist sehr dankbar. Früher waren diese Kinder nicht nur kleinwüchsig, sondern auch geistig zurückgeblieben, das waren die sogenannten Kretins.
Und später kann es keine Schilddrüsenstörungen mehr geben?
Doch, und deshalb ist es wichtig, dass Eltern ihr Kind mindestens einmal im Jahr messen. Ein Kind mit erworbener Schilddrüsenstörung hört plötzlich auf zu wachsen, oder in der Wachstumskurve gibt es einen Knick. Weitere Symptome sind trockene Haut und extreme Kälteempfindlichkeit. Auch hier kann mit den Tabletten geholfen werden.
Dann gibt es Wachstumshormone.
Ja. Sauerstoffmangel, etwa bei Geburtskomplikationen, kann zu Wachstumshormonmangel führen. Denn die Hypophyse, das Organ, das das Wachstumshormon produziert, ist durch eine ganz feine Blutbahn mit dem Gehirn verbunden und also sehr anfällig auf Sauerstoffmangel. Wachstumshormonmangel ist nur in ganz seltenen Fällen genetisch bedingt.
Ein Kind mit Wachstumshormonmangel bleibt im Wachstum zurück. Welche Symptome zeigt es ausserdem?
Das Wachstumshormon spielt auch eine Rolle bei der Zucker- und Fettregulierung. Ein Mangel führt deshalb dazu, dass der Körper relativ viel Fett und relativ wenig Muskeln bildet.
Was kann man dagegen machen?
Wie alle Hormone der Hypophyse ist das Wachstumshormon ein Eiweisshormon, das heisst, es würde im Magen zerstört. Man muss es also direkt unter die Haut spritzen. Die Kinder machen das meist selber, es wird zur Gewohnheit, wie Zähneputzen etwa.
Und die Kinder holen auf, das Wachstum normalisiert sich?
Ja. Bis zum Ende der Pubertät wird das Wachstumshormon abgegeben, in der Schweiz übernimmt die Invalidenversicherung die Kosten. Optimal wäre es, wenn man auch danach weiterfahren könnte. Aber Wachstumshormone sind sehr teuer, das kostet schnell einmal 50 000 bis 60 000 Franken pro Jahr und Patient. In Amerika haben vermögende Veteranen Wachstumshormone als Jungbrunnen für sich entdeckt. Sie sind tatsächlich kräftiger, haben mehr Muskeln und weniger Fett am Körper. Aber ganz ungefährlich sind die künstlichen Hormone nicht, für das Herz etwa sind sie eine Belastung.
Woher nimmt man das Wachstumshormon?
Heute wird es gentechnologisch hergestellt. Früher musste man das Hormon aus der Hypophyse von Verstorbenen extrahieren. Wir haben das jahrelang gemacht, es ging halt nicht anders. Eine Hypophyse wiegt 0,6 Gramm, darin findet man etwa soviel Wachstumshormone, wie man einem Kind pro Tag spritzt. Es war eine Riesenarbeit.
Bis jetzt haben Sie Knochen- und Knorpelerkrankungen sowie Hormonstörungen als Ursachen von Kleinwuchs erwähnt. Gibt es noch andere?
Auch Chromosomenstörungen beeinträchtigen das Wachstum. Mädchen mit dem Turner-Syndrom etwa, sie haben statt XX einen Chromosomensatz von X0, bleiben relativ klein, selbst mit Behandlung von Wachstumshormonen. Auch eine längerdauernde Krankheit kann zu Kleinwuchs führen.
Wieviel wächst ein Kind pro Tag?
Im Rahmen eines deutschen Forschungsprojektes schoss man Mikrometallkügelchen unterhalb und oberhalb des Knies ein und konnte dann mit Hilfe von Mikromessungen genau festhalten, wie weit die Kügelchen auseinander wuchsen. Es zeigte sich, dass ein Kind, das eine Woche lang mit einer Mandelentzündung im Bett liegt, nicht wächst. Wenn es wieder gesund ist, holt es aber den Rückstand auf. Wachsen ist kein konstanter Prozess, sondern es verläuft in Schüben. Viele Kinder wachsen im Sommer mehr als im Winter.
Haben es grossgewachsene Menschen leichter im Leben?
Es gibt eine Untersuchung über amerikanische Präsidentschaftswahlen. Man hat festgestellt, dass von zwei Kandidaten immer der grössere gewählt wurde, ungeachtet der Partei. Es scheint also schon so zu sein, dass ein grosser Mensch imponiert. Aber heute, wo mechanische Muskelkraft keine Rolle spielt, ist das doch eigentlich ein psychologischer Atavismus.
Sie haben jahrelang mit Kindern gearbeitet. War das schwierig?
Die Kinder waren nie das Problem, eher die Eltern, die glaubten, besser Bescheid zu wissen als der Arzt. Und Teenager, nun, die wollen einen halt austesten. Wenn man sie ernst nimmt und ihnen beweisen kann, dass man nicht der grösste Dubel ist, so ist das meistens der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit.