NZZ Folio 06/95 - Thema: Kokain   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Schön wie ausgekämmte Haare

Von Wolf Schneider

WIE RIECHT DILL? Welche Farbe hat die Haut der Europäer, die oft in schrecklicher Vergröberung «die Weissen» heissen? Wie beschreiben wir die Wetterscheide, an der Hass jäh in Liebe umschlagen kann und umgekehrt? Da spüren wir, wie dürftig und wie grob im Grunde unser Wortschatz ist und wie wenig geeignet, Nuancen, Schwebezustände, halbe Heimlichkeiten zu benennen. Auch wo wir, wie bei unseren starken Gefühlen, die Worte besitzen, Qual, Wut, Hunger, Gier - da sollten wir nach Mitteln suchen, die nackten Begriffe mit Farbe zu versehen.

Ein schöner Behelf für beide Fälle, den Duft und den Hass, ist der Vergleich, in der Stilistik Gleichnis genannt und von der Metapher unterschieden: Während die Metapher, wörtlich «Übertragung», dem Leser eine Übersetzungsarbeit abverlangt («ein Wüstenschiff» - aha, er meint ein Kamel), nennt das Gleichnis beides, die Sache selbst und das, womit sie verglichen werden soll: «Klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben», predigte Jesus, sollten wir sein.

Solche Doppelung hat mehrere Vorzüge. Sie setzt sich nicht der Gefahr aus, missverstanden zu werden oder unverstanden zu bleiben - wie «der Ballhausplatz» als Standardmetapher in Berichten über die österreichische Regierung oder die durch die Presse geisternden «Computerviren», bei denen der Laie nicht erfährt, ob sie eine Metapher für mutwillige Störungen sind oder ob da wirklich ein Virus sein Unwesen treibt; Bakterien, die Schallplatten fressen, gibt es schliesslich. Der Vergleich vermindert ferner das Risiko unfreiwilliger Komik, von der an dieser Stelle schon die Rede war («Auch Eisberge kochen nur mit Wasser»); und mehr noch als die Metapher ist er geeignet, Kompliziertes verständlich, Abstraktes anschaulich zu machen.

«Die vielbeschworene Überalterung entsteht ja nicht dadurch, dass Alte vom Himmel fallen», schrieb Jean Lindenmann 1994 in der NZZ, «sondern dadurch, dass Kohorten des gleichen Geburtsjahrganges langsam die Alterspyramide hinaufturnen.» So entsteht ein Bild - also das Beste, was Sprache erreichen kann; und dass die Pyramide zu den eher abgegriffenen Vergleichen gehört, wird durch das langsame Turnen in Frische zurückverwandelt. Nietzsche lobte das Unangestrengte in der Kunst und schloss mit den Worten: «Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.» Über eine Aufführung von Beethovens Fünfter unter Carlos Kleiber jubilierte das Nachrichtenmagazin «Time», es sei, «als kehrte Homer zurück, um seine Ilias vorzutragen». Und Arno Schmidt fand für den Heldenwahn von Hitlerjungen Anfang 1945 den atemraubenden Vergleich: «Ihre Augen leuchteten wie die Scheiben brennender Irrenhäuser.»

Wenn sich Bildhaftigkeit mit dem richtigen Quantum Ironie verbindet, entsteht Vergnügen. Das Jodeln definierte der Kabarettist Dieter Hildebrandt als «den Information Highway oberhalb der Baumgrenze». An einer Kosakenfrau beobachtete Isaak Babel: «Ihre Brüste bewegten sich wie Ferkel im Sack.» Über das mehr als hundert Jahre lang immer weiter in die Länge gebaute und von einem Schornstein überragte Kulm-Hotel in St. Moritz konnte man lesen, es sehe aus «wie der Panzerkreuzer Potemkin im Trockendock». Der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr spottete über seine Kollegen: «Die Arroganz gehört zum Journalisten wie der Plattfuss zum Oberkellner.»

Da zeigt sich, wie sehr die Bosheit die Phantasie beflügeln kann. Der Wiener Feuilletonist Anton Kuh schrieb über einen ungarischen Gentleman: «Er sieht aus wie eine Kreuzung aus dem Polizeipräsidenten von Budapest mit einem, den er sucht.» Heine ohrfeigte einen geschwätzigen Handlungsreisenden, der sich im Harz zu ihm an den Tisch drängte, mit den Worten: «Er sah aus wie ein Affe, der eine rote Jacke angezogen hat und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute.»

Dass Dichter einander selten loben, schlägt sich auch in der Tücke der Vergleiche nieder. George Orwell sagte über James Joyce, sein Eifer im Erfinden neuer Wörter sei so absurd, als wenn einer allein Fussball spielen wollte. Robert Musil fand für eine Gedenkrede Thomas Manns auf Grillparzer das böse Gleichnis: «Der Herr Kollege hat eigentlich nur einige ausgekämmte Haare seiner schönen Prosa auf dem Grab Grillparzers niedergelegt.»

Man kann nicht einmal ausschliessen, dass es ein ebenso witziger wie perfider Vergleich war, der 1972 dazu beitrug, dass der CDU-Kandidat Rainer Barzel die Bundestagswahl gegen Willy Brandt verlor. Walter Scheel, der damalige FDP-Vorsitzende und mit Brandt in der sozialliberalen Koalition verbunden, brachte über Barzel den Spruch in Umlauf: «Das wäre die schlechteste Regierung, seit Caligula sein Pferd zum Konsul machte.»

Da ging es nicht mehr um Abstufung und Anschaulichkeit, sondern um den Versuch der politischen Vernichtung. Er ist eben zugleich eine Waffe, der Vergleich - von dem arabischen Dichter Ibn al-Haggag im Gleichnis besungen: «Wenn ich schweige, bin ich ein Basar von Wohlgerüchen; aber wenn ich singe, dann dampfen die Kloaken.»




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